Deutschland, die Medienlüge und die Fußball-WM, ganz ohne irgendein Märchen.
Der ekligste Jahresrückblick aller deutschen Medien war in der Bild am Sonntag zu lesen. Das ist an sich nicht weiter verwunderlich, und verdient nur aufgrund des Gastes, der diese Beilage zusammengestellt hat, Aufmerksamkeit: Sönke Wortmann.
Wortmann gestaltete den Jahresrückblick in etwa so, wie er seinen Film "Deutschland, ein Sommermärchen" aufgezogen hatte, wo er der Fußball-WM im eigenen Land, und das wiewohl er exklusiver Backstage-Betrachter und mit einer Rolle im inneren Kreis gesegnet war, keinen einzigen substanziellen Gedanken hinzuzufügen hatte; einen ganzen Film lang.
Das ist eigentlich eine Kunst, denn wer, wenn nicht er hätte diesen Bann brechen können, der nach so einer Fußball-WM alles überflutet, und zwar immer: drei Tage danach will man eigentlich nichts mehr davon hören.
Man hat sich wie ein fetter Schwamm festgesogen, ist voll von Eindrücken und will-nur-Ruhe.
Wortmann hätte können und konnte nicht.
Das Unglück...
Dabei gab und gebe es im Umfeld tatsächlich noch einiges aufzuarbeiten: Deutschland hatte sich in diesem Sommer völlig neu präsentiert und positioniert, keine Rede von befürchteten revisionistischen Torheiten oder stumpfer Abwehrarbeit: man war offen, freimütig, fröhlich und voll von sanftem Patriotismus, man wiegelte sich mit der ebensolchen Performance der deutschen Mannschaft quasi gegenseitig hoch.
Interessanterweise hielt das nicht an, sondern sackte die berühmten drei Tage nachher ab und brach in sich zusammen wie ein stehengelassenes Salzburger Nockerl. In der Außensicht derer, die aus Deutschland ab- und nach Hause fuhren, blieben die Bilder haften - da änderte sich was: Deutschland und die Welt, das ist nicht mehr wie vorher, da hat sich was bewegt, fraglos.
Nur: in der deutschen Innensicht blieb so gut wie gar nichts - das merkt man an den Zweifeln, die alle gefragt und ungefragt vor sich hertragen. Selbst der WM-Schnuckel Philip Lahm war jüngst in einem Interview fast schon verzweifelt über die Verflogenheit des WM-Gefühls.
Wie kann sowas passieren?
Dass trotz aller Euphorie, trotz einer gelebten neuen Einstellung zu zentralen Fragen, trotz des Fokus der drauf gelegt war, eigentlich nichts überbleibt?
Unerklärlich oder?
Nun, ich hab eine These.
... und die These.
Das Unglück nahm seinen Lauf als die Regierung Schröder, die eigentlich den Rückenwind dieser WM für die Bundestags-Wahl im Herbst 06 mitnehmen wollte, aufgeben und die Wahlen ein Jahr vorverlegen mußte. Dies geschah, weil es nicht mehr ging: der allgemeine Unmut war zu groß, die Wirtschaftsdaten zu schlecht. Sagte die veröffentlichte Meinung, die sich selten so einig war.
Von den Verlautbarungs-Organen der Neoliberalen, über die rechte, die bürgerliche bis hin zur linken Presse und vor allem auch das plötzlich durchaus parteiische Fernsehen, alle, sogar die alternative taz, forderten den Kopf der satten selbstgefälligen Könige Schröder und Joschka Fischer.
Und man instrumentalisierte daher alles, was man hatte.
Ein Schwall deutscher Reporter drang sogar nach Österreich vor, um alles auszubuddeln, was hier super und in der Heimat, dem kaputten Deutschland, so richtig ordentlich Scheiße wäre.
Auf der Stirn des Stern-Reporters, den ich damals traf, stand groß und deutlich: kampagnisieren, aber flotto!
Seltsamerweise erzielte diese eigenartige Entente bei den Wahlen dann nicht die erwartete Zwei-Drittel-Mehrheit, die in plötzlicher Eintracht von der doofen Nuss zur Hoffnungsträgerin hochgezogene Frau Merkel wurde bloß Kanzlerin einer ungeliebten und unbeweglichen großen Koalition.
Die Lüge...
Die von ihrer Erfolglosigkeit extrem verblüfften Medien (die es in der Öffentlichkeit verstanden den schwarzen Peter ihren Kollegen von der Demoskopie zuzuschieben, in Wahrheit aber heute noch versuchen herauszufinden, was warum schiefgelaufen ist) probierten es mit der Verdopplungs-Taktik professioneller Poker-Spieler: innerhalb weniger Tage schrieb man dieselben Wirtschaftsdaten, die man vorher als Zeuge gegen die Schröder-Regierung angeführt hatte, als Erfolgswerte einer kaum im Amt befindlichen neuen Merkel-Regierung hoch.
Und plötzlich war alles happypepi, super und der Aufschwung, der war da.
Seitdem lawiert man sich eher hilflos durch die aktuellen Zustände, die sich ja keineswegs gebessert haben, im Gegenteil: 2006 war das Jahr in dem die Begriffe "Prekatiat" und "Unterschicht" gegriffen hatten, 2006 begann die bedrohte Mittelschicht Alarm zu schlagen, 2006 scheiterte eine Gesundheitsreform, erst 2006 nämlich begann die HartzIV-Fehlpolitik der rot-grünen Koalition durch die fehlende Handlungs-Freude der neuen Regierung so richtig zu greifen.
... und die Folgen.
Die deutsche Öffentlichkeit stand dieser veröffentlichten Meinung, die sie gefälligst haben sollte, ja schon bei den Wahlen 05 extrem misstrauisch gegenüber und brachte so die neoliberale, bereits hochnäsig das Bärenfell verteilende Koalition zu Fall.
Der eklatante Gegensatz zwischen der immer noch den eigenen Fehler schönfärbenden Medien und der Realität einer neuen, bereits abgekoppelten Unterschicht und all den sich daraus ergebenden Folgen für eine verstörte Gesellschaft, macht diese nicht lockerer oder vertrauenseliger; im Gegenteil.
Als nun die Medien (in diesem Fall als Träger einer tatsächlich passierenden Entwicklung) im Sommer den neuen sanften Patriotismus und die anderen Benefits der WM hochleben ließen, ging es ihnen wie dem Hirtenbuben, der vor dem Wolf warnt.
Die ein Jahr lang sich medial betrogen fühlenden Menschen blieben distanziert.
Niemand störte oder tat etwas, was der Außensicht schaden würde, niemand belog sich selber, aber in diese Rolle als Kollektiv wollte sich das Kollektiv nicht reinschreiben lassen.
Wahrscheinlich ist das gar kein bewusster Prozeß, eher ein schleichender, fast unbemerkter: das Vertrauensverhältnis der Deutschen zu ihren Medien ist für Jahre hinaus extrem