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Wien | 12.12.2006 | 12:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
EM-Journal '08. Vierundzwanzigster Eintrag.
  Bilanz der Herbst-Saison 06 in jetzt sogar mehr als drei Teilen. Oder: die Katastrophe anhand eines konkreten Beispiels.
Wie man die internationale Entwicklung auf den Außenverteidiger-Poistionen nicht nur verschlafen hat, sondern sie auch weiter - als trutziger Unbelehrbarer - vogelstraußmäßig zu verdrängen gedenkt.
 
 
 
Die Abwesenheit von Niveau in der Außenverteidigung
 
Im Rahmen des EM-Journals hab ich's bereits angesprochen: die Außenverteidiger, die in der heimischen Liga spielen, vor allem die inländischen, sind international nicht konkurrenzfähig. Ich durfte das bereits am Beispiel des linken Außenprackers und auch hier am Beispiel von Pasching ausführen.

Dass mein kleine Bestenliste der Herbst-Saison keinen linken Verteidiger enthalten konnte und dass ich mir auch beim rechten schwergetan hab', war auch nicht zu verbergen. Denn neben Laszlo Bodnar, dem Ungarn in Sazburg, gibt es niemanden, der auch nur die Anspruchs-Limits erfüllt.
Der in einem Klammersatz erwähnte noch relativ beste Österreicher, der Austrianer Johnny Ertl, führte dann zu interessanten einerseits/andererseits-Reaktionen im Forum.
Zum einen wurde (zurecht) erwähnt, dass Ertl wohl der einzige Außenverteidiger der Liga ist, der allein aufgrund seiner Physis Durchsetzungsvermögen aufweisen kann, zum anderen war es (ebenso zurecht) Thema, dass er noch nie einen einzigen Diagonal-Paß zustandegebracht hätte.

Nun ist es tatsächlich Fakt, dass so etwas (eigentlich Standard-Repertoire eines Abwehrspielers) in der Bundesliga nicht gespielt wird. Das ist interessant, weil es sich dabei, wie auch in einigen anderen Fällen mehr, um einen Fall von verschüttetem Wissen handelt.
Denn (und hier darf ich die von mir als Trainer und Wissensverstopfer wohl gehasste, als Spieler jedoch weiterhin historisch wohlgelittene Cordoba-Generation vor den Vorhang holen) so ging etwa Krankls Siegtor in Cordoba ein sagenhafter Diagonal-Paß seines Kapitäns Robert Sara voraus. Und weil er das nicht nur in dieser Szene beherrschte wurde Sara, rechter Verteidiger, von Pele ja in dessen Weltauswahl des Turniers 1978 nominiert.

 
 
Die Abwesenheit eines intelligenten Spielaufbaus
 
Nun mag der eine oder die andere qualtingeresk anmerken, wozu man denn so etwas unnötiges wie einen Außenverteidiger denn überhaupt brauche, wo es doch eh nur (und dann werden gern steinzeitliche Weisheiten bemüht, über die man sich hierzulande ja leider nicht hinaus weiterentwickelt hat) einen Tormann, einen Libero, einen Regisseur und einen Goalgetter brauche.

Nun, im modernen Fußball, also dem Spiel, das wir im Champions-League-TV sehen, ein Spiel, das hierzulande leider nicht gespielt, ja nicht einmal angestrebt wird, sind es mittlerweile die Außenverteidiger, die die meisten Ballkontakte in ebenjenem Spiel haben.

Das mag den Laien und oberflächlichen Beobachter verblüffen, ist aber ein logisches Resultat.

Denn der Spielzug "Tormann wirft Ball zu einem seiner Außenverteidiger" ist der mit Abstand häufigste.
Und ab da gilt es dann Aufbau-Arbeit zu leisten. Will sagen: der erste Paß, den der meistangespielte Mann im Match dann abgibt, ist vorentscheidend.

International sind deshalb nicht nur schnelle und kampfstarke Herren auf den defensiven Außenpositionen tätig, sondern auch dribbelstarke Spielintelligenzler, die strategische Lese-Fähigkeiten aufweisen und ein Spiel aufbauen können.
Beispiele?
Endlos. Bayern München zb lebt von der Aufbau-Arbeit von Sagnol und Lahm, der aktuelle Aufschwung von Werder hat viel mit Pierre Wome zu tun, warum Leute wie Zambrotta oder Grosso die eh schon gandiose Maldini-Schule noch ausbauen, dass sich im Mutterland des Fullbacks Arsenal und Chelsea derart um Ashley Cole prügelten etc. Danke an dieser Stelle für den interessanten Link mit der enstprechenden Löw-Aussage.

 
 
Die Abwesenheit eines strategischen Coachings
 
Im übrigen: wer sind die Spieler der österreichischen Bundesliga mit den meisten Ballkontakten? Nein, keine Spielgestalter, sondern Milan Dudic und der erwähnte Laszlo Bodnar.
Auf den ersten beiden Plätzen dieser Statistik also: der rechte und der linke Außenverteidiger von RB Salzburg, beides natürlich Legionäre. Die Wirklichkeit hat Österreich also eingeholt.

Denn: man kann dem alten verbohrten Trapattoni viel vorwerfen, aber dass er die deutlichen Trends seines Geschäfts mitbekommt, und sie dann auch in sein Konzept einbaut, das ist wohl klar. Deswegen gibt es bei Salzburg auch diese permanenten "wir brauchen einen gscheiten Links-Verteidiger!"-Rufe, einfach weil der hölzerne Dudic zwar immer noch ausreicht um die österreichische Liga zu dominieren, weil er aber fürs internationale Parkett auf dieser (wichtigen) Position nicht gut genug ist.

Trap hat erkannt, was jeder Coach in jeder anständigen Liga seit geraumer Zeit weiß: die Außenverteidiger müssen mit extremer Sorgfalt ausgesucht und vor allem gecoacht werden, weil sie diejenigen sind, die den ersten Zug im Spiel machen, also diejenigen, die den strategischen Takt vorgeben.
Dazu gehört neben den physischen Fähigkeiten und der geistigen Fitness (also Dingen, die den meisten heimischen Kickern schon schwerfallen) eben auch eine klare strategische Vorgabe eines Coaches, der das alles auch weiß.

Und ich darf hier behaupten: die Kaste der heimischen Coaches schafft das nicht. Und dieses hier nur exemplarisch herausgehobene Problem (eines von vielen, aber eben ein besonders Anschauliches) ist eine der Problemzonen, deren stupende Nicht-Bewältigung Österreich zu einem Nicht-Exportland von Spielern und vor allem Trainer macht, wie es ja auch im heutigen Kurier schön herausgearbeitet wurde.

 
 
Die Abwesenheit diesbezüglichen Denkens im ÖFB
 
Ich darf an dieser Stelle an den Knackpunkt erinnern, der im Nationalteam zum Pogatetz-Problem führte.
Emanuel Pogatetz, bei Middlesbrough in dieser Saison Stamm-Innenverteidiger, im Team als linker Außenspieler eingesetzt, beklagte in erster Linie (und erst danach kamen all die anderen Anwürfe, die allesamt ebenso richtig waren), dass er keinerlei taktische und strategische Aufgaben mitbekommen würde, wie er es in England gewohnt wäre.
Ich darf auch an die Reaktion der Cordoba-Taliban-Fraktion erinnern, die monochrom in Beschimpfungen, was sich der Grünschnabel denn erlaube, mündeten: früher hätte der Außenpracker auch keine Anweisungen bekommen, sowas wäre nicht nötig, er soll einfach raus und den Ball stoppen und schnell weiterpassen.

Im Licht unseres neuen Wissens um die zunehmende Wichtigkeit des Spielaufbaus über genau die Position die Pogatetz da spielt, offenbart sich an diesen Reaktionen, die vom Teamchef abwärts ausgefertigt wurden, die Stupidität der heimischen Trainer-Schar.
Die sind nämlich (größtenteils) nicht nur zu deppert um zu begreifen, dass man innerhalb eines sich komplex entwickelnden Sports nicht mehr mit Merksätzen aus den 80ern an die Sache herangehen kann, sie haben auch die aktuelle, deutlich sicht- und ablesbare Bedeutung des Spielaufbaus über die Defensiv-Außenposition noch nicht einmal ansatzweise verinnerlicht.

Indem Hicke seinem Außenverteidiger einen konkreten Auftrag für seine Spielanlage verweigert, verweigert er seinem Team jegliche Chance auf einen sinnvollen Spielaufbau. Das ist letztlich Arbeitsverweigerung.

 
 
Die Abwesenheit einer entsprechenden Aufbauarbeit
 
Dass keine einzige österreichische Mannschaft mit Ausnahme von Salzburg auch nur ansatzweise imstande ist, von sich aus das Spiel zu machen, sondern ausschließlich als reaktive Masse vor sich hin wabert, ist interessanterweise auch niemandem eine Analyse wert. Man verliert sich da gern in Underdog-Ausreden anstatt die fehlende Intelligenz, Dynamik, Taktik (auch) in diesem Bereich zu suchen.

Nochmal: die heimische Trainer-Kaste schnallt die einfachsten Prinzipien des aktuellen international gepflogenen Spiels nicht.
Sie betreibt im besten Fall Schadensbegrenzung.

Im übrigen hat Boro-Coach Southgate den guten Pogatetz auch deshalb lieber in der Innenverteidigung, weil dem Burschen für einen wirklichen Premier-League-Klasse-Außenverteidiger ein bissl was fehlt - er hat seine Stärken eben nicht so sehr im Aufbau. Nun, Southgate hat das gut erkannt und ihn optimal eingesetzt.

Hickersberger hingegen hat exakt gar nichts erkannt, weil er nur Löcher stopft, anstatt wirkliche Aufbauarbeit zu betreiben, und ist beleidigt, wenn aufgrund der Vergleiche mit der wirklichen Fußball-Welt rauskommt, wie steinzeitlich-verstockt, inhaltlich reaktionär und unbelehrbar der heimische Fußball daherkommt. Wobei man ihm zugestehen muß, dass er nach der Pogatetz-Watschn wenigstens brav die meisten Kritik-Punkte abarbeitete und verbesserte (wobei man auch das nicht offiziell sagen darf, weil dann wieder alle beleidigt wären).

Dabei sind diese Vergleiche mit der richtigen, großen Fußball-Welt ein Privileg, dass Hicke ziemlich exklusiv genießt - in die Niederungen der heimischen Meisterschaft verirren sich diese Sonnenstrahlen nämlich sowieso nicht. Da lernt man aus internationalen Begegnungen nämlich immer genau nichts, quatscht sogar 0:3-Niederlagen zu moralischen Siegen hoch.

 
 
Die Abwesenheit einer Hoffnung auf Besserung in der Liga
 
Es wird also seit Jahren bewußt und durchaus absichtlich auf Maulwurfs-Niveau gearbeitet.
Ex-Pasching-Trainer Djuricic etwa hat sein Außendecker-Problem, die braven, aber für den wichtigen Spielaufbau ungeeigneten Bubenik und Ortlechner, erkannt, hat innerhalb seiner Möglichkeiten umgebaut und unendlich riskiert, hat seine besten Kicker (Chiquinho oder Ketelaer) dorthingesetzt und damit Verbesserungen erzielt.

Das hat die Mannschaft in ihrem reaktionärem Trott gestört, weshalb sie rebellierte und der Trainer ihnen dann was geschissen hat. Nachfolger Constantini läßt wieder die alten Nasenbohrer das niveauarme Nasenbohrer-Spiel spielen. So wie Coach Jara im Vorjahr an seinen Außen-Oldies festhielt und (zurecht) nicht Meister wurde, während Trap den Umbau an den strategisch wichtigen Stellen zumindest mittelfristig geschafft hat.

Anderswo fehlt es sogar an der Erkenntnis überhaupt ein Problem zu haben.

Dieser österreichische Schmäh mit möglichst wenig Aufwand und am besten mit Unterstützung der älteren Spieler, die kein neues System oder keine neue Strategie mehr erlernen wollen, möglichst friktionsfrei durch die Gegend zu schippern, also die Matterburgisierung der Liga, führt letztlich dazu, dass die internationale Konkurrenz-Fähigkeit in den letzten Jahren sukzessive gesunken ist.

Und im Katastrophen-Bereich der Außenverteidiger wird das besonders deutlich. In diesem Zusammenhang hoffe ich dass der avisierte Transfer von Mecki Katzer nach Birmingham tatsächlich zustandekommt. Da könnte der Krankl-Schwiegersohn dann nämlich erleben, wie gigantisch der Anforderungs-Unterschied ist. Und wenn er es nur so weit schafft wie derzeit "Tschuri" Garics bei Napoli, wo er allein durch Training und spärliche Einsätze bereits um Eckhäuser weiter ist als nach fünf Jahren Rapid, wär's mir auch schon recht.

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