Der Zustand ist hoffnungslos, aber nicht ernst: ein paar Späße am Beispiel der Krise rund um den Job des linken Verteidigers.
Nun ist es seit einiger Zeit sicher kein Zuckerschlecken, einen verantwortlichen und öffentlichen Posten innerhalb des österreichischen Fußballs zu bekleiden.
Denn, wie es zuletzt auch Pasching-Coach Djuricic in einer Brandrede (just ein paar Stunden nach meinem letzten Eintrag, der seine Situation zum Thema hatte) betonte, hat es eine Koalition der Unfähigkeit (bestehend aus Funktionären, Managern, Trainern, Spielern und Medien) bereits vor Jahren versaut, als nichts investiert und nichts gesät wurde, weshalb die Ernte dieser Tage so bitter ausfällt.
Wie schlimm diese Missernte tatsächlich ist, läßt sich dieser Tage anhand eines kleinen Beispiels abhandeln; dem der Misere rund um die Position des linken Verteidigers der Nationalmannschaft.
Es ist nun so, dass Teamchef Hickersberger am Donnerstag (sonderbarerweise bereits vor den UEFA-Cup-Spielen am Abend) seinen Kader für das Schicksals-Spiel gegen Liechtenstein und die Prestige-Partie gegen die Schweiz (am 6. und 11. Oktober) zusammenrief.
Der umfasst (inkl. Abrufbereite) 27 Mann, es gibt Torhüter, Innenverteidiger, defensive Mittelfeldspieler, offensive Mittelfeldspieler, Flügelspieler, Stürmer und gleich vier Mann, die einen rechten Verteidiger spielen können.
Der Kader umfasst allerdings keinen einzigen Links-Verteidiger.
Nun könnte man das schlicht als geistesgestörten Wahnsinn bezeichnen und zur Tagesordnung übergehen, die im heimischen Fußball ja aus lauter solchen Momenten zu bestehen scheint.
Ich halte aber die Frage nach den Hintergründen dieser Seltsamkeit für hochinteressant.
Gehen wir die Check-List durch: Pogatetz, der diese Position zuletzt spielte, kann nach seiner Kritik an diversen ÖFB-Strukturen (die er in einem aktuellen News-Interview auf kluge Weise aufrechthält) nicht ohne Gesichtsverlust einberufen werden, wird aber in seinem Klub ohnehin als Innenverteidiger eingesetzt.
Der zweite teamreife Linksverteidiger im Ausland, Andi Ibertsberger von Freiburg, ist verletzt.
Also muss der Job innerhalb der heimischen Bundesliga vergeben werden.
Bei Salzburg spielt auf dieser Position der hölzerne Serbe Dudic, bei Ried der Pole Rzsaza, beim GAK Kujabi, der junge, beim Klub großgewordene Mann aus Gambia; die fallen also weg.
Bei der Austria wurde nach dem Abgang von Papac dort Andi Schicker ausprobiert, der allerdings nach einem taktischem Fehler bei einem Gegentor von Coach Schinkels ausgetauscht und nicht mehr wieder aufgestellt wurde (soweit zum gern propagierten systematischen Aufbau junger Kräfte); seitdem darf dort die argentinische Kampfmaschine Troyansky aufundablaufen.
Schicker wurde immerhin in die U21 einberufen, ebenso wie der bei Salzburg auf absurdeste Weise demontierte Junior Ronnie Gercaliu, der jetzt im Exil bei Sturm Graz wieder arbeiten darf. Bei der U21 ist auch Andi Dober von Rapid dabei, der auch links spielen könnte - alle drei sind derzeit aber aus unterschiedlichen Gründen in einer höchst bescheidenen Form, und somit nicht teamreif.
Markus Katzer, der bei Rapid den linken Verteidiger macht, ist verletzt. Auf seinen Ersatzmann, Mario Sara, prasselt hoher Verantwortungsdruck, weil ihn Coach Pacult mit etwas zu vielen Aufgaben (zb der Ausführung der meisten Standard-Situationen) überfordert - ein (ebenso sinnloses) Gegenmodell zu Schickers Situation.
Andreas Schrott von Wacker Tirol war zuletzt auf Abruf im Kader, scheint aber jetzt nicht auf - wiewohl er genauso gut oder weniger gut drauf ist wie alle anderen Kandidaten, die jetzt ausfallen.
Und Manuel Ortlechner, der beim letzten Team-Test debutiert hatte, sah seit diesem Tag bei seinem Club Pasching kein Land - seine Einberufung war wohl eine Verzweiflungs-Tat, weil schon zuletzt der Links-Verteidiger-Job schwer zu besetzen war. Warum sich Hickersberger in diesem Fall nicht an Club-Coach Djuricic gewandt hat um diese Infos einzuholen, nunja...
Nun wäre es natürlich möglich etwa Sara oder Schrott oder etwa Mark Prettenthaler von Sturm einzuberufen, weil die ihren Links-Verteidiger-Job diese Saison mit dem meisten Anstand erledigt hatte - in einer ohnehin mehr als wackligen Mannschaft wie dem Nationalteam wäre dies aber eine gefährliche Sache, eine weitere allgemeine Verunsicherung.
Hickersbergers Alternative zu alldem ist interessant: er besetzt die Position eben gar nicht, und schummelt sich damit drum herum, dass er den linken Mittelfeldspieler von Mattersburg, den jungen Christian Fuchs (no relation), als Verteidiger ausweist.
Was natürlich ein unglaublicher Blödsinn ist.
Fuchs ist ein kreativer Angreifer, der nach hinten so seine Probleme hat. Beim Verein, der zuletzt ja eh auf ein 4-4-2 umgestellt hat, muss er da - mit einem Hintermann wie dem polnischen Fels Ratayczyk - nicht allzuviel arbeiten.
Gestern nun, an diesem Tag der internationalen Armseligkeit, am Tag des peinlichen Auftritts von Salzburg, die von den Blackburn Rovers gedemütigt wurden, am Tag der völligen Chancenlosigkeit von Pasching ein 0:2 aus Livorno aufzuholen und am ersten glücklichen Saison-Tag der Wiener Austria, die gegen ihre Krisen-Entsprechung aus Polen, den noch mehr gebeutelten Verein Legia Warschau gewinnen konnten, gab es einen einzigen herausstechenden österreichischen Akteur.
Und ich meine nicht Roman Wallner, der von seinen völlig von der Rolle befindlichen Gegner mit einem Kopfballtor (!) beschenkt wurde.
Ich meine einen Paschinger, der aufgrund der aktuellen Krise um die linke Abwehrseite dorthin zwangsverpflanzt wurde: Yüksel Sariyar.
Sariyar, ein deutlich formulierender Bursch aus der zweiten Generation, ein Fall für Daham UND Islam sozusagen, ist eigentlich ein kreativer Mittelfeld-Spieler, der sowohl rechts als auch zentral eingesetzt werden kann; und er stand - nach einer überwundenen Verletzung - zuletzt eh wieder im Blickfeld des Nationalteams.
Djuricic ließ ihn zur Verblüffung aller als Linksverteidiger auflaufen und Sariyar war - bis zum Zeitpunkt des Gegentors - bester Mann am Platz: er gewann jeden wichtigen Zweikampf, nahm seinen Gegenspielern die Bälle also nicht nur ab, sondern verstand es dann (logischerweise) auch einen Gegenangriff so einzuleiten, dass man nicht automatisch Bauchweh bekommt, weil diese Passbälle dann wie ein Bumerang retourkommen, was bei den mit dem Aufbau beschäftigten heimischen Akteuren ja Usus ist.
Leider brach Pasching nach dem 0:1 ein und gab das Spiel auf - Sariyar in jedem Fall war die eigentliche Sensation der Partie.
Nun kann sich der Pasching-Coach, der seine Spielerchens fast täglich beinander hat, natürlich leichter auf so eine ungewöhnliche Handlungsweise einlassen als ein Teamchef, der nur wenig Zeit mit den Kickern verbringt und eigentlich mit fertigen und gut ausgebildeten Akteuren rechnen sollte dürfen.
Warum sich Hickersberger aber, wenn er schon ein offensichtliches Leck hat, doch wohl nur sehr kursorisch mit den Club-Trainern drüber austauscht, bleibt sein Geheimnis.
Und natürlich wird er sich, wenn er dann irgendeinen, der es in seinem Verein gar nicht oder nur unzureichend spielt, an eine bestimmte Position schiebt, im Fall einer Schieflage dann erst recht wieder verantworten müssen. Auch weil man dann die Alternativen wieder bedenken oder sich an den wilden Auftritt von Sariyar im UEFA-Cup erinnern würde.
Aber natürlich ist es auch möglich, in der Routine der Team-Aufstellung etwas zu probieren - wie es zb Ivanschitz vielleicht guttun würde.
Das alles ist dann, wenn Hickersberger eine System-Änderung mit Dreier-Abwehr plant und keinen Linksfuß mehr für hinten braucht, natürlich hinfällig. Aber das scheint doch etwas weit hergeholt.
Warum mit Standfest, Plassnegger, Ertl und Garics gleich vier potentielle Rechtsverteidiger im Kader stehen, erklärt sich dadurch dann auch nicht. Es erinnert mich an einen U21-Kader des sonst hochgelobten Willy Ruttensteiner von vor zwei Jahren, als der mit fünf rechten Mittelfeldspielern, aber ohne Stürmer in ein Match ging.
Wie Hicke gegen Liechtenstein und die Schweiz spielen wird, ganz ohne linken Verteidiger, das wird interessant; vielleicht sogar revolutionär.
Wie gesagt, bei diesem Minimal-Problemchen um den Links-Verteidiger im österreichischen Nationalteam handelt es sich um ein Detail, einen Schas im Wald.
Aber aus genausolchen Detail-Problemen, die - wenn man das ganze in all seiner Düsternis unter die Lupe legt - schon in sich unlösbar scheinen, setzt sich das Gesamt-Problem, über das alle gerne reden und dann doch nicht so exakt benennen können oder wollen, erst zusammen.
Denn mit dem im Vagen steckenbleibendem Herumgejammere allein ist es nicht getan: das kommt zwar als Branchen-Arbeitsleid gut daher, hat aber außer dem Dampfablassen keinerlei Funktion.
Nur das ganz konkrete Aufzeigen von ganz konkreten Problemzonen kann die Machete aus diesem Dschungel sein.
Und das ist auch der Grund, warum es jetzt jede Woche einen Aufschrei a la Djuricic oder Pogatetz braucht. Jede Woche oder öfter.