Warum Deutschland nicht Weltmeister werden sollte, obwohl es das Team verdient hätte. Warum es auch gestern kein "Glück" gab, und warum Flanken Kunst sein können.
Gestern, ein paar Stunden nach dem begeisternden Spiel der jungen deutschen Mannschaft, ist mir bewußt geworden, dass ich sie trotzdem nicht als Weltmeister haben will.
Und warum.
Das Team selber und das Umfeld können da nichts dafür: sie spielen unglaublich positiv nach vorne, das ist ja schon seit dem allerersten WM-Journal hier Leitmotiv, und ihnen wurde vom verkniffenen Klinsmann - wohl auch gegen sein Naturell, und das ist eine Sonderleistung - sowas wie Bescheidenheit und wohltuende Entkrampfung im und rund ums Spiel eingeimpft.
Dort passt also alles.
Bloß: die anderen kommen da nicht mit, die anderen Deutschen.
Nicht das Publikum, das ja zu seinen Lebzeiten immer nur den krampfigen Holzmichl-Kick gesehen hat und dem wie dem Hamster im Labyrinth dazu assoziativ ein "Trotzdem erfolgreich!" oder ein "Nur mit unseren deutschen kämpferischen Tugenden!" eingeimpft wurde. Die allermeisten derer, die jetzt in Deutschland erregt ihr schwarz-rot-goldenes Fähnchen schwenken, sehen gar nicht, dass das Spiel ihrer aktuellen Nationalmannschaft mit dem alten Defensiv- und Kratzen-Beißen-Tugend-Käse der alten Schule nur noch entfernt zu tun hat.
Das wäre auch nicht ganz so schlimm: die Masse der Zuschauer braucht ja immer länger, für alles. Übel ist nur, dass die sogenannten Experten und öffentlichen Äußerer breitneraufwärts das auch noch nicht geschnallt haben.
Und das hat mir die leise Freude über das schöne Spiel der Jung-Piefke im Lauf des gestriges Tages von Minute zu Minute vermiest. Da war wieder dieses "Wirschaffens inletzterSekunde, auch wenns garnich verdient warMöönsch!"-Gefühl, dieser antrainierte Reflex, der den kollektiven deutschen Minderwertigkeits-Komplex der Nachkriegszeit noch aus allen Poren rausdampft - obwohl er nicht einmal ansatzweise notwendig war. Da gab's kein Glück, da war alles ganz voll echt verdient, sehr sympathisch, gut und klug erspielt - nur der Deutsche merkts vor lauter Vorgefertigtheit gar nicht.
Das ist das wahre Trauerspiel.
Das manifestiert sich auch in Details - etwa dem großspurigen Experten-Blabla rund um die gestrigen Spiele, wo man mit den seit '45 verschämt-verschwitzt herrenwitzmäßigen Herrenmenschen-Bemerkungen nur so um sich polterte. Oder in der zunehmenden unzulässigen Verarsche Anderer - etwas, was man sich an Anfang des Turniers noch nicht getraut hatte.
So fragt etwa Kernmann bei einem Tor, das der costaricanische Keeper ziemlich unhaltbar ins kurze Eck bekommen hat: "Ja, und was macht der Mann beruflich?". Nun ich denke, dasselbe wie Toni Schumacher, der deutsche Tor-Kotzbrocken alter Zeiten, den ich heute früh in einem Retro-Zusammenschnitt der WM '86 höchst tölpelhaft unter einer Flanke durchsegeln sah, was das 1:0 für den Gegner bedeutete. Oder das was Kahn in Yokohama machte.
Ich wünsche allen Deutschen nur ein Promille der Demut, die Klinsmann seinem Team beigebracht hat, damit es Fußball als schönes Spiel und nicht als teutonischen Dauerschwanz-Vergleich begreift.
Dass der deutsche Last-Minute-Erfolg von Mittwoch kein Glück war, belegten die Last-Minute-Erfolge von England und Schweden am gestrigen Tag eindrucksvoll: auch das war nicht glücklich, sondern verdient, eine Folge besseren und offensiveren Spiels, eines Spiels mit dem Ziel ein Tor zu machen.
