fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 11.6.2006 | 12:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
WM-Journal '06. Der zweite Tag.
  Warum Trinidads Team vor der WM scheinbar unsichtbar war und wie sich die alten Rivalen England und Argentinien an Kühle zu überbieten trachteten.
 
 
 
  Ich pflege ja seit bereits geraumer Zeit eine nicht gerade geheime Liebes-Affäre mit dem kleinen Karibik-Staat Trinidad & Tobago, sportlich gesehen, was eigentlich nichts weiter zur Sache tut, außer, dass mich dieser neckische Spleen vor zwei Wochen nach Graz geführt hat, um meinem Team dort bei einem WM-Test auf die Beine zu schauen.

Sowas kann man natürlich von niemandem verlangen, von normalen Fußball-Fans sowieso nicht, ich verlang es nicht einmal von der sogenannten Sportfachpresse, dass sie so ein Spiel nützt, quasi auch als Vorbereitung für die WM und sich also nach Graz begibt und mit 8000 anderen so ein Spiel an Ort und Stelle anschaut.
Muss ich auch nicht: schließlich wurde dieses Spiel ebenso wie ein paar Tage später ein Test der Trinidadians, wie ich sie nennen darf, gegen die lustige Mannschaft aus St. Pauli auch live im TV übertragen.
Und immer trat der Sport-Zwerg meines Herzens, die Mannschaft, die der weise Holländer Leo Beenhaker in die WM-Endrunde geführt hatte, mit exakt demselben System an.

 Das WM-Journal gibt's auch als Podcast: fm4.orf.at/podcast
 
 
  Komisch, dass dann in den Sportteilen der Zeitungen, in den dortigen Vorschauen ein ganz anderes Team avisiert wurde.
Ich war verunsichert: hat Beenhaker tatsächlich im letzten Moment, wie hier plötzlich in uniformer Sicherheit behauptet, die langen Innenverteidiger auf die Außenpoistionen gestellt, was ja taktisch eher gar keinen Sinn macht?
Und lässt er seinen Star, den ehemaligen Manchester United-Helden Dwight Yorke nun doch wieder offensiv hinter den Spitzen agieren, nachdem der die gesamte Quali und die gesamte Vorbereitung eine Art Quarterback mit vorrangigen Defensivaufgaben vor der Abwehr gespielt hatte?
Nach einer Spielminute gegen die ganz gelben Schweden war klar: nein, alles wie gehabt, alles wie in Graz und St. Pauli. Und noch eins war klar: die Selbstaufgabe von so etwas wie Sportfachjournalismus in Österreich.
Mehr als das Abpausen von inkompetenten Agentur-Vorgaben ist nicht; selbst wenn man's in zehn Tests hätte selber sehen und besser wissen können.

Und, zu allem Überdruss, selbst heute in den WM-Specials in den Plastik-Taschen: immer noch die falsche Aufstellung.
Die sogenannte Fachpresse ist also nicht nur vorab-ignorant, sondern auch hinterher-blind.

 
 
  Das ist auch deswegen ein bissl tragisch, weil sich genau mit diesen Zutaten ein ungutes Schwarz-Weiß-Malerei-Safterl kochen lässt: jetzt sind die Außenseiter aus TnT tapfere Helden, die aktuell durchs Dorf getriebene Sau; wenn sie im nächsten Spiel gegen England dann abserviert werden, folgt apathisches Desinteresse und die nächste Sau kann kommen. Wie die Sau läuft, spielt, denkt und agiert, kommt in diesen Klischee-Gemurkse natürlich nicht vor, wiewohl das die primäre Aufgabe einer funktionierenden Berichterstattung wäre.

Lustig ist nur, dass sich gerade Österreichs Sportjournalisten gern drüber beschweren, dass die deutschen Kollegen "unsere" Spielernamen nicht kennen oder falsch aussprechen - das klassische Louis de Funes-Phänomen also, nach oben (zu den vermeintlich Großen) buckeln und wichtig sein wollen, aber nach unten, an den vermeintlich Kleinen (auch wenn das derzeitige Ö-Team gegen diese Soca-Boys große Schwierigkeiten hätte...), auch wenn es der Job ist, nicht die Bohne interessiert sein.

Gut, mein Job ist es nicht, ich bin nur ein Amateur-Blogger. Mir hat wie schon in Graz die rechte TnT-Seite sehr gut gefallen, wo der großartige Edwards auch schon nach dem Ausfall eines Abwehrspielers nach rechts hinten ausweichen musste, was ihm in Dortmund zum Spiel seines Lebens verhalf. Und Dwight Yorke als Quarterback war Klasse: beruhigend und immer zur Stelle. Und Tormann Hislop war wunderbar, obwohl er ursprünglich als Nummer 2 auf der Bank grummeln musste. Und Gray und Lawrence und auch Samuel und Glen und Stern John, ja alle eigentlich.

