Ein 0:5 ist nicht besser als ein 0:8. Und: Ein paar neuentdeckte Selbstverständlichkeiten, ein Vorschlag für Ivanschitz und die passende Kragenweite.
Wenn vier österreichische Auswahl-Mannschaften (national-Team, U21, U19, U18) innerhalb von 48 Stunden alle ihre Spiele verlieren, dann ist auch der Gesamt-Score von 0 zu fünf nicht besser als die Europacup-Abreibung von Null zu Acht, die vor 14 Tagen fällig war.
Zwar nehmen die Jungen für sich allenthalben in Anspruch gegen Große und recht Gute (Italien, Deutschland, Schweiz) jeweils eher nur mit Pech verloren zu haben, aber im Schatten der wirklich erbarmungswürdigen (und durch die Gnade des Gegenprogrammierung auch von so gut wie Niemandem betrachteten) Leistung der Alten gegen Venezuela (und der auch nicht gerade aufwühlenden Partie gegen Costa Rica am Samstag davor) wirkt das alles ganz ganz armselig.
Das deprimierendste daran: Es gibt keinen Anlass zu Hoffnung, kein einziges Problem scheint auf einem Weg zur Besserung.
Vielmehr gilt praktisch alles, was ich hier nach dem Ungarn-Spiel angemerkt habe, exakt so immer noch.
Denn nicht einmal am ruhenden Ball waren Fortschritte festzustellen - Wallners Freistoß in der 82. Minute als Fanal.
In der Zwischenzeit gab es noch dazu den Team-Rücktritt von Paul Scharner, der indirekt aber schuld dran ist, dass es mittlerweile eine ÖFB-interne Diskussion über den Einsatz von Mental-Trainern und anderen Spezialisten gibt, die so bislang nicht möglich war.
Das hat mit der vorherrschenden altbackenen Krankl-mäßigen "gehtsaußeundschpütseichaschpü!"-Mentalität zu tun, die so vorgeht, als wäre der Spitzensport am Stand von 1955 und als wäre Fußball ausschließlich eine Frage von Talent.
Sparten-Trainer, spezielle Units, Konditions- und Mental-Coaches sind in jeden auf Erfolg hinarbeitendem Verband eine Selbstverständlichkeit (der ÖSV verdankt diesen Strukturen einfach ALLES), interessanterweise ist der Fußball in dieser Hinsicht eine Art Neandertal, ein letztes Ressort einer aussterbender Spezies. Seit das von ebensolchen Primitivismen gern geschüttelte Deutschland allerspätestens durch die Klinsmannschen Tricks aufgeweckt wurde, ist der ÖFB Träger der roten Laterne.
Scharners Mental-Trainer Valentin Hobel, ein Mann der konzentriert mit Einzel-Sportlern (für den ÖSV etwa mit Mario Reiter, Thomas Sykora...) arbeitet, sagt in einem Interview folgendes: "Fakt ist, dass in Norwegen oder England härter gearbeitet wird. Es kann doch nicht sein, dass Scharner wegen seines Zusatzprogramms, das er vom Verein oder von mir hat, im Team als Idiot hingestellt wird. Einfach unvorstellbar: Aber es wurde ihm untersagt mehr zu tun."
Scharners Haupt-Kritikpunkt waren schlechte bzw. nicht vorhandene Strukturen im ÖFB. Dazu nochmal Hobel: "Im Team ist nicht klar, wer welche Aufgaben hat. Weder Aufhauser noich Stranzl noch Scharner wussten, was zu tun ist. Keiner weiß, welcher Paß gespielt wird, es gibt keine klare Spielansage."
Das sieht man tatsächlich bei jedem ängstlichen "Wohin-soll-ich-denn-abspielen?!"-Blick der Teamspieler mehr als deutlich.
Nun gibt es natürlich Kicker, denen man sowas nicht sagen und erklären muss, "naturals", die das Gefühl für das Spiel im kleinen Zeh haben.
In der aktuellen Fußballer-Generation Österreichs ist so jemand allerdings nicht vorhanden; und da die Jungen von den Älteren lernen, ist in absehbarere Zeit keine Veränderung zu erwarten (und unser Zeitrahmen heißt: 2008).
Also muss die Trainer-Generation derer, die das selber damals beherrscht haben, endlich über ihren Schatten springen und den derzeit auflaufenden Nicht-"naturals" alles haarklein beibringen, Ernst-Happel-Style. Für Laissez-Faire hat der ÖFB, hat Hickersberger nicht das Personal, das geht sich einfach nicht aus.
Hobel sieht im übrigen so aus, wie sich Scharner gern verkleidet: Brille und dieses "coole" Bärtchen. Scharner eifert ihm also auch optisch nach. Scharner ist eine gute Nummer 7 oder 8 in einem guten Team-Hierarchie, einer der viel aufsaugt und aufnimmt, über eine Art instinktive Mimikry lernen kann. Deswegen ist er Klasse bei Wigan in England, einem guten Verein prallvoll mit guten Spielern.
Und deswegen kann er beim österreichischen National-Team, prallvoll mit braven Mitläufern wie ihm, nichts reißen.
Da die Alternative, der charismatische Altspatz mit Können, Willen und Kraft nicht vorhanden ist (und hört's mir auf mit dem mir sehr sympathischem Kühbauer, der im Nationalteam dauerversagt hat, aus ähnlichen Gründen) müssen wir mit dem auskommen, was am Tisch liegt, bzw. am Rasen trainiert.
Und da ist mir im Venezuela-Spiel wieder einmal etwas aufgefallen: Andi Ivanschitz, der mit Bedenken und Bedeutung Überfrachtete, ist immer dann gut (oder doch mit den besseren Ansätzen versehen als die anderen), wenn er aus der Etappe planend passen kann.
Zentral offensiv oder auf der (meist linken) Seite bringt er von Monat zu Monat weniger; wenn er das Spiel aber wie ein Quarterback an sich reißt, dann klappt es eher, kann er seine fast Beckham'schen Stärken anbringen.
So wie Michael Ballack auch im hinteren Bereich des Mittelfelds, neben einem Leibgardisten wie Frings, am effektivsten ist, spielt auch Ivanschitz zentral defensiv (mit einer Vorstoß-Option) neben einem Scharner/Aufhauser/Prager-Typ am besten.
Nachteil: Ivanschitz ist eher Sforza als Effenberg, hat also enorme Schwächen in der Defensiv-Arbeit im Mittelfeld, Ball-Erobern und so. Pirlo wird er keiner mehr werden.
Aber diese Orientierungshilfen sind ohnehin alle zu hoch gegriffen, besser mit der Taube in der Hand arbeiten.
In diesem Zusammenhang wünsche ich mir den finanziellen Teil-Zusammenbruch so vieler Vereine wie möglich: Dann sind sie gezwungen den eigenen Nachwuchs einzusetzen. Und das hat noch nie geschadet.
Nur so konnte es dazu kommen, dass ein Leitgeb (wiewohl der gestern auch unglaublich daneben war) und ein Junuzovic zu so etwas wie einem Spieler, der sich bewusst ist, Verantwortungsträger in seinem Team zu sein, ihre frühreife Qualität aufreißen konnten.
Jammervoll anzusehen, wie sowohl in Bundes- als auch 1. Liga die Clubs mit ein bissl Spielgeld in peinlichen Nachkauf-Aktionen knapp vor Transfer-Schluss wieder hysterisch irgendwelche viertklassigen Legionäre zusammengesammelt haben, von denen sie wahrscheinlich genau einen Videoclip gesehen haben - ich präsentiere gerne zum Jahreswechsel eine Spezial-Bilanz dieser "Schnäppchen".
Wobei diese Panik, wie z.B. die bei Altach, wo Streiter sein Aufstiegsteam mutwillig zerstört hat, völlig überflüssig ist: Sturm Graz wird die Saison nicht überleben, ist zu 99%wirtschaftlicher Absteiger; also können alle anderen Klubs im unteren Bereich ruhig spielen und schon die nächste Saison planen.
Für die 1. Liga (Admira und auch die Austria Amateure als Fix-Absteiger aus wirtschaftlichen bzw. sportjuristischen Gründen) gilt Ähnliches.
Außerdem wird in den allerreichsten Clubs oft am Schleißigsten gearbeitet: Erinnert sich jemand an den künstlichen Mini-Wickel, den Salzburg wegen der im Teamtraining erlittenen Verletzung von Marc Janko losgetreten hatte? Man habe den Verein nicht informiert, Skandal und überhaupt!
Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass der Team-Arzt den Vereins-Arzt sehr wohl und genau über alles unterrichtet hatte, blöderweise hatte das Salzburg-Management seinen Doktor aber kurze Zeit drauf gefeuert und (wie im Hangar 7 Usus) eben nicht für eine korrekte Übergabe gesorgt, sondern einen Nachfolger von Null weg starten lassen.
Und noch zwei Details, die zeigen, wie wurscht auch den anderen Verantwortlichen eigentlich alles ist.
1) Weder die einzelnen Vereine der 1.Liga noch die für sie verantwortliche Bundesliga waren bis dato imstande, eine komplette Überblicks-Liste zum Transfer-Schluss am 1.9. zu erstellen.
2) Im Bundeskanzleramt hieß es in der fast belustigten Ansage-Antwort auf die Interview-Anfrage eines Kollegen zum Thema EM 2008, dass das doch wirklich eindeutig zu früh wäre und man sich doch 2007 wieder melden sollte.
Bei derartiger Arbeit von Verband, Liga und Umfeld braucht man eigentlich keine Gegner um die EM 08 als Letztplatzierter zu beenden, forfait nennen das die Nachbarn in der Schweiz.
Lustigerweise wird das nächste Länderspiel gegen eine anderen Nachbarn am 6.10. eine deutliche Standort-Bestimmung bringen, weil der eher in Reichweite des Nationalteams ist, als die Auswahlen technisch perfekt ausgebildeter und taktisch seit Jugend geschulter Süd- und Mittelamerikaner: in Vaduz wird Liechtenstein der Gegner sein.
Die verloren in der EM-Quali in Schweden nur 1:3 und beim letzten Aufeinandertreffen in Vaduz '00 gelang ein mühevolles 1:0. Mit dabei damals: Stranzl und Martin Hiden, auch Team-Manager Herzog, Michl Baur, Schopp oder der alte Franz Wohlfahrt. Torschütze: Flögel-Tommy.
Liechtenstein hat interessanterweise Legionäre bei Clubs mit Österreichern: Tormann Peter Jehle spielt bei Boavista (Linz), Stürmer Mario Frick bei Siena (Manninger). Dazu kommt Martin Stocklasa bei Dresden (Pacult, bis eben), der Rest spielt in der Schweiz und der Heimat und ein paar auch in Österreich, bei BW Feldkirch.