Warum das neue Selbstbewustsein die Großen eine Halbzeit lang wenig gut aussehen läst. Und warum ich das trotzdem gut finde.
Zuerst einmal muss ich michnatürlich bei allen professionellen Berichterstattern entschuldigen, die ich gestern krumme Hunde geheißen habe, weil sie nichts über die Teams wissen, die da auflaufen.
Nicht dass es sich gebessert hat: Auch heute stimmt wieder kaum eine Vorschau-Aufstellung. Aber ich habe gestern Rudi Völler gesehen.
Rudi Völler, ehemaliger Top-Spieler und Deutschland-Coach, einer der die Medien gern öffentlich beschimpft, wenn man ihm Fragen stellt, die ihm nicht passen, klassisches Politiker-Verhalten eigentlich, Rudi Völler jedenfalls ist WM-Experte beim RTL-TV, das immer Sonntag von der WM berichtet.
Rudi Völler, Star und Experte, hatte - und das wurde vom Anchorman Günther Jauch fast genüssich zugespielt - vor nur genau zwei Wochen nicht nur keine Ahnung, dass Angola eine ehemalige portugieische Kolonie ist (er dachte da eher an Deutschland...), er wusste auch nicht, dass die beiden Teams in einem Derby in einer WM-Gruppe aufeinandertreffen würden; noch dazu in SEINER Gruppe, in einem Spiel an einem Sonntag, dass ER zu analysieren hätte.
Soviel zufällig zu Tage tretender Unwillen, eine so elende Wurschtigkeit und klägliche Inkompetenz enthebt natürlich jeden "kleinen" Redaketeur von der Pflicht sich auch auskennen zu müssen, klare Sache.
Ich wird nie mehr in einer solchen Angelegenheit herummosern, versprochen?
Schnitt.
Gestern, 75. Minute Portugal - Angola.
Pfeifkonzert der Zuschauer im Stadion.
Portugal, die bessere und in Führung liegende Mannschaft tut zu wenig, um das Spiel zu entscheiden.
AN-GO-LA Sprechchöre.
Nun war das nicht das erstemal, dass es ein besseres Team drauf angelegt hatte, ein dominiertes Spiel ruhig nach Hause schaukeln zu wollen, ohne dabei was für die Galerie zu tun: England, Argentinien und gestern z.B. auch Holland verfuhren nach derselben Methode.
Das sieht dann 30 Minuten oder eine Halbzeit lang nicht unbedingt sehr gut aus.
Aber: Ist es böse?
Ich sage nein, im Gegenteil, es ist gut, wahr und richtig so. Es zeugt von einer grundlegenden Fußball-philosophischen Änderung, vielleicht sogar einem Paradigmen-Wechsel.
Die Verunsicherung, dass der schöne, der bessere, der attraktivere Fußball, der also, der das Offensive im Sinn führt und die Defensive eigentlich als ersten Schritt des Gegenangriffs betrachtet, gegen den hässlichen Fußball, den rein destruktiv angelegtem, unterlegen ist, diese Ansicht hat sich in Luft aufgelöst.
Schuld an dieser kurzen Phase der Unklarheit war Griechenland, der hässliche Zufalls-Europameister, der sich natürlich nicht für die WM qualifizieren konnte und zuletzt auf dem Niveau Österreichs spielte.
Sieger ist das neue Selbstbewusstsein: Ich, denkt der einzelne, brauche nicht zu zweifeln; wir, so
denkt das Kollektiv des Teams, sind besser. Wir machen das Tor und die anderen nicht.
Oder wenn doch, dann setzen wir einen drauf - Mexico hat das gestern fabulös vorexerziert, in der zweiten Halbzeit wurde einem schwachen Gegner gezeigt, wer hier tatsächlich einen Teamsport beherrscht und wer eben nur hinter einem altersschwachen Ali Daei rumsteht, den sich der Coach nicht auszuwechseln traut, weil ihn sonst der stv. Ministerpräsident anruft, der sich quasi als Bewacher im Stadion befindet.
Im Vorfeld der WM war - rein gefühlsmäßig - allgemein gemutmaßt worden, dass sich die Favoriten durchsetzen würden. Da hatte das kollektive Bewusstsein der Fußballfans weltweit schon eine Art Vorahnung der neuen Verhältnisse.
Natürlich geht sich das nur bei halbwegs intakten Mannschaften und hoher Qualität aus: Schweden etwa muss sich noch finden, Polen hat sich in Internas verstrickt wie die Laokoon-Gruppe.
Und natürlich wird es dann interessant wenn zwei Spitzen-Teams mit einer solchen neuen Selbstsicherheit aufeinandertreffen.
Bis dahin wird die aber dafür sorgen, dass nicht allzuviele, die sich ihrer bedienen, aus dem Bewerb kippen werden. Und das ist doch schon was wert.
So, und jetzt, was sagt ihr zu Arjen Robben?
Ist der großartig oder ist der fantastisch oder ist der einfach nur umwerfend? Ich kann mich nicht entscheiden.
Und, wenn wir grad dabei sind, habt ihr gesehen, was Rafa Marquez in der 2. Halbzeit geackert hat? Ein Innenverteidiger, der sich als Antreiber bis hin zum Linksaußen verdingt? Unglaublich, aber eben auch nur in einer Mannschaft möglich, die auch taktisch mitzudenken versteht.
Und, ist euch aufgefallen, dass Angola mit der exakt selben Grundformation versucht hat Portugal zu verwirren, wie der Mann in dem Spiegel-Sketch; und das bis auf die inferiore Anfangs-Phase dann auch durchaus erfolgreich (auch weil dieses 4 - 2 - 3- 1 extrem klug durchdacht ist).
Und, habt ihr gesehen, wieviele Stars eigentlich komplett außer Form sind, nach einer extrem aufreibenden Saison? Stankovic oder Van Nistelrooy, Borgetti oder Karimi, Cristiano Ronaldo? Glücklich ist, wer solche Ausfälle kompensieren kann.
An der Überbeschäftigung in den großen Ligen kanns nicht liegen - schließlich kommen auch die Besten dorther: Robben eben oder der Serbe Koroman (von den Pompejs), Marquez, Figo oder Pauleta...
Ich tippe auch hier (wie oben) auf den Kopf als Haupt-Verursacher.
WM Journal 06 Der Überblick: Timetable, Ergebnisse und Reviews