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Wien | 6.12.2006 | 12:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
EM-Journal '08. Zweiundzwanzigster Eintrag.
  Bilanz der Herbst-Saison 06 in zwei oder drei Teilen. Oder: das Starmania-Missverständnis.
Heute: Teil 2, die Besten der richtigen Liga.
 
 
 
  Nur damit klar ist, dass die Parameter von Teil 1 auch hier und heute gelten:

Das Niveau in Österreichs oberster Fußball-Spielklasse erreichte in der Herbst-Saison 06 nicht nur einen signifikanten Tiefpunkt, weil die europäischen Messwerte der Klubs ins Bodenlose fielen, sondern vor allem deshalb, weil die Gewöhnung an dieses unterirdische Niveau (ausgelöst durch eine mittlerweile schon an freche Lügen grenzende Schönfärber-Berichterstattung) mittlerweile bereits Fata-Morgana-artige Zustände erreicht.

Nochmal: das was derzeit in Österreich unter dem Signet "Fußball" abgeführt wird, hat mit wirklichem Fußball genau so viel zu tun wie "Starmania" mit richtiger Popmusik. Von einem eigenständigen oder gar zukunftsorientiertem Ansatz sind beide (Starmania und österreichischer "Profi"-Fußball) weiter entfernt als der Mond. Von gottgleichen Momenten, wie dem kometenschweifgleichen Genieblitz eines Ronaldinho von gestern gar nicht erst zu reden.

In einer Liga, wo selbst fußballerische Zwerge wie Roman Wallner lange Schatten werfen, ist eigentlich Hopfen und Malz verloren.

Da sich aber innerhalb von beschissenen Systemen, innerhalb grauenvoller Strukturen und in einem verheerenden Klima von Inkompetenz und Wurschtigkeit, also einem von Arschlöchern perfid zubetoniertem Hinterhof auch wilde und schöne Blüten ihren Weg bahnen, gibt es auch in diesem Herbst unseres Missvergnügens einige Leistungen einiger weniger, die hervorzuheben sind und Hoffnung auf Besserung machen.

 
 
Deshalb: einer 10er-Besten-Liste.
  Also fast ein Dream-Team der von T-Mobile gesponserter Bundesliga, der obersten Spielklasse.
Mit allen Playern dieser Halbserie, also auch den Leiharbeitern aus dem befreundeten Ausland und den paar wenigen, die für Österreichs EM '08 selektionierbar sind.
 
 
 
Der Chef: Vonlanthen.
 
Der beste Spieler dieser Liga in dieser Herbst-Saison ist Johan Vonlanthen.
Der 20jährige Schweizer ist deshalb der Beste, weil er das bereits von Saison-Beginn an war und sich - against all odds - in einem ihm feindlich gesinnten Klima durchsetzen konnte.
Vonlanthen war bereits in den ersten Einsätzen in einer noch völlig inkoherenten Red Bull Salzburg-Mannschaft der beste und kreativste Mann, wurde dort aber von einem strukturkonservativen und übervorsichtigen Coach auf Grund einer falschen Parameter-Wahl nicht geschätzt und nicht eingesetzt.

Dass der körperlich nicht gerade übermäßig starke in Kolumbien geborene Secondo durch diese Fehleinschätzung nicht Ivanschitz-mäßig aus der Bahn geworfen wurde, hat wohl mit einem anderen Tiefschlag, nämlich seiner kurzfristigen höchst dubiosen Ausbootung aus dem Schweizer WM-Kader in diesem Sommer zu tun. Scheinbar hat ihn das brutal abgehärtet.

Denn als sich zeigte, dass die (viel zu vielen und viel zu gleichartigen) Mittelfeld-Spieler, die im Trapattoni-System rotierenderweise umhergeschleudert wurden, nicht und nicht den zündenden Funken anzubieten hatten, konnte die Klub-Führung nicht mehr an Vonlanthen, der bei jedem einzelnen seiner Einsätze das Mannschafts-Spiel prägte und führte, vorbeigehen. Auch wenn das Trap, der Fußballspieler erst ab einem gewissen Alter als vollwertig betrachtet, gegen den Strich ging.

 
 
  Vonlanthen ließ das alles bemerkenswert kalt.
Er verließ sich auf seine Qualitäten: Schnelligkeit, Dynamik, Präzision, das immer vorwärts orientierte, mannschaftsdienliche Spiel, die Fähigkeit zum richtigen Pass im rechten Moment und auch seine immer besser werdende Zweikampfstärke und seine defensive Klasse - alles Konsequenz eines fußballerisch ganzheitlichen Denkens, das die wirklich großen Spieler auszeichnet.

Gerade in einem Mannschaftsteil, die viel zu undiszipliniert agiert (Tiffert, Kovac, Carboni) oder drastische Formschwankungen aufweist (Jezek, Janocko, Pitak, Aufhauser) ist Vonlanthen mit seiner Konstanz der eindeutige Chef.

Resultat: im letzten Länderspiel der Schweizer gegen Brasilien war er wieder dabei.

Vonlanthen ist zudem der lebende Beweis dafür, dass auch im Fußball zweimal Minus zusammen Plus ergeben kann. Er wurde engagiert, weil der inhaltlich unbeleckte L. Matthäus den kleinen Sohn seiner Schweizer Frau Lolita mit einem Vonlanthen-Trikot herumlaufen sah und sich deswegen dachte, dass ein Transfer ein guter Marketing-Gag wäre.

Im Gegensatz zu anderen jugendlichen deutschspachigen Fußball-Werbeträgern (wie der Nutella-Truppe, deren Österreicher-Ableger Spieler featurt, die zwar schnieke aussehen, die EM wahrscheinlich nur als Zuschauer erleben werden) ist bei Vonlanthen allerdings ein tatsächlicher Entwicklungssprung zu erkennen.

 
 
Die anderen Salzburger...
 
... in meiner Top-Ten-Liste sind Stürmer Alexander Zickler, Tormann Timo Ochs und Rechtsverteidiger Laszlo Bodnar.
Alle drei sind auf ihrer Position die mit Abstand stärksten Spieler in der heimischen Bundesliga.

Natürlich sollte man nicht verhehlen, dass die Armseligkeit dieser MickyMaus-Meisterschaft derzeit maximal ein Andocken an die unteren Regionen der zweiten deutschen Liga garantieren würde.

Einzig die Salzburger Millionentruppe hätte da Aufstiegs-Chancen. Fürs internationale Geschäft hat es heuer - und zwar deutlich - nicht gereicht: schon der extrem glücklich bezwungene FC Zürich war besser, und zu Saisonbeginn fehlte - um beim Starmania-Bild zu bleiben - jegliches Gefühl für einen selbstzuentwickelndes Stück.

Das wird, sollte man sich im Sommer wieder hysterisch deppert um sich kaufen und wiederum eine uneingespielte Truppe ins Rennen schicken, im nächstes Jahr nicht ändern.

Trotzdem sind diverseste Salzburger Einzelspieler hierzulande unerreicht.
Der Lauf den Zickler derzeit hat: sensationell und aufwühlend: da kann einer endlich all das, was er kann abrufen, unfallfrei und ohne Druck.
Tormann Ochs hatte zwar einige Durchhänger, die extrem schwache Konkurrenz (Payer, Schranz, Borenitsch...) kann er aber problemlos abhängen.
Und der ungarische Offensivverteidiger Bodnar ist hierzulande der einzige Außen-Defensiv-Spieler von internationaler Klasse - einzig Johnny Ertl wäre da ansatzweise im Blickfeld.

 
 
Die Sensation: Sedloski.
 
Der Hauptgrund für die gute Tabellenposition des SV Mattersburg heißt Goce Sedloski und ist hauptamtlich Kapitän der mazedonischen Nationalmannschaft.

Sedloski ist eine Sensation: der beste Abwehr-Chef der Liga, klug, antizipatorisch hochbegabt und auch noch eine hochgradige Offensiv-Gefahr nach Standard-Situationen.

Sedloski ist imstande, eine ausgesprochen mittelmäßige Abwehr, die zuvor ein einziger und permanenter Risiko-Faktor war, einigermaßen zu stabilisieren und gleichzeitig auch nach vorne einiges zu erledigen.
Sedloski ist ein Wundermittel, der Traum jedes Pharma-Konzerns.

Denn ansonsten dümpelt der SVM auf höchst dürftigem Niveau herum: der vielgelobte Kühbauer spielt eine höchst mittelmäßige Saison, und die Talente Mörz und Fuchs sind immer noch (wie schon im Frühjahr, also schon beträchtlich lang) in einer Talsohle. Einzig der rechte Flügler Cem Atan zeigt sowas wie eine aufsteigende Tendenz.

Sedloski ist auch der Grund, warum der SVM immer noch sein steinzeitliches 3-5-2 durchziehen kann: er allein übertüncht die Abwehr-Schwächen kraft seiner Persönlichkeit und spielt so das vergleichsweise brauchbar besetzte Mittelfeld frei.

 
 
Die Paschinger Lichtgestalten: Sariyar und Chiquinho.
 
Über die Gründe des relativen Paschinger Erfolgs hab ich ja bereits (exemplarisch) einige EM-Journale verbraucht.
Deshalb nur soviel: trotz der Verletzungen der Spielführer Kabat und Ketelaer hat der Linzer Vororte-Klub immer noch zwei Leitfiguren am Platz, die das Heft des Handels in die Hand nehmen (und ja, das reicht in der Bundesliga bereits aus um die die Herbst-Auswahl zu kommen, denn soviel sind das nicht...).

Der Brasilianer Chiquinho (auch schon 32) hat sich nach vielerlei Schwierigkeiten (er galt in Deutschland als Problemkicker) zum besten Allzweck-Mittelfeld-Spieler der Liga entwickelt, auch weil er das richtige Gefühl für den entscheidenden Moment hat, ein Mitreißer geworden ist.

Und der Sariyar-Axel ist mittlerweile der einzige österreichische Akteur mit sowas wie gesundem Selbstbewusstsein. Und selbst wenn es - wie derzeit bei ihm - in richtiggehende spielerische Arroganz ausartet: das find ich gut.
Denn nur mit dieser extremen Selbstsicht ist es möglich, dass er sich (wie im letzten Spiel gegen die Austria beim spielentscheidenden Tor) einen fast unerreichbaren Ball ertackelt und ihn (innerhalb eines einzigen Bewegungsablaufs) dann auch gleich ideal zu seinem 30 Meter entfernt startenden Stürmer passt.

Sariyar hatte die Technik und den Instinkt schon immer: jetzt hat er die Frechheit und das Selbstvertrauen.

Ich verwende den Begriff mittlerweile ungern, weil er zu zuvielen Missverständnissen führt, aber: Sariyar ist der einzige Spieler dieser Liga mit allen umfassenden Quarterback-Fähigkeiten.

 
 
Die jungen Wilden vor den Vorhang: stellvertretend Leitgeb
 
Es gibt ja doch einige aus der ganz jungen Garde, die in dieser Saison ein wenig stärker ins Rampenlicht rücken mussten und vor Vorhänge gezerrt wurden, vor denen sie sich niemals freiwillig aufgereiht hätten, Klaus Salmutter z.B. oder Zlatko Junuzovic, Vekli Kavlak oder Peter Hackmair.

Alles Super-Burschen mit Potential, aber eben auch einigen Durchhängern, im Falle von Salmutter auch sowas wie das Gegen-Modell zu Roman Wallner; nur: alles Buben, denen man keine übergroße Verantwortung aufhalsen kann.

Der einzige dieser Rasselbande, der diesen unausgesprochenen Anforderungen standhalten konnte, ist Christoph Leitgeb, 21, von Sturm Graz.

Leitgeb stand alle 20 Spiele am Platz und war in allen 20 Spielen präsent, konstant forsch und konstant neugierig und konstant eifrig und konstant willensstark. Er war nicht immer konstant gleich gut, aber was soll's.

Er fühlt wohl sowas wie einen Auftrag, erstens den, den brutal lang verletzten Kapitän Jürgen Säumel als zentrale Mittelfeld-Anspielstation zu ersetzen und zum zweiten auch sowas wie einen ruhenden Pol im wogenreichen Sturm-Herbst darzustellen.

Und das gelingt ihm, den Umständen entsprechend, Spitze.
Es ist Leitgeb zu wünschen, dass er sich im Winter international entwickelt, zu einem guten (am besten englischen) Verein kommt und dort noch einen Schub kriegt.
Er verdient ihn.

 
 
Der vergessene Legionär: Kolousek.
 
Es ist ja viel von Kreativ-Spielern die Rede, die es braucht, vom berühmten Spielmacher im zentralen Mittelfeld. Selbst in Traps Salzburg, wo man eigentlich gar nicht an diese Philosophie glaubt, sucht man jetzt so einen.
Und viele Vereine haben einen, dem sie sowas zuschieben, eine Art inszenatorische Verantwortung.
Man delegiert an einen Einzelnen, dass er das Spiel zu lesen und lenken habe, damit man selber routiniert Abläufe runterklopfen kann. Fatal.

Das klappt natürlich kaum.
Austrias Vachousek, Rapids Bazina sind viel zu verletzt, Salzburgs Janocko, Sturms Filipovic, Matterburgs Mörz zu formanfällig, Rieds Drechsel zu dick, ja und die anderen haben so eine Position eh nicht vorgesehen.

Die einzigen, bei denen das hinhaut, sind die Wackeren aus Innsbruck. Denn dort hat man nämlich als noch Vaclav Kolousek in der Zentrale regierte, die nötigen Punkte geholt um gesichert vorne mitzuspielen.

Kolousek ist ein Papierener der klassischen Sorte, ein Hendl, noch dazu mit einer überstandenen Krebs-Vorgeschichte belastet, also einer, der eigentlich "opfer" auf der Stirn stehen hat.
Davon war, als er die ersten 16 Tiroler Spiele in die Hand nahm, nichts zu bemerken.
Kolousek ist ein vorbildlicher Ballverteiler, ein unmerklicher Flitzer hinter der Spitze, technisch hochklassig und spielintelligent.
Ein Täter der besten Sorte.
Ohne Kolousek stünde Wacker nicht nur finanziell schlecht da.

 
 
Einer geht noch: Frankie Schiemer.
 
Natürlich hat Martin Hiden mehr Verantwortung und auch mehr Wertigkeit innerhalb seiner zauseligen Mannschaft; und natürlich ist etwa Carlos Chaile der bessere Innenverteidiger: ich will dennoch Franz Schiemer in mein Team holen, und zwar weil er der lebende Beweis ist, dass man sich auch in einen scheinbar gesettelten Block hineinspielen kann, wenn man bereit ist seine Fähigkeiten einzusetzen und aus beschissenen Vorraussetzungen was zu machen.

Schiemer wurde vom verzweifelten und wild mit immer neuen Aufstellungs-Varianten um sich schießenden Trainer Schinkels auf diversen Positionen eingesetzt, in der Abwehr, im Mittelfeld und sogar als Halb-Spitze.

Er machte aus jedem dieser Harakiri-Jobs das Beste. Und als er dann unverzichtbar wurde für sein wankendes Team spielte er ein paar Partien in der zentralen Abwehr und ließ dort Tokic und Radomski, die einfach eine miese Saison spielen, noch älter aussehen als sie sind.

Jetzt ist Schiemer verletzt.
Komm wieder so retour, Bub, wie du zuletzt drauf warst.

 
 
Das wären also:
  Ochs im Tor.
Bodnar rechts, Sedloski (als Chef) und Schiemer (als Lehrbub) zentral und keiner links (da müssen wir uns erst einen schnitzen, sorry, das lass ich frei) in der Abwehr.

Chiquinho rechts, Sariyar und Leitgeb zentral und Vonlanthen links im Mittelfeld mit Kolousek davor.
Und Zicko als Spitze.

Gute Mannschaft oder?
 
 
 
Wer fehlt:
 
ein linker Verteidiger, denn, sorry, niemand in dieser Liga ist gut genug für eine Erwähnung. Ich wünsch Gercaliu das Beste.

Jocelyn Blanchard, das Herz der Austria. Er ist zwar nach wie vor ein Held, spielt aber seit Monaten unter seinem Level.

Andi Lasnik, den ein paar Claqueure nach einem brauchbarten Spiel teamreif schreiben. Das sind alles nur Ansätze, das war alles schon einmal besser. Da muß viel viel mehr kommen, sonst ist er der Nachfolger von Wallner als Zwergschattenwerfer.

Die jungen, von mir eh schon oft genug erwähnten Rapidler.

Jemand aus Altach (mehr dazu in Teil 1) und Ried, ein Team, das ich mag, das mir aber keinen konstant guten Spieler angeboten hat.

Weiters:

Darf ich mir selber in den Rücken fallen und sagen, dass Martin Amerhauser für mich derzeit der beste beim GAK ist?

Darf ich mir wünschen, dass die Winterpause vielen sehr gut tut, und sie einen entscheidenden Sprung machen?
Vielleicht auch, weil in den nächsten Tagen Entscheidungen fallen (Sturm, Austria, Rapid...) die den Fortgang beeinflussen werden?

Darf ich mir eine von so wenig Idiotie und Panik wie möglich durchsetzte Weihnachts-Transferzeit wünschen?

Und: darf ich mir offenhalten ob noch ein dritter Bilanz-Teil erscheint?

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