Der Abgang des letzten modernen Trainers von internationalem Zuschnitt aus der österreichischen Dörfl-Liga: Milan Djuricic scheißt uns was.
Es soll kein Rundumschlag gegen die Trainer der österreichischen Bundesliga sein, aber: Kraft, Streiter, Foda und auch Straka sind gute Gesellen, nicht mehr, Zellhofer ein lokal erfolgreicher Kandidat für eine Option, Söndergaard ein bereits abgeschossener und deshalb saftlos Resignierter und Trap ist eine Spitzenkraft, einer der erfolgreichsten Coaches der Welt, aber eben einer von gestern.
Der einzige der zuletzt so etwas wie eine weltläufige Sicht eingebracht hatte, der hat gestern die Konsequenzen gezogen, in voller Härte.
Milan Djuricic, kroatischer Coach beim SV Pasching, der sich an den Hedgefonds-Anbieter Superfund verkauft hat, ließ sich nicht mehr von den hierzulande bestimmenden Unwirtlichkeiten, die Liga, Nationalteam, Verband, Vereine und vor allem auch die unbeachtete Zukunft des Fußball-Sports ruiniueren, mitverarschen, sondert schert aus der Reihe, die hinter den Rattenfängern auf die Klippen zusteuert, einfach aus.
Angewandte Lebenserhaltung also.
Wie man einen sportlich Verantwortlichen ...
Djuricics Lage bei Pasching war folgende:
ein, vorsichtig gesagt, schwieriger Präsident, den manch einer auch als Soziopathen beschreibt, der sich zuletzt ein Hobby draus gemacht hatte, mit seinem Rückzug und dem damit einhergehenden Ende des Vereins zu drohen, wenn man seinen manchmal etwas sprunghaften Wünschen nicht entspreche;
Spieler, die nach der erfolgreichen Vertreibung seines Trainer-Vorgängers (Andi Heraf), der ihrer Meinung nach zu viel Laufarbeit verlangt hatte (!), es auch bei Djuricic probierten; vor allem die Oldies, die mittlerweile in die Jahre gekommenen Stürmer Mayrleb und Gillewicz, der artikulationsbeeinträchtigte Tormann Schicklgruber und Kapitän Michl Baur, der dieses Handwerk bereits bei Tirol meisterlich beherrschte, forderten Umstellungen im sie allzu fordernden System;
die Aushöhlung von spielerischer Substanz durch viele Abgänge in der Sommerpause; die aus heiterem Himmel erfolgte Abschaffung des Amateur-Teams (das in der Regionalliga spielte) und die daraufhin nur mühsam in die Gänge kommende Kooperations-Politik für die Verleihung von aufzubauenden Talenten, bzw. auch deren Unwillen sich für die Erste zu qualifizieren;
und schließlich die nach Djuricics diesbezüglichen internen Äußerungen von Unmut plötzlich anstehenden Drohgebärden von Spielerseite wie auch vom alleinherrschenden Präsidenten, die in wenig unauffälligen Besuchen des arbeitslosen deutschen Holzmichl-Trainer Lorenz-Günther Köstner im Paschinger Waldstadion mündeten.
Djuricic, der seinen Abgang wohl schon länger geplant hatte, nahm in den letzten Wochen noch einige wirklich wagemutige Experimente vor, und übergab den Verein in der bestmöglichen Position, dem 2. Platz hinter Salzburg, und auch als (neben Salzburg) einziger Klub mit einer positiven Tordifferenz.
... durch Lobbying auf allen Ebenen...
Mehr geht für Pasching in der heimischen Liga nicht.
Mehr wird auch künftig nicht rauskommen können.
Gut gelöst.
Jetzt übernimmt der Schönwetter-Plauscher Constantini, ein Frühstücksdirektor der Marke "Gehtsaußeundspütseichaschpü!", ein in seiner Wurschtigkeit erstaunlicher Epigone der Cordoba-Taliban die Mannschaft.
Djuricic's ungewöhnlicher Ansatz war zuletzt einigemale Thema, hier vor etwa einem Monat, als er sein von Saisonbeginn an gepflegtes 4-2-3-1 der Marke Portugal umzustellen begann, auch unter besonderer Berücksichtigung eines seiner spielintelligentesten Akteure, Yüksel Sariyar.
Djuricic begann zu experimentieren und auch zu riskieren, weil's ihm einfach - im Wissen um seinen baldigen Abgang -wurscht war, und stellte dazu einiges an Überlegungen an (und setzte es in der Praxis dann auch gleich um), was seine Klasse zeigt und der restlichen Trainerschaft fehlt und ziemlich guttun würde.
Djuricic suchte eine Lösung für sein Außenverteidiger-Problem (das ja z.B. auch das Nationalteam und den einen oder anderen Klub plagt) und setzte dort zunächst seine verlässlichen Portugal-System-Außenspieler Chiquinho und Ketelaer ein, stärkte somit (mittels Risiko) die Offensivkraft.
... effektvoll dazu bringt, dass er so richtig ...
In weiterer Folge verzichtete Djuricic dann völlig auf klassische Außenverteidiger (!) und trat mit einem auf den ersten Blick komplett irrwitzigen 2-5-3 an, das auf den zweiten Blick total Sinn machte.
Vor den beiden zentralen Verteidigern spielte Sariyar (Djuricics drittes As) einen defensiven Ballverteiler im Mittelfeld, in der Art wie es Beckenbauer bei der WM 70 tat, als er noch keinen Libero gab. Weiters im Mittelfeld zwei Ballschlepper und Passgeber in der Zentrale und Chiquinho/Ketelaer in einer Doppelrolle auf den Außenpositionen (die dann quasi Verteidigungs- und Mittelfeld-Aufgaben gleichzeitig zu erledigen hatten), davor drei echte Stürmer, zwei rochierende Flügel und ein Brecher.
Ich erinnere mich an ein Ketelaer-Interview knapp nach einem solchen Spiel, als er - um die Anstrengung ob dieser Doppelaufgabe befragt - nahezu euphorisch über die Herausforderung dieses Jobs reagierte.
Diese Art von Devotion seiner Arbeit innerhalb eines klug aufgestellten Systems gegenüber ist es, die den wirklich guten und auch aus sich heraus gut motivierten Spieler vom durchschnittlichen in Österreich sozialisierten und seit Jugend an vercoachtem, desinteressierten Kartentippler-"Profi" unterscheidet.
Marcel Ketelaer ist nicht irgendwer, sondern ein in der deutschen Bundesliga ausbebildeter Kicker, der locker einen gut bezahlten Altervorsorge-Job in der Operettenliga runterbiegen könnte, ohne sich den Arsch aufzureißen.
Für Djuricic tat er's aber.
Warum wohl?
... ordentlich drauf scheißt hier was zu verbessern.
Weil er hier auf einen Coach trifft, der was von seinem Job versteht und sich nicht bloß als "Motivator"-früherwarallesbesser-Haberer sieht, der sich womöglich wie sein zwischenzeitlich zum wirren Schrulli mutierter Kollege Pacult zwischen drei verschiedenen öffentlichen Wahrheiten verfängt.
Oder, und hier liegt auch der Unterschied zur anderen Veränderung am Trainer-Sektor, weil er eben nicht wie Schinkels in Krisen-Situationen die Verantwortung auf immer neue Spielerchens, die er unvorbereitet in den Kampf wirft, überträgt, bzw. mit immer neuen undurchdachten taktischen Änderungen um sich wirft.
In Djuricic' letztem Spiel am Samstag war Sariyar gesperrt und Kapitän Baur, einer der Djuricic-Kritiker, übernahm dessen Job. Als der Trainer in einem Interview nach dem Spiel offen und lächelnd davon sprach, dass Baur mittelfreistig nicht für diesen komplexen Job in Frage käme, war schon klar, dass der Abgang bevorstand. Sowas sagt man nicht, wenn man noch weiter mit dem Betroffenen arbeiten will. Djuricic wollte nicht mehr und gab dem satten, umdenk-unwilligen und stets den Weg des geringsten Widerstands suchenden Baur noch eine kräftige mit.
Nicht dass das den aufrütteln würde - bei Constantini, seinem alten Kumpel, wird er noch ein paar Monate eine ruhige Kugel schieben und seinen Club und damit den heimischen Fußball aufhalten und beschädigen können, also passt eh alles.
Das wirklich schlimme Signal an die Liga und den heimischen Fußball ist, dass es Djuricic außer diesen paar Schlenkern und seinem kurzen Auszucker unlängst ja nicht einmal der Mühe wert hält, durch eine Darlegung der strukturellen Gründe seines Abgangs (die über spezielle vereinsinterne oder persönliche Probleme hinausgehen) anzubieten, und somit ein paar Augen zu öffnen, also öffentliche Erhellung zu betreiben.
Weil er's für hoffnungslos hält; und das wohl zurecht.