Fußball ist reine Kopf-Sache: wer destruktiv auf den Platz geht, hat schon verloren. Die deutsche Fußball-National-Mannschaft ist ein Siegerteam, Deutschland hingegen hat noch einen weiten Weg.
Apropos England und Schweden: natürlich hatte es auch einen Grund, warum sie bis ziemlich gegen Ende warten mußten, ehe der Erfolg sichergestellt war, und es Ecuador vergleichsweise frühzeitig fixieren konnte.
Wie schon im ersten Spiel gegen die überraschten Polen verstanden es die Gelb-Blauen nämlich vortrefflich wild, physisch und vor allem präzise über die Flanken anzugreifen und die Bälle dann ebenso zu versenken. Ecuador, das bereits seit Jahren auf beachtlichem Niveau spielt, hat mit Valencia und Mendez zwei hervorragende junge Flügelspieler und mit Carlos Tenorio, Tin Delgado und Loco Kaviedes wuchtige Stürmer, die allesamt vor einer Haftlmacher-Defensive agieren können. In einer American-Football-mäßigen Interference-Statistik wäre Ecuador die Nummer 1. Gratulation zur ersten Achtelfinal-Qualifikation der Geschichte.
Letztlich waren es auch die Flanken, die England retteten. Denn, so sehr die oberflächlichen Betrachter von Fußball-Spielen immer David Beckham schiachreden wollen (eigentlich ein Treppenwitz: der oberflächliche Fußball-Popstar kann von einem oberflächlich glotzenden Publikum in seiner Spielweise gar nicht wirklich geschätzt werden ...). so sehr brachte genau das den Sieg: präzise Crosses, von denen dann halt irgendwann einer verwertet wird.
Auch wenn Peter Crouch nach diesem Kopftor bei mir natürlich unten durch ist: seinen Gegenspieler an den Rastas zerren und somit am Mitspringen zu hindern, das hat ein 2,02-Mann eigentlich nicht nötig.
Natürlich war England weit weniger überzeugend als das brandheiße deutsche Team, natürlich stinken sie auch im Vergleich zu den unglaublich gut geordneten Ecuadorianern ab, aber das kann sich durchaus noch ändern; da ist Luft nach oben. Allerdings würde ich mich nicht auf einen Hoffnungsträger Rooney verlassen: der braucht nach seiner Verletzung wohl noch einige Tage um wieder halbwegs in Form zu kommen.
Unerwartet die schwächsten unter den wahrscheinlichen Aufsteigern der Gruppen A und B ist Schweden. Bestes Vergleichsmerkmal auch hier: die Kunstform "Flanke". Da kam gar nichts an, weder von rechts noch von links, das hatte teiweise das Niveau der österreichischen Bundesliga; vor allem wenn man vorher den eleganten Bällen von Becks, Mendez und Co hinterherpfeifen konnte.
Leidtun konnte einem der arme Zlatan Ibrahimovic, derzeit der größte Feind des Balles weltweit. Schade.
Zu den drei fix oder so gut wie ausgeschiedenen Teams gibt es nicht viel Neues zu sagen: Paraguay beging alle Fehler aus dem ersten Spiel nochmal, diesmal gelang sogar dem bemühten Paredes nichts, und bei Costa Rica war nach dem Match ihres Lebens gegen den Veranstalter die Luft weg.
Trinidad wurde, von allen "Experten", nicht nur den deutschen, ein zweitesmal auf atemberaubend dumme Weise wieder unterschätzt und bot dem großen englischen Bruder einen großen Kampf, in einem bis zuletzt aufregendem Spiel. Coach Beenhaker überraschte im übrigen mit einer System-Änderung und spielte (vor allem im Bedachtnahme auf Beckham und seine Flanken) erstmals mit einem 4-4-2 (eine Fortsetzung der Debatte, die hier angerissen wurde, dann demnächst). Belohnt wurden sie immerhin damit, vor dem letzten Spiel noch eine Achtelfinal-Chance zu haben. Wer hätte das gedacht. Bravo!
WM Journal 06 Der Überblick: Timetable, Ergebnisse und Reviews