Das deutsche Pflänzlein, der emotionale Titan und die Reaktion.
Man möchte gar nicht zuviel drüber reden.
Man hat fast Angst, es ein wenig totquatschen zu können.
Es ist wie bei einem kleinen Pflänzchen, das man irgendwo im Garten aussetzt und dann besser nicht noch übertrieben hegt und pflegt, weil es sonst quasi erdrückt oder kaputtgegossen wird.
Das gestrige kleine Finale als Höhepunkt der deutschen Campaign bei dieser Fußball-WM war nämlich durchaus ein Fanal, also ein Geschehen, das Zeichen setzt und nachhaltig wirkt.
Wenn das Synonym für den knurrenden, unsympathischen, unwirschen, humorlosen und verkniffenen Deutschen, wenn also Olli Kahn nach so einem Spiel um bloß einen dritten Platz, also etwas was für den Angestrengten aufs Mühsamste ewig erster-sein-müssen trainierten Bundesbürger, dann (glaubwürdig!) vom "emotionalsten Moment" seines Lebens spricht, dann ist tatsächlich etwas passiert.
Das hat ursprünglich nur mit dem hier in diesem WM-Journal bereits dutzendfach abgehandelten Paradigemen-Wechsel im deutschen Spiel zu tun, das endlich von seinen Grundfesten, nämlich hart, humorfrei und diesem manischen Zwang der Welt was beweisen zu müssen, befreit wurde.
Schön absurd, dass es ein schwäbischer Spießer, Sparefroh und Sturkopf ist, also eines der schlimmsten lebenden deutschen Klischees, der auf Grund einer sich im Verlauf seines Lebens angeeigneten Weltläufigkeit, mit genau diesen und auch den anderen schlimmen sogenannten National-Eigenschaften tatsächlich und nachhaltig gebrochen hat.
Das Fußball-Team Klinsmanns spielt so undeutsch, so polyglott, so freundlich offensiv, so wenig verkniffen.
Es agiert zwar angestrengt, aber nicht mehr mit der lemminghaften Verzweiflung der bisherigen Nachkriegs-Generationen, die immer geduckt durch die Fußball-Welt schlichen und aus ihrer Unbeliebtheit auch noch sowas wie Stärke schöpfen wollten, sich damit aber nur weiter innerlich verkrampften.
Das System Klinsmann hat diesen mittlerweile zum Knoten angewachsenen Ausbund an Ausweglosigkeit durchschlagen.
Dass es gestern, am Höhepunkt, auf ausnehmend öffentlichkeitswirksame Art und Weise auch der heimliche Kanzler dieser sozialisierten Verstocktheit, der Titan Kahn, begriffen, aufgesogen und umgesetzt hat, ist Anlass für
Hoffnung.
Große Hoffnung, den Ekel-Deutschen alter Prägung als Auslauf-Modell serviert zu bekommen.
Wenn der in sich verschränkte Kahn, ein Bündel an Unausgelebtem, diese Party zu einem dritten Platz als das begreift was es ist, oder besser, sein kann, nämlich als großen Befreiungsschlag, dann... ja, dann möchte man dieser jungen Pflanze eben ganz vorsichtig gegenübertreten um sie ja nicht zu beschädigen.
Kurze Zeit nach diesem Entstehen eines neuen, jungen deutschen Selbstbewusstseins, kurz nach der öffentlichen Bewusstmachung, dass man eben nicht nur Kraft aus Genöle, Häme und Herabwürdigung beziehen kann, sondern auch (und noch dazu viel bessere) aus dem Bewusstsein, was Lässiges auf die Beine zu stellen, ein offener Gastgeber zu sein, jemand, der anderen auch was zu gönnen vermag, versuchte die Reaktion noch kurz zurückzuschlagen.
Die Reaktion, das sind die sogenannten Comedians. Die werden in den nächsten Wochen und Monaten noch einiges versuchen, um den alten Gammelfleisch-Deutschen wieder zusammenzusetzen, aus irgendwelchen Restln; schließlich haben sie ihren Markt auf diesem Prototypus der Humorlosigkeit aufgebaut, der dann über ihre Unterste-Schubladen-Häme-Witze lacht.
Ich denke es wird zunehmend schwer für die Pochers und Raabs, die Mittermeiers und Krügers, die Lücks und Waldis und die vielen namenlose Z-Klasse Spaßmacher, die allesamt fürchten müssen als Gattung auszusterben.
Wenn sich der mit dieser WM und diesem dritten Platz zu einem veritablen vollwertigem Menschen mit erstmals breiter Emotions-Platte ausgewachsenen Deutsche von diesen verkochten Nudeln seine neue Mentalität wieder kaputt-treten lässt, dann ist er selber schuld.
Im übrigen wünsche ich mir durchaus Ähnliches auch in zwei Jahren dann hier.
WM Journal 06 Der Überblick: Timetable, Ergebnisse und Reviews