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Wien | 7.7.2006 | 12:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
WM-Journal '06. Der achtundzwanzigste Tag.
  Warum die Globalisierung nicht an allem alleine schuld ist.
 
 
 
  Gestern, an einem weiteren Ruhetag dieser WM, haben mich junge Menschen von Attac durch eine Einladung gezwungen, mich ein wenig mit Aspekten der neoliberalen Globalisierung im Fußball zu beschäftigen.

Das ist zwar etwas, was mehr die Sportartikel-Industrie, die medialen Rechteverwerter, die neuen Wettanbieter und die IG der Großclubs, die G 14 betrifft, aber natürlich auch in Machtzentren wie die FIFA und somit in diese WM hineinspielt.

Ein Ausgangspunkt dabei war für mich ein Diederichsen-Artikel vom 24.6. Ich zitier da kurz eine interessante Passage:

 Das WM-Journal gibt's auch als Podcast.
 
 
  Die Fußball-Globalität ist bei dieser WM wieder auf dem Stande von etwa 1966: Kern-Europa dominiert, gemeinsam mit den üblichen Südamerikanern, der Rest spielt allenfalls schön, ist aber, wie vor allem die Afrikaner, immer noch und wieder, "nicht kaltschnäuzig genug" (weil es da unten so warm ist) oder "vor dem Tor zu verspielt" (wegen Naivität). Die konkreten Fußballspieler dieser Teams können noch so sehr ihr Geld bei Champions-League-Teilnehmern verdienen. Sobald sie im National-Hemd stecken, so suggeriert diese Rede, obsiegt der Nationalcharakter über den des Profis, und sie sind plötzlich "verspielt".
Dass noch bei jeder WM alle Ideologiekritik und Aufklärung gegenüber der Rede vom Volks- und Nationalcharakter sich als vergeblich erweist, ist nichts Neues. Aber dass auch die Spieler immer wieder von der ideologischen Anrufung, sie hätten ihr Volk zu vertreten, euphorisiert oder eben paralysiert werden, ist doch ziemlich hart. Die Nicht-Europäer werden bei europäischen WMs dann immer wieder in die psychologische Situation der alten kolonialen Weltordnung versetzt und wenn sie einschussbereit vor dem leeren Tor stehen, können sie es nicht, weil sie irgendwie fühlen, dass sie es nicht dürfen.

 
 
  In seiner Verzweiflung als politisch korrekter Mensch nun weder die Globalisierung noch ihr Vorgänger-Modell, den Nationalstaat und den entsprechenden Nationalismus gut finden zu dürfen, gibt Diedrichsen neben den üblichen Mächten des Bösen also dem Einzelnen die Schuld, in fast beleidigtem Unterton.

Er übersieht dabei die Banalität des Menschseins.

Wenn ein Adebayor, ein Drogba bei englischen Großklubs mit perfekter kapitalistischer Organisation und kolonialen Denk-Erbe antreten, müssen sie anders agieren, als wenn sie für die nationalen Verbände ihrer Heimatländer auflaufen.

Zum einen weil sie dort der letzte Teil einer Kette von korrupten und kaputten Systemen sind (Regierung, Administration, Verband, Trainerstab, Spielerhierarchie) und vielleicht auch noch ein wenig lachhaft in eine Chefrolle reinkippen, die sie sich bei den Bossen der alten Welt abgeschaut haben.

Zum anderen, weil wohl jeder Mensch, der zwischen zwei Kulturen lebt, so handelt.
Der wilde und rebellische Student oder Checker in der großen Stadt ist spätestens zwei Stunden nach der wochenendlichen Rückkehr ins dörfliche Milieu wieder angepasst und in seinen alten Mustern drinnen.

 
 
  Das ist der menschliche Faktor.

Dass Diedrichsen erkannt hat, wie der Hase in den Hierarchien des Weltfußballs läuft, ist vortrefflich; dass er sich den Ursachen verweigert und somit lösungs-resistent im luftleeren Raum schweben bleibt, dann ein wenig traurig.

Zudem ist der Rückstand, den Diedrichsen da provokativ ins Jahr 1966 verortet, der aber in Wahrheit seit etwa 10, 15 Jahre, dem Zeitpunkt des tatsächlichen, vor allem afrikanischen Boosts, gleichbleibt, auch auf ganz banale sportliche Gründe zurückzuführen.

Nicht einmal die kolonial anmutende Ausbildungs-Situation, im Rahmen deren große Clubs oder Interessensvertreter Farmteams und Ausbildungs-Camps und Schulen rund um die Welt etablieren, um dort billiger Talente auszubilden und auszusieben, ist da schuld dran.

 
 
  Die WM 06 gibt da den ersten wirklich deutlich sichtbaren Fingerzeig, warum es zu diesem lange nicht erklärlichen und auch für Diedrichsen nur mit kolonialen Methaphern erklärbarem Dauerrückstand kommt: hier wird, vor allem von den Europäern aber auch den üblichen Südamerikanern, deutlich vorgeführt, wie man mit einer perfekt antizipierenden und im Grunde ausschließlich offensiv denkenden Verteidigung Spiele gewinnt.

Dazu braucht es neben dem mitspielenden Tormann vor allem den klugen Abwehrspieler und den Strategen vor der Verteidigung, den Quarterback.

Wer hier auch nur Schwachpunkte hat (die Cote D'Ivoire beim Tormann, Ghana oder Togo in der Abwehr, Costa Rica im Zentrum, die Asiaten überall) wird in diesem zunehmenden dichterem Wettbewerb auf zunehmend höherem Niveau scheitern müssen (dasselbe gilt ja auch für die osteuropäischen Teams).

 
 
  Noch 1970 reichte es z.B. für Brasilien zum Titel und zur besten Mannschaft der Welt, als sie eine Offensive mit sechs Göttern und dahinter fünf weniger begabte Balltreter stehen hatte.
Das geht sich heute nicht mehr aus.

Im Offensivspiel haben die vergleichsweise fußballjungen afrikanischen Nationen aufgeholt, gleichgezogen, hintendran und -drin noch nicht.

Und: für alles mögliche kann man den Gottseibeiuns, die arge Globalisierung verantwortlich machen - dafür nicht, zumindest nicht kurzfristig, außer man bleibt wie Diedrichsen luftleer und lösungsfeindlich; denn das ist eine Frage der Philosophie, eine des Kopfes, bestenfalls eine von funktionierenden Verbands-Strukturen.

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