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Wien | 26.6.2006 | 12:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
WM-Journal '06. Der siebzehnte Tag.
  Plädoyers für Gescholtene: Beckham und van Basten.
 
 
 
1. Becks
 
Frank Lampards Verlobte ist dieser Tage aus einem Flugzeug 'gebeten' worden, weil sie dort ianbrownmäßig randaliert hatte.
Ich kann mich nicht entsinnen, dass irgendein nicht englischsprachiger Fußball-Kommentierer deshalb die durchaus sehr mäßige Vorstellung, die Lampard, den ebenjene gerne auch den heimlichen Captain der englischen Nationalmannschaft nennen, bei dieser Fußball-WM damit in Verbindung gebracht haben.

David Beckham, der tatsächliche Spielführer des Teams spielt eine sehr saubere WM: praktisch alle Tore laufen über ihn, seine Flanken kommen punktgenau, er stellt sich in den Dienst der Mannschaft, gegen Trinidad werkelte er eine halbe Stunde lang sogar aushilfsweise als rechter Verteidiger.
Kaum rückt eine Kamera aber Victoria Beckham, formerly known as Posh Spice, ins Bild, wie sie auf der Tribüne eines der gemeinsamen Kindlein hegt, schwingt in der nächsten Anmerkung etwas mit, was auf hoffnungslose Ablenkung ihres Manns durch andauernde Society-Präsenz anspielt.

 Das WM-Journal gibt's auch als Podcast.
 
 
  Irgendwas stimmt da also gar nicht, in der Wahrnehmung dieses David Beckham.

Die Tatsache, dass er von der Sportartikel-Lobby zum führenden Gesicht des Weltfußballs gemacht wurde, um Verkäufe anzuheizen und Image zu transportieren, scheint die Menschen der Pflicht zu entheben, Beckhams Leistung auf dem Platz schlicht und ergreifend realistisch einschätzen zu müssen; ein jeder dahergelaufene Fuzzi fühlt sich mit einem virtuellen Freibrief ausgestattet, der Beckham nicht nur zum alleröffentlichsten Eigentum erklärt, sondern auch noch dazu verpflichtet, an Dingen herumzumäkeln, die man allen anderen problemlos durchgehen ließe.
Siehe Lampard.

Beckham verwirrt auch zu sehr: sein einfaches Naturell, sein fast biederes Familienleben (an dem die vielen medial überhitzten Pseudoaffären immer abperlen wie nur was), das soll die Ikone sein, die das wilde, das kreative, das schöne Spiel repräsentiert?

Ich finde es interessant, wie viele Menschen sich dieser aufgesetzten Werbe-Botschaft unterwerfen und bloß dadurch gegen sie pseudo-rebellieren, indem sie ihren Träger, nämlich Beckham, runterputzen, anstatt die (durchaus offensichtliche) Ideologie zu hinterfragen oder sich dem medial transportiertem Käse einfach genauso zu entziehen wie, sagen wir, der restlichen Königshaus-Adels-Promi-Papparazzi-Gala-Ablenkungs-Scheiße.

 
 
  Beckham ist kein Fußball-Gott, aber ein sehr sehr guter Spieler mit teilweise einzigartigen Fähigkeiten: seine Standards, seine Flanken, seine Wechselpasses sind fantastisch.

Und Beckham ist ein wahrhaftiger Captain, einer der auch in der Abwehr aushilft, in die Zentrale ausweicht, rochiert und vor allem auch immer Verantwortung übernimmt, wenn's eng wird.

Dann schießt er etwa einen unglaublich guten Freistoß und seine gestern beängstigend schwächliche Mannschaft kommt eine Runde weiter. Für Beckham wird das kein Zeichen für Triumph oder Genugtuung sein, er wird keinerlei Angeber-Vorteile draus ziehen. Er wird es als Teil seines Jobs betrachten und auch als Teil seiner Auslagen-Persona.

Frank Lampard, der auch gestern wieder eine ganz miserable Partie ablieferte und in seiner zentralen Mittelfeld-Position genau null Impulse setzte, kann sich in der Zwischenzeit still und leise um die Dummheiten seiner Frau Verlobten kümmern.

Hinter Beckhams breitem Kreuz ist da nämlich jede Menge Platz.

 
 
2. Marco
 
Marco van Basten, der holländische Bonds-Coach, wird gern mit Jürgen Klinsmann verglichen: er ist auch ein ehemaliger Weltklasse-Stürmer (vielleicht sogar der allerbeste) derselben Generation, er wurde auch ohne große Trainererfahrung gleich Teamchef, brachte auch neue Ideen mit und wollte alte Zöpfe abgeschneiden etc.

Im Detail unterscheiden sich die Parallelen zu Klinsmann dann natürlich: und bei genauer Betrachtung hatte van Basten die exakt gegenläufigen Probleme zu bewältigen.

Der holländische Fußball war jahrelang Synonym für schönen, schnellen, technisch hochwertigen und taktisch extrem gut angelegten Sport - ganz im Gegensatz zum deutschen Rumpelfuß-Kick, der von körperlicher Überlegenheit, Kondition und dem puren Willen lebte.

Der fehlte dem niederländischen Spiel wiederum.
Nicht so sehr, wenn die Akteure als Angestellte ihrer Clubs auftraten und europaweit alle Titel einfuhren, was holländische Legionäre lange zum Nummer-1-Exportgut des Landes machte. Interessanterweise war das nur auf Nationalmannschafts-Ebene ein Problem.

Damit wir uns recht verstehen: es handelt sich um ein Problem auf hohem Niveau: die Oranjes kamen regelmäßig in die Endrunden und schnitten dort auch ganz okay ab, aber spätestens im Halbfinale war immer Schluss.

 
 
  Und das ist einer Nation, die den 70er-Legenden um Cruyff und den 80er-Legenden um Gullit oder eben van Basten nacheifert, einfach zu wenig.

Während Klinsmann also tendenziell das Problem hatte mit biederen, brav gedrillten Rumpelfüßen auskommen zu müssen, die nichts von Taktik verstehen und kaum Persönlichkeit haben, kämpfte van Basten mit dem Gegenteil: aufgeklärten, selbstsicheren individualistischen Supertechnikern, die alles besser wissen.

In ihren Clubs waren (und sind) es diese Stars gewohnt, dass man sich nach ihnen richtet, beim Team prallen dann zumindest 8 bis 10 solcher Super-Egos aufeinander.
In den holländischen Team-Camps der letzten WMs und EMs war es also immer einer oder mehrere interne Wickel, die das Ausscheiden bewirkten.

Van Basten stellte seinen Kader in den letzten zwei Jahren systematisch also nicht mehr nur nach der Qualität der Spieler, sondern nach ihrer Verträglichkeit und ihrem Charakter zusammen.
Die Diven flogen raus, einer nach dem anderen. Zuerst Problem-Boy Kluivert, nationaler Strafzettel-Rekordhalter, und dann all die anderen: Stam und Zenden, Seedorf und Davids, schlussendlich auch Nörgler Makaay.

 
 
  Das sorgte indirekt auch für einen anderen Spielstil, einen, der mir nicht sonderlich gefällt, aber für das neue nüchterne, undivenhafte Spiel, wie es van Basten vorschwebte, unabdingbar war: die Unsichtbarmachung des Mittelfelds.
Denn obwohl er dort mit van Bommel, Cocu, Sneijder oder van der Vaart hohe individuelle Klasse aufzubieten hat, wird das Mittelfeld nur noch als kürzestfristige Durchlauf-Station genützt, anstatt wie früher genau hier die überlegene Klasse zu repräsentieren.

Das sieht nun nicht wirklich gut aus, hat mit dem eigentlichen holländischem Fußball soviel zu tun wie weiße Schokolade mit richtiger. Es war aber der einzige Ausweg, den van Basten gesehen hat, um aus der Falle des "Schön, aber erfolgslos"-Spielens rauszukommen.

Das hat nun nicht geklappt, aus mehreren Gründen. Das Team ist ein wenig gar jung; und plötzlich mutierten auch bislang ruhige Größen zu Diven, wie Ruud van Nistelrooy. Hauptgrund war aber, dass diese neue Strategie zwar schon in die Köpfe, aber noch nicht in die Herzen der Mannschaft gelangt ist.

Dazu bedarf es noch einiger Anstregung, wahrscheinlich muss auch ein wenig Kakaobutter nachgeschmiert werden.

Trotzdem waren die Holländer damit eine der acht spielbesten Mannschaften des Turniers. Und wenn der Verband nicht den Fehler macht van Basten und seinen Co Johnny van t'Schip zu feuern, dann wird das Team bei der Euro 08 eine gewichtige Rolle spielen.

 
 
und sonst...
 
Erstaunlich, wie die Portugiesen in der Schlacht von Nürnberg ihre technische Überlegenheit auch in ein Resultat umsetzen konnten. Mehr dazu an den spielfreien Tagen dieser Woche.

Und schade, dass dem ecuadorianischen Team letztendlich doch der Mut gefehlt hat, mitspielen zu wollen. Das ist bei dieser "Attack!"-WM einfach zu wenig und wird auch immer abgestraft.

 boulahrouz, aber vor allem gio (van brockhorst) und deco, nach ihren ausschlüssen gemeinsam auf den treppen hockend.
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