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Wien | 21.2.2006 | 14:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Besuch in der medizinischen Abteilung.
  Oder: wie der ÖSV sich selber und auch sein Umfeld in seine schlimmste Krise stürzt.
 
 
 
  Von der Tatsache, dass diese sogenannte Doping-Affäre von Turin mit all ihren Razzien, wilden Richtern und Carabinieri, aus dem Fenster geworfenen Rücksäcken, in Panik abgereisten Läufern, offensichtlich überforderten Coaches, sich in Widersprüche verwickelnden Präsidenten und vor allem einem Chef-Schurken, der in Jack Bauer-Manier flüchtet und Polizei-Sperren durchbricht, dass dieser ganze Irrsinn also in einer späteren Verfilmung (ich denke da an einen RTL-Schock-Zweiteiler mit Uwe Ochsenknecht als Mayer-Walter) nur geschönt präsentiert werden müsste, weil die Grotesken im Detail als filmische Übertreibung nicht akzeptiert werden könnten, davon also sollte man sich nicht ablenken lassen.

In Wahrheit ist das die schlimmste Krise, die der heimische Skisport jemals zu bewältigen hatte. Und da der heimische Skisport untrennbar mit der heimischen Ski-Industrie und damit mit dem Tourismus verschränkt ist, geht es auch volkswirtschaftlich ans Eingemachte.

Man beachte, wie die tatsächlichen Machtträger in diesem Spiel reagiert haben: ÖSV-Boss Schröcksnadel hat sich ebenso wie Bundeskanzler Schüssel (der eher zufällig, und zwar als Lobbyist für die Olympia-Bewerbung von Salzburg für 2014, vorort war) auf eine klare Linie festgelegt: Mayer-Walter ist das Böse, der "uns", "unseren Sport" und das restliche Team da runter- und reinzieht. Und jeder, der erwischt wird, fliegt.
Diese Linie ist clever, weil sie sich komplett mit der aktuellen Befindlichkeit der Österreicher deckt. Die strukturellen Probleme, die dorthin geführt haben, berührt sie nicht.

 mayer und sein anwalt, beim prozeß 2004
 
 
  Nun kann ich mir nicht ernsthaft vorstellen, dass der Kanzler mit dem ÖSV-Chef, seinem Parteifreund, diese Probleme nicht auch anspricht und da (zumindest intern) auf eine prinzipielle Klärung drängt. Es hängt (siehe Tourismus) zuviel dran.

Aber spätestens hier wird die Zwickmühle klar: der ÖSV hat alles, was bei Olympia passiert ist, selber verbockt. Der ÖSV hat den international geächteten Mayer-Walter weiter als Coach beschäftigt, ihn zwar nominell degradiert, ihm aber de facto eine noch höhere Befugnis zugestanden.

Zum großen Glück des ÖSV hat der immer schon leicht neben der Spur lebende Mayer, der ein überaus mitteilungsbedrüftiges Ego sein eigen nennt, sich mit seiner James-Bond-Aktion selber als ganz leicht zu opfernder Sündenbock präsentiert.

Dass es soweit kommen musste, dass der Mayer-Walter bei Olympia vorort war, das ist dem katastrophalen internen Kommunikations-Management zuzuschreiben. Dass es in Italien ununterbrochen Doping-Razzias gibt, lässt sich jede zweite Woche im internationalen Sportteil eurer Wahl nachlesen. Dass Mayer fürs IOC seit der Blutbeutel-Affäre von Salt Lake ein rotes Tuch ist, wusste auch jeder.
Dass er sich, wenn er als "Privatperson" anreist, sowohl vor die TV-Kameras drängen wird, als auch allen internationalen Kontakten seine Anwesenheit körperfüllend vor Augen führen wird, war auch klar.

Das heißt: dem ÖSV, also Schröcksnadel, war das wurscht; man kalkulierte diese Provokation, ein wenig arg überheblich, ein.

 der präsident
 
 
  Dazu muss noch eines vorausgeschickt werden: in allen Kraft- und Ausdauer-Sportarten, an denen eine (oder mehrere) Industrien dranhängen, wird flächendeckend gedopt. Man kann es auch "medizinisch betreut" nennen, oder es unter "human research" abspeichern.

In jedem Fall wird die Doping-Liste bis ans äußerste ausgereizt, man ist ständig auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen 'soviel Effekt wie möglich erzielen' und 'dem Athleten mittelfristig nicht schaden'. Das immerhin: die Tage in denen sowjetische, chinesische oder DDR-deutsche Betreuer-Verbrecher problemlos Menschenleben aufs Spiel setzten, die sind vorbei.
Doping, die Doping-Jagd und die Überlistung der Doping-Jäger, das ständige Entlangschrammen an den Verbots-Listen, das sind ertragreiche Zweige in der sogenannten Sport-Medizin.

Und, nochmal: in allen Kraft- und Ausdauer-Sportarten, an denen Industrien dranhängen, wird flächendeckend gedopt. In allen. Auch im Wintersport.
In manchen Bereichen macht das mehr Sinn als in anderen.
Und: die medizinische Betreuung ist auch immer eine Frage des Stils.
Welchen Stil Mayer-Walter so an den Tag gelegt hat, kann man dieser Tage gut verfolgen. Mit einer Außendarstellung wie der der Österreicher präsentiert man sich geradezu als Zielscheibe für die Doping-Fahnder.

 coach gandler
 
 
  Nun gibt es zwar eine weltweite Doping-Agentur, die Handhabung unterliegt aber den nationalen Exekutiven.
Und da gibt es verschiedene Ansätze.

Ich möchte bei einem Sommersport-Beispiel, dem Radsport, bleiben.
Die sehr strengen Italiener (es gibt da eine interessante linke Tradition der investigativen Staatsanwälte) ließen den gesamten Giro platzen und verfolgten etwa ihren Champion Marco Pantani, bis der sich den goldenen Schuss setzte.
Die sehr vorsichtigen Franzosen wollten ihren Kulturexport (die Tour de France) hingegen nicht allzu stark beschädigen, und ließen deshalb etwa erst nach dem Karriereende von Lance Armstrong dessen (mögliches) Doping-Vergehen wenig dezent durchsickern.
Die unentschlossenen Deutschen ließen ihren Jan Ulrich wie weiland Franz Biberkopf leichten Herzens über die Klinge springen, nur um sich dann am Comeback-Kampf wieder aufzubauen, und somit ein noch verstärktes Interesse für den Sport zu lukrieren (was vor allem im Sinn eines großen Telekom-Unternehmens ist).
Unterschiedliche Strategien also.

Gedopt wurde überall. Erwischt wurde immer jemand. Die Dunkelziffer ist enorm.
Nur die Naivität derer, die an dopingfreien Spitzensport (im Bereich Kraft und Ausdauer) glauben, ist noch enormer.

Einschub: natürlich kann und wird auch in allen anderen Sportarten unerlaubt gepusht (werden).
Trotzdem: solange es kein praktikables Doping für den genialen Pass, die richtige strategische Änderung und den gewitzten Trick gibt, sind mir diese (meist Team-)Sportarten allemal recht und lieber.

Einschub 2: natürlich gibt es auch in Ausdauer-Bereichen dann Felix Gottwalds, die sogar auf die "harmlosen" Präparate verzichten, auf die sogenannten Nahrungsergänzungmittel oder den ganzen isotonischen Dreck scheißen.

 pantani
 
 
  Nun ist Doping ja kein neues Problem.
Und mein Ceterum Censeo zu diesem Thema auch nicht, auch wenn es immer noch radikal klingen mag: Freigabe. Unter deutlicher medizinischer Kontrolle, aber Freigabe.

Denn damit erspart man sich zweierlei: das "Wir sind so sauber"-Gelüge, die Bigotterie in den Augen der Carl Lewise, die dann als Saubermänner durch die Weltgeschichte laufen, nur weil sie nie bei großen Erfolgen erwischt wurde bzw das dort vertuscht wurde, und die Ben Johnsons dieser Welt anklagen, die (Mayer-Walter-mäßig) großkotzig in Fallen getappt sind.
Und auch eine völlig überflüssige und teure Doping-Verschleierungs-Industrie.

Für die Sportler macht das keinen Unterschied.
Jeder junge Ausdauer- oder Kraftsportler wird sich so wie bisher irgendwann entscheiden müssen: aufhören bzw das Ganze nur noch hobbymäßig machen oder versuchen auf internationales Niveau zu kommen; und das bedingt den Besuch der medizinischen Abteilung, die dann einmal nachschaut, "was man da machen kann..."

Mittlerweile weiß jeder, der diesen Schritt macht, auch um die Gefahren: die Ergänzungsmittel, die Sport-Substis, mit denen man dann gefüttert wird (mittlerweile nur noch in den selteneren Fälle von ehemaligen russischen oder Ossi-Trainern, die ihre Mittelchen immer noch dabei haben), werden den Körper verändern und angreifen und beeinflussen. Das ist der Preis für den möglichen Erfolg.

Diesen Deal gehen sie also bewusst ein.
Deswegen würde die Freigabe hier auch keine Änderung, sondern nur bessere Kontrolle bringen.
Mit all den vorhin angeführten Begleiterscheinungen (keine öffentliche Verlogenheit, weniger Zuschauer-Verarsche) also gar kein schlechter Deal.

 
 
  Die unangenehme Seite des Tiroler-Seins, die knorrige Verweigerung von Kommunikation, dieses Weg-Bellen anstatt Zsamm-Reden, das Schröcksnadel so meisterhaft beherrscht, würde sich dadurch natürlich nicht ändern.
Und die Crux innerhalb der Bereiche des ÖSV, in die der Chef direkt reinregiert, würde bestehen bleiben.

Dort, wo starke Leute eigenständig agieren und jahrzehntelang aufgebaute (alternative) Philosophien verfolgen (die Springer und die Nordischen Kombinieren etwa, mit Innauer oder Chromecek) klappt es: da sind echte Teams am Werk.
Wo hingegen das Team-Management im Argen liegt, dort setzen sich nach einem Schlag von außen die Betroffenen nicht zusammen, sondern stieben auseinander wie eine Horde Hornissen, zerbröseln so wie das Langlauf- und das Biathlon-Team, zerfallen in Einzelteile, überbieten sich in Schuldzuweisungen. Schließlich machts der Chef vor.

Der Chef vom Chef, der sich dieser Tage vorort seine Lobby-Arbeit für Salzburg in den Schnee reiben kann, wüsste wie man das besser machen kann.
Es bleibt aber zu bezweifeln ob er sein Können da an den Mann bringen kann. Oder es nicht eher dafür aufbringen muss, den Schaden für das internationale Österreich-Image so klein wie möglich zu halten. Mehr zu ihm dann im übrigen morgen.

 
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