 
 
  Ein Wort zu den Schweden, die sich gegen die von innen extrem gut befeuerte Mannschaft von den Inseln aufrieb: ich hab sie, trotz einer eigentlich schwachen Vorbereitung irgendwie trotzdem noch auf der Rechnung. So inkompetent wie sich gestern Zlatan, Larsson und Ljungberg erwiesen, können sie nicht noch einmal auftreten. Und die rechte Seite mit Alexander- und Wilhelmsson war stark, und die Abwehr hatte Zeit sich einzuspielen, und vielleicht ist ja auch der Einser-Goalie auch bald wieder fit.

Ich seh für Schweden deswegen Land und Licht, weil sich das Beckham-Team nun nicht gerade mit Glanz und Glorie befleckt hat und weil vor allem Paraguay deutlich unter Beweis stellen konnte, dass sie eben nicht mehr die Nummer 3 in Südamerika sind (das war mal, das ist mittlerweile Ecuador, in der Quali sowieso und jetzt hier auch).

Paraguay war nicht nur wegen der ersten 20 Minuten und einer dort völlig konfusen Abwehr hoffnungslos im Hintertreffen, sondern weil sich im Mittelfeld außer Paredes, dem Lockenkopf mit dem formschönen blauen Auge, das er schon vor seiner Begegnung mit Gerrards Knie hatte, niemand an so etwas wie einem Angriff beiteiligen wollte (ganz im Gegensatz zu Ecuador, wo man diesbezüglich sprühte). Sowas macht (siehe auch die gestrigen Anmerkungen zu Klinsmann-Deutschland) einfach keinen Sinn.

 
 
  Dass sich das gutgebaute englische Team nach einer guten ersten Halbzeit dann dreiviertelstundelang damit begnügte, eine Führung (die sie einzig Beckhams Genie-Fußerl, das ansonsten nur noch genau zwei atemberaubende Pässe schlug, verdanken) über die Runden zu bringen, nunja.
Man genügte sich selber, und der Gegner wollte ja nicht wirklich.
Einzig Peter Crouch, der spinnenbeinige Robo-Man, für den die "Artic Monkey" ihre Hymne "I Bet You Look Good On The Dancefloor" geschrieben haben, mühte sich und zeigte, dass er Potential für absoluten Kult hat.

Und irgendwie wiederholte sich dann einiges beim Spiel der England-Antipoden Argentinien (man hat eben mehr mit dem Feind gemein, als einem lieb ist): auch hier spielte ein kühles Team eine durchaus verdiente Führung frostig nach Hause, und zeigte nur in Ansätzen, was es können würde.

Für die Cote d'Ivoire gilt, was die meisten (ich auch, ganz unten in dieser Geschichte) schon nach dem Afrika-Cup gesagt haben: es wird sich wohl nicht ausgehen. Die Abwehr ist ein wenig zu grün, und vorne braucht man zu viele Chancen.
Die im Jänner getroffene Einschätzung der fünf Afrika-WM-Starter hier, für alle die mich überführen wollen, falls ich mich da geirrt haben sollte.

 
 
  Trotzdem war Argentinien - Cote d'Ivoire (vor allem in der ersten Hälfte) natürlich das beste, was man bislang bei der WM gesehen hat: irrwitziges Tempo, die hohe Schule der klugen Pass-Kunst. Wer diese Gruppe übersteht, hat gute Aussichten.

Apropos: das bislang beste Team bei dieser WM sind die Schiedsrichter. Nur wenige Fehler, die allesamt schwer einzusehen, nicht spielentscheidend oder -kippenlassend waren, gutes Händchen bei den Karten, bis auf den Mexikaner, der Crouch nicht mochte, alle echt fair, bin sehr zufrieden.

Trotzdem war all das am zweiten Spieltag erlebte emotional nicht so überragend wie die letzten 20 Minuten bei Trinidad - Schweden. Das hat mich wirklich mitgenommen.
Mitgenommen wie Coach Hickersberger sein sollte, der vor dem Spiel Trinidad weniger als gar keine Chance gab. Es sei ihm verziehen, er muss sich als EM-Vorbereiter schließlich nicht mit außereuropäischen Fremdlingen beschäftigen; und er ist merklich in die Schweden verliebt. Und für solche neckische Spleens hab ich ja Verständnis.

fm4 links
  WM Journal 06
Der Überblick: Timetable, Ergebnisse und Reviews

Die Fußball-WM 2006 auf FM4
Alle Geschichten auf einen Blick.
   
fm4 links
  Die Fußball-WM 2006 auf FM4
Alle Geschichten auf einen Blick.
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick