Der tägliche Weltmeister, Knödel in der Backe und weiße Schokolade.
Vor der WM und auch noch zu Beginn der Spiele war klar, wer Weltmeister ist: Brasilien.
Dann kamen Zweifel auf, und plötzlich standen Argentinien, dann Italien und dann auch Spanien mindestens schon im Halbfinale.
Gestern früh dann war Deutschland Weltmeister, und seit dem Nachmittag ist es Argentinien.
Das ist ein blödes Spiel, aber natürlich auch lustig, es ist die weniger doofe Version der W-Frage (werwirdnjetztnweltmeisterglaubst?), weil es sie ja - in spielerischer Form - auch schon selber beantwortet.
Natürlich war Argentinien beeindruckend - was für ein Potential, was für eine große Abwehr, welch kreatives Mittelfeld, welch toller wirbelnder Sturm. Riquelmes Selbstlosigkeit, Messis Leichtigkeit, hm, lecker. Ja, und die 26 Ball-Stationen vor dem 2. Tor, eine Demütigung des Gegners, den man mit 6 Knödeln in der Backe aus dem Stadion schickt: Argentinien ist Weltmeister.
Heute.
Der Weltmeister von gestern sollte es also, wenn er schlau ist, tunlichst vermeiden, dem Weltmeister von heute bereits vorzeitig zu begegnen.
Denk ich mir, und beginne zu rechnen: wenn alles planmäßig ausgeht, dann werden die deutschen Freunde bereits im Viertelfinale auf Argentinien treffen und sich dort mit 26er-Ball-Staffetten konfrontiert sehen, gegen die sie nichts zu erwidern haben werden.
Sollte Deutschland hingegen das letzte Gruppenspiel gegen Ecuador irgendwie mit Pech und so halt, verlieren, dann würde im Achtelfinale zwar England warten, die scheinen aber durchaus besiegbar, während man es im Viertelfinale dann mit entweder Holland (die sind, vorsichtig gesagt, auch nicht so recht in Überform) oder Portugal zu tun bekommen würde.
Hm.
Diese Planspiele, die die schon längst bekannte Auslosung der K.o.-Runde so nach sich zieht, sind problematisch, müssen aber bedacht werden.
Ein historisches Beispiel: die letzte große österreichische Mannschaft, das 78er-Team, hatte es damals nach zwei Auftakt-Siegen gegen Spanien und Schweden vor dem letzten Gruppenspiel gegen Brasilien in der Hand, in welcher Zwischenrundengruppe (damals gabs kein KO-System, zwei Vierergruppen ermittelten die Finalisten) man landen würde.
Bei einen Niederlage mit zwei Toren Unterschied (die man sich gegen Brasilien ja immer einfangen kann, wenn man will) wären das Argentinien, Polen und Peru gewesen.
Bei einem Erfolg, Remis oder einer 0:1-Niederlage hingegen Italien, Holland, Deutschland.
Wofür hat sich das Team um Coach Senekowitsch damals entschieden? Richtig: 0:1, die schwere Aufgabe gegen drei übermächtige Europäer. Das war nun im Sinn eines möglichen Vorstoßens unter die Top 4 von nachgerade himmelsschreiender Idiotie, denn Peru und Polen lagen 78 deutlichst innerhalb der österreichischen Reichweite, führte aber zur (nicht vorhersehbaren) Legende von Cordoba, einem identitätsstiftendem Ereignis von soziohygienisch weitreichender Tragweite.
Dass man auch rechnen können muss, fiel den dann schon etwas überwuzelten Cordoba-Helden leider erst 1982 in Gijon ein und führte - weil die Umsetzung diesmal falsch und bösartig war - in das größte moralische Debakel der gesamten Fußball-Geschichte.
Die Beispiele zeigen: Planspiele sind zwar toll, die Eigendynamik der Dinge ist manchmal aber noch toller.
Deshalb werden die Weltmeister von gestern und von heute also frühzeitig matchen; auch okay. Mit Spanien und Brasilien droht in der anderen Hälfte im übrigen ein ähnliches Spielchen.
Und: hab ich eigentlich schon er wähnt, dass nur zwei aus dem Trio Brasilien, Italien, Tschechien das Achtelfinale überstehen werden können, rein rechnerisch? Schon? Kann man nicht oft genug sagen.
Italien und Tschechien spielen ja heute noch. Kann gut sein, dass da auch der Weltmeister von morgen dabei ist.
Weil ich grad wieder an die armen Kerle denken muß, die immer noch an den sechs Knödeln würgen: mir ist noch immer nicht so ganz klar, woran es liegt, dass sich die Teams aus der klassischen alten russischen bzw jugoslawischen Schule seit ein paar Jahren bei Turnieren nicht nur nicht mehr durchsetzen können, sondern im Gegenteil für die großen Blamagen sorgen: kein osteuropäisches Team übersteht die Vorrunde 02, peinliche Auftritte von Russland oder Bulgarien bei der Euro 04 und nun Polen, die Ukraine und Serbien hier.
Ziehen die Oligarchen zu viel strukturelle Substanz vom Verband ab um ihre Klubs aufzupäppeln (siehe die Wickel um Oleg Blochin)? Sind die Ausbildungs-Standards gesunken? Leidet man unter dieser postkommunistischen neoliberalen Verirrung, die es einzelnen Stars ermöglicht vielzuviel Macht zu bekommen?
Mal weiter Eindrücke sammeln.
Es wächst auf jeden Fall was nach: Ukraine und Serben waren bei der U-21-EM unter den letzten vier, Tschechen und Russen bestritten das U-19-Finale ...
Die andere große Verlierer-Gruppe, die schwarzafrikanischen Team eroberte gestern ja ihren ersten Punkt. Was hätte sein können, wenn die Auslosuing etwas fairer geraten wäre und nicht die netten Angolaner, sondern die spielerisch weit reiferen Ivoirer in die Mexico/Portugal-Gruppe gekommen wären, will man sich gar nicht ausmalen.
Wobei es - in the long run - natürlich trotzdem wurscht gewesen wäre: mit einem schwachen Tormann wie Tizie vor einer Mannschaft mit zuwenig ausgeprägtem Bewußtsein für die Wesentlichkeit einer stabilen Defensive und einer Star-Struktur (die an das oben angesprochene Ost-Problem erinnert) wäre die Cote D'Ivoire sowieso allerspätestens im Achtelfinale ausgeschieden.
Interessant, dass es trotzdem dem kleinen Angola vorbehalten war eine alte strukturelle Schwäche der Mexikaner aufzudecken, die ich ehrlich gesagt nach ihrem Klasse-Auftritt beim Confed-Cup im Vorjahr schon für überwunden geglaubt hatte: sie spielen durchgehend nur ein Tempo, wollen oder können nicht variieren.
Die andere Mannschaft, die sich gestern nicht gerade sehr mit Ruhm angeschüttet hatte, die mittlerweile fast alt-italienisch auftretende Niederlande nämlich, hat sich mit diesen Wissen und Können nämlich gerettet: permanente Spielbestimmung durch die Vorgabe der Geschwindigkeit.
Gut, bei Mexico klappte auch sonst viel nicht: der im ersten Spiel als Retter eingewechselte Zinha fiel völlig aus, Bravo und Franco versemmelten vorne reihenweise die Chancen und auch die Offensiv-Bemühungen der wiederum beeindruckenden Abwehr-Dreier-Reihe Marquez - Osorio - Salcido, deren Außenspieler die Antreiber des Offensiv-Spiels waren, führten zu nichts.
Was auch mit der mangelhaften Qualität des Flankenspiels zu tun hatte.
Aber: Holland hat sich mir noch nicht erschlossen, auch im zweiten Spiel nicht. Ich kapier's nicht.
Eine recht ruppige No-Name-Abwehr sorgt für humorlose Defensive, ein so gut wie unsichtbares Mittelfeld leitet die Bälle in die Spitze und dort trachtet man dann Effektivitäts-Rekorde aufzustellen. Ja. Gut.
Das sieht zwar aus wie Voetbal-Total immer ausgesehen hat, schmeckt aber nicht so, sondern nur wie weiße Schokolade, bäh... So blass darf man selbst im Sommer nicht sein.
WM Journal 06 Der Überblick: Timetable, Ergebnisse und Reviews