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Wien | 4.7.2006 | 12:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
WM-Journal '06. Der fünfundzwanzigste Tag.
  Vor dem Semifinale, II.
Unterm Vergrößerungs-Glas: Italien und Deutschland. Oder: Kung-Fu-Master
 
 
 
  Jürgen Klinsmann selber hat nicht nur in Deutschland gespielt, auch in England oder Frankreich. In den USA hat er sich viel über praktische Trainingslehre rausgezogen; seine taktischen Wurzeln hat Klinsmanns Coaching aber in seiner Zeit in Italien.

Die italienische Fußballschule ist ausbildungstechnisch seit Jahrzehnten die allererste Adresse am Kontinent, weil sie die Umfassendste ist.
Am sichtbarsten ist das in der Tatsache, dass Italien nicht nur regelmäßig große Stürmer und Mittelfeld-Strategen, sondern immer auch die gnadenlosesten Defensiv-Beißer, die besten Abwehrspieler und Torleute hervorbringt, während andere Ausbildungs-Schulen in zumindest einem dieser Bereiche chronische Defizite aufweisen.

Der eklatanteste Unterschied zur klassisch-deutschen Schulung ist der in der Defensiv-Philosophie.
Der italienische Verteidiger versteht sich als erster Angreifer, als Einfädler und Spieleröffner, nachdem er den Ball durch schlaues Stellungsspiel (und einer Portion raffinierter Härte) erobert hat.

 Das WM-Journal gibt's auch als Podcast.
 
 
  Die deutsche Abwehr-Schule trug zu Klinsmanns aktiven Zeiten ein eher nordisch-teutonisches Ideal vor sich her, von letztem Bollwerk war da gern die Rede, von Abwehr in letzter Sekunde, mit letzem Einsatz etc.

Dass praktisch jeder Angriff hinten beginnt, wurde nicht bedacht.
Die Tatsache, dass genau das Fehlen einer solchen Philsosophie die Spielkultur beträchtlich beschränkt, konnte sich in den meisten Köpfen auch nicht durchsetzen.

Klinsmann hat hier seinen zentralen Hebel angesetzt. Erste Tat: die Installierung des intelligentest-möglichen Abwehrchefs, Jens Lehmann.
Direkt vor ihm: der Glücksfall Per Mertesacker, ein Italiener im Körper eines Deutschen gefangen, antizipatorisch hochbegabt und frei von FoulspielIdealen der Mannheimer Schule.

Darum herum baute Klinsmann die Zivildiener-Abwehr seines Vertrauens: kluge Jungs, die schon einmal ein Buch gelesen und auch verstanden hatten, Spieler mit einer gewissen Grundsensibilität - die krasse Gegenposition zum klassischen deutschen Defensiv-Hünen, die selbst wenn sie kluge Köpfe waren (Helmer, auch Kohler) allerdings nie klug spielen durften.

 
 
 
 
  Klinsmanns dergestalt italianisierte Abwehr ist noch am Anfang, wackelte schon beim Confed-Cup und auch noch bei dieser WM gehörig, ist aber in ihrer offensiven Denke das Rückgrat des deutschen Angriffsspiels.
Davor erfand sich Klinsmann seinen eigenen Gattuso, den fürs heutige Spiel leider gesperrten Torsten Frings, und davor agieren dann ein paar Instinkt-Spieler aus den Vorstadt-Käfigen (Poldi/Schweini), ein paar feine Techniker ostdeutscher Schule (Ballack, Schneider) und ein sensibler aber hochbegabter Stoßstürmer (Klose).

Fast alles gilt ebenso, bis auf ein paar regionale Feinheiten, fast wortident für die italienische Mannschaft.

Denn ebenso wie sich im zweiten Halbfinale morgen zwei praktisch idente Systeme gegenüberstehen werden, spielt heute Italien gegen das, was sich Klinsmann von Italien abgeschaut und übernommen hat, also Deutschland a la Italia.

 
 
 
 
  Genauso wie jedes gute italienische Team in exakt derselben Formation von einer Sekunde auf die andere von offensivem Wirbel in defensives Abwarten und Abblocken (und wieder retour) umschalten kann, kann das mittlerweile auch Klinsmanns Mannschaft; naja, fast.

Zwei Minuten nach der argentinische Führung etwa erfolgte ansatzlos der erste wilde wirklich gefährliche Angriff der davor klug und bedacht agierenden Deutschen. Umschalten als System-Faktor.

Nun ist es in klassischen Kung-Fu oder Western-Filmen so, dass der Schüler vom Meister eine ganze Weile gedemütigt wird, ehe er ihn dann einmal besiegen darf und in die Welt hinausziehen kann.

Die letzte Demütigung fand am 1.3. des Jahres in Florenz statt. Der Meister schmiss das übereifrig anstürmende Schülerchen mit 4:1 weg, zeigte mit nacktem Finger auf die Schwächen der deutschen Mannschaft.

 
 
 
 
  Nach diesem schlimm ausgefallenen Test setzte sich das Klinsmann-Camp zusammen, nahm die Spieler mit in die Verantwortung und knobelte auf Grund der eben erlittenen Erfahrungen das System aus, mit dem das Team seither aufläuft.
Es waren nur ein paar leise Umstellungen und Kleinigkeiten, man könnte es auch den letzten Schliff nennen.

Es war aber möglicherweise auch die Geburt von dem, was Coach Gerald Houillier unlängst im englischsprachigen Eurosport mit dem deutschen Terminus "Mannschaft" beschrieben hat, dem Gefühl eines Kollektivs, das keine Übergänge und Schweißnähte mehr spürt, sondern sich als einen Organismus begreift.
Etwas, was der Squadra seit Jahrzehnten ins Blut übergeht, wenn sie ins Team-Camp einrückt, wo Club-Grenzen (siehe Cannavaro und der leider verletze Nesta) keine Rolle spielen.

Und es war der Todesstoß für die Lothar Matthäusse, die dieser "Mannschaft" ein frühes Aus vorraussagten, und die sich mittlerweise vor Taktik-Tafeln ablichten lassen, auf denen Klinsmanns Aufstellung draufsteht und diese als ihren Tipp fürs nächste Spiel angeben; sich also nur mehr in Dummdreistigkeit flüchten können. Und der finale Klaps für arme Deppen wie einen ehemaligen heimischen Teamchef, der hinter seinem Hass auf alles Deutsche die Realität des neuen Klinsmann-Systems gar nicht erkennen mag und zu dieser Torheit auch noch öffentlich steht.

 
 
 
 
  Ob Karate-Kid nun den alten Meister schon in diesem Halbfinale bezwingen kann, oder ob es noch zu früh ist - ein paar Details werden drüber entscheiden.

Kid Klinsmann strahlt wirkliche Zuversicht aus, aber auch der Meister lächelt versonnen; und im Gegensatz zum Kung-Fu-Film sagt die Tatsache, dass der Film, also diese WM, bald aussein wird und der Schüler also bald gewinnen wird müssen, um die Dramaturgie zu rechtfertigen, rein gar nichts aus.

 
 
PS
  Dass der aktuelle österreichische Teamchef zumindest weiß, woher der Wind weht, zeigt die jüngst in den SN erfolgte Beschwerde des Ehren-Mannheimers Hannes Winklhofer darüber, dass man doch nicht ernsthaft Paul Scharner als "Star im Team" bezeichnen könne.
 
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