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Wien | 22.2.2006 | 14:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Besuch bei Schüssels.
  Der Kanzler als Handpuppe oder: das komplizierte Wesen von politischer Satire.
 
 
 
  Der Kanzler ist dieser Tage allgegenwärtig. Kürzlich als Revisor im Ski-Wirrwarr zu Turin bildfüllend in den TV-Stuben, und gestern abend dann als Star seiner eigenen Theater-Show im Rabenhof: da hatte "Bei Schüssels", die Handpuppen-Revue von maschek nämlich Premiere.

"Viel zu gut ist er weggekommen", sagt E. nachher in der U-Bahn, als sich das geneigte Publikum auf dem Weg nach Hause über die Details des Gesehenen unterhielt.
Ja, kein Wunder.
Denn den Wurschtl kann keiner erschlagen. Und in einem Kasperltheater umweht die Hauptfigur immer etwas Gewitztes, also etwas, das sympathisch macht.

Nun hat das politische Puppentheater, die sarkastische Verächtlichmachung der Mächtigen natürlich eine jahrhundertelange Tradition. Respektlosigkeit wegen Machtlosigkeit, ein elegantes Tauschgeschäft, das von den klugen Systematikern der Macht auch nie ernsthaft in Frage gestellt wurde.

Denn der Mächtige, der mit einer Puppe, einer verzerrten Darstellung seiner selbst, bedacht wird, hat es ja geschafft, sich sein Ego, seine Ansichten und Interessen breitestmöglich zu streuen.

 
 
  Dahinter läßt sich dann auch eine Menge wegstecken.
Denn: wann oder wo auch immer ganze Strukturen und Philosophien hinter einer Einzelperson zurückbleiben, gewinnt diese.

Niemand ist imstande eine Kunstfigur, und sei es eine von Gerhard Haderer designte Puppe zu entwickeln und mit Leben zu erfüllen ohne ihr auch einen Deut Sympathie mitzugeben. Und das überträgt sich. Auch mit dem allerschlimmsten Shakespeare-Held, auch mit dem buckligsten aller Monster leiden wir mit.
Anders gehts nicht.

Also kommt er gut weg, der Kanzler, in "Bei Schüssels", dem rabiat-klugen Puppenspiel, der überzeichneten Groteske.
Denn inmitten all der anderen lustigen Nebenfiguren ist der Hauptdarsteller viel mehr Pezibär als Kasperl. Seine Mitspieler haben alle exakt eine hochgerechnete Real-Eigenschaft, auf der sie herumtänzeln dürfen: Gusenbauer ist ratlos, Khol bieder-katholisch, KHG ein dummer Bub, Frau Merkel steif, Berlusconi ein geiler Gockel und Putin ein KGBler. Nur Christa "Gigi" Schüssel hat neben einem christlich-sozialen Herz auch einen Eso-Spinner, also gleich zwei Gesichter.

Und Wolfgang, der Hausherr, ist die vergleichsweise komplexeste Figur, fast ein Pezibär eben, ein wenig nervig und flippig, aber in seinen Handlungen absolut nachvollziehbar - und deshalb unterschwellig Sympathie-Träger.

 
 
  Nicht, dass das Kasperl-Theater nicht gut funktioniert: es ist schnell gespielt, perfekt synchronisiert (Puppenspieler und maschek-Stimmen, das klappt eins A), hat ein flottes Feydeau- bis Fo-artiges Buch, und knüpft in seiner derben Unverschämtheit an wunderbare österreichische Traditionen an: die Dialoge sind realistisch, böse, blöd, spaßig, schlau und rauh.
Und sie erreichen ihren Zweck: die Menschen in der Reihe direkt vor mir unterbrachen ihre Lacher und Luftschnapper nur um einander durch Wiederholung der letzten Gag-Zeile zu versichern, dass sie ihn eh richtig verstanden hätten, den rauhen Witz.

Natürlich kann ein Volkspuppenspiel, das auch mit tiefen Schmähs und populistischen Untergriffigkeiten arbeitet (arbeiten muss) keine feingeschliffene Polit-Satire nach feuilletonistischen Ansprüchen sein; es kann keine Gegenentwürfe liefern; und es kann vor allem wenig ausrichten, was das Erkennen von Strukturen und Hintergründen betrifft. Es hält keine Grundlagen bereit, sondern personalisiert.

Das ist per se die Schwäche dieser Kunstform.
Dass sie aber trotzdem eine wichtige Funktion einnimmt, wissen wir allerspätestens seit "Spitting Image", der unerhörten englischen Puppenshow der 80er.
Ursprünglich war Spitting Image eine Reaktion des Gefühls der Machtlosigkeit gegen den herrschenden Thatcherismus, die daraus resultierende soziale Kälte und die neoliberale Politik ihrer Regierung.
Interessanterweise überlebt Spitting Image zwar den Thatcherismus, ging dann aber in den nachfolgenden Major-Jahren zugrunde, schaffte also keinesfalls eine politische Wende.

 
 
  "Bei Schüssels" sollte also nicht als politische Willenskundgebung missverstanden werden - die Beteiligten wissen um die Unmöglichkeit dieser Mission auch Bescheid.
Ich deute das Kasperltheater vielmehr als einen Versuch zur Normalisierung der politischen Kultur des Landes, in der viele anderswo als selbstverständlich geltende Aktionen unbekannt und deshalb verpönt sind. Eine gute regelmäßige Kasperliade oder Puppen-Satire gehört da zweifellos dazu. Unter anderem.

Mehr leistet "Bei Schüssels" nicht. Es erspart niemandem die grundlegende Beschäftigung mit den wichtigen Themen, es erspart nicht einmal die Auseinandersetzung mit politisch relevanten Personen, es enthebt also niemanden der zentralen politischen Arbeit, die jeder bewusste Republikaner für sich selber leisten muß.

"Bei Schüssels" ist nur ein Spaß, und nicht der dümmste und nicht der unentspannteste und nicht der fadeste.

Bei Schüssels läuft im Wiener Rabenhof das nächste Mal am 23., 24. und 25. 2., dann noch zehnmal im März und auch noch Anfang April.

 
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