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Wien | 8.6.2006 | 12:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
WM-Journal '06. La vida sin futbol no es vida.
  Die kurzen Vorbereitungen aufs lange Turnier, der Hinweis auf einen Podcast und eine kleine Schweizer Überlegung.
 
 
 
  Es wird der einen und dem anderen schon aufgefallen sein: das von vielen an dieser Stelle erwarete Einzählen und Vorabzelebrieren der Fußball-WM ist ausgeblieben. Das hat zwei Gründe.

Zum einen ist es anno 2006 schlicht und einfach nicht mehr notwendig Fußball intellektuell und philosophisch hochzuschreiben, wie es in den bereits verblassenden Jahren der Jahrtausendewende noch der Fall war, als eine leitkulturell hochnäsige Indie-Gesellschaft sich in diesbezüglicher Blasiertheit gefallen hat.
Mittlerweile sieht man den "Also ich weiß nicht, was an diesem Spiel dranseinsoll"-Nörgler an wie jemanden, der nicht verstehen kann, warum er sich zb mit der englischen Sprache auseinandersetzen sollte.

Fußball ist in seinen mitschwingenden Dimensionen also nicht nur DER Sport der Menschheit, sondern wird heute auch in seiner gesellschaftlichen und vor allem auch seiner soziologischen Bandbreite erkannt, diesbezügliches Preaching wäre mittlerweile also fast schon kontraproduktiv.

 
 
  Was mich direkt zu Grund zwei führt: die Überfütterung.

Nie mehr wird uns eine Fußball-Weltmeisterschaft, das medial ohnehin größste Sportereignis des Erdenrunds so NAHE kommen, geographisch und damit berichterstattungs-technisch.
Das hat jeder gemerkt, der sich in den letzten Monaten in Deutschland herumgetrieben hat.

Dieses Trommelfeuer an anstrengender Promotion, an unnützen Trittbrettfahrer-Blödsinn, aber auch an eilfertig zusammengetragenen Publikationen oder Dokumentationen höchster Güteklasse hat vor allem eine Konsequenz: Überdruß.
Nach dem 70sten Bonbon geht auch dem Pralinen-Tiger die Hutschnur hoch - würde ich sagen, wenn ich vom vor allem bundesdeutschen Medien-Einfluß schon übermannt wäre.
Deshalb waren hier also bislang keine einführenden Worte, Tipps auf hinführende Bücher oder Filme oder auch Radiosendungen zu lesen.

Einschub: ich denke, dass dieses Info/Promo/Lalli-Sperrfeuer in zwei Jahren nicht viel umfassender sein wird. Let's see.

 
 
  Dieses Völle-Gefühl hat mich in den letzten Wochen dazu getrieben mich so ziemlich ausschließlich mit dem Eigentlichen zu befassen: dem Spiel an sich und seinen Akteuren bzw dem Stand ihrer spielerischen und geistigen Fitness. Testspiele anschaun overrult die 23. Doku über das Wembley-Tor.
Obwohl..., egal...

Es stellt sich mir aber doch eine zentrale Frage: kann inmitten dieser gnadenlosen Überfütterung, die auch im Verlauf der WM nicht haltmachen und bis zum noch so kleinen Wehwechen des nun doch nicht nachnominierten serbischen Trainersohns reichen wird, ein tägliches Web-Log irgendwie Sinn machen, wenn es drauf verzichten will die medial vorgegebenen Themen mittels Schwarz/Weiß-Klischee-Erwähnung abzuhandeln, sondern sich einzig mit den gesehenen Spieln beschäftigen will?

Ja, und weil ich da keine befriedigende Antwort gefunden habe, setz ich eben noch einen drauf: das WM-Journal wird es (in einer dezent eingedampften Form) auch als Podcast geben, jeden Tag so gegen elf, halb zwölf, mit nichts anderem als meinem subjektivem Senf zu den Spielen vom Vortag.

 
 
mit dank an n. fürdieses bild von drüben...
 
 
  Wahrscheinlich wird alles wieder in selbstgeknüpften Assoziations-Ketten hängenbleiben. Wobei sich da natürlich auch eine Frage stellt...

Zurück zur WM 66-Doku, die ich vorhin vorgab nicht gesehen zu haben. Beim ersten Spiel der deutschen Mannschaft gegen die Schweiz erwähnte der Kommentator zu Spielbeginn zwei Schweizer Spieler, die aus disziplinären Gründen aus dem Kader geworfen wurden - sie hatten ein wenig zu viel Party gemacht. Einer der Namen war Kuhn. Am nächsten Tag hab ich dann in der WM-Spezial-Beilage einer schweizer Zeitung gelesen, dass es sich dabei tatsächlich um den jetzigen Teamchef Jakob "Köbi" Kuhn handelte; und dass diese kleine Eskapade - man hatte sich von ein paar "Mädli" (Zitat Kuhn) in einem Cabrio auf eine nächtliche Spritztour einladen lassen; am nächsten Tag ließ der Verband die betreffenden Spielerfrauen einfliegen - nicht die einzige war, Kuhn flog ein paar Jahre später nochmal aus dem Team.

Nun ist Kuhn, wie mir Schweizer Bekannte erzählen, mittlerweile zu einem strengen Zuchtmeister avanciert, der zb in einem Streit mit dem talentierten Blaise N'Kufo eine (trotz der aktuellen Stürmer-Not der Schweizer) eine seltsame Haltung einnahm, die ihm einen wenig dezenten Rassismus-Vorwurf einbrachte.
Und das echot nach in mir, wenn - wie gerade eben - der ebenfalls dunkelhäutige, ebenfalls junge Johann Vonlanthen im letzten Moment aus dem Kader genommen wird, obwohl der seine Verletzung als nicht problematisch ansah.
Dass Kuhn einen anderen Schwierigen, Altstar Hakan Yakin, nachnominiert hat, erschwert dieses Puzzle.


 
 
  Denn: was fange ich mit all diesen Informationen an?

Ich kann so vorgehen, wie es im "modernen" Sportjournalismus Usus ist: ich kann mir die Fakten so zurechtlegen, dass sie in jedem Fall einsatzfähig sind.
Stinkt die Schweiz ab, kann ich die Kuhn/NKufo/Vonlanthen-Geschichte als Beleg vorlegen. Im Erfolgsfall muß man nur so vorgehen wie die Schweizer Presse, die gnadenlos hinter Kuhn steht und Vonlanthen als Unruhestifter ausgemacht hat. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich anderswo.

Außerdem spielt die Schweizer Nati unter Kuhn seit bereits Jahren einen sehr schönen, technisch hochwertigen und kllugen Offensiv-Fußball; und sie tritt selbstbewußt auf.

In Wahrheit sind also alle Infos, alles Wissen, alle Ansätze und Vermutungen nur Bausteine, die in ein vorgefertigtes Gerüst eingepaßt werden. Und die großen Medien-Unternehmen haben ebenso Gerüste (die dann wiederum von großen Wirtschafts-Unternehmen wie Sportartikel-Weltmarktführern diktiert werden) wie der Fan-Schreiber sein Emo-Gerüst bereits fertig hat.

Die Anforderung an mich selber kann also nur sein, keine Klischee-Taste zu bedienen und nicht auf alte Gerüst-Reste in meinem Hinterkopf reinzufallen. Das wird hart genug. Und beginnt bei der völlig unsinnigen vorabkursierenden Gretchenfrage "Werglaubstndudassweltmeisterwird?"
Dazu morgen mehr.

 vonlanthen, kuhn und captain vogel, in besseren zeiten.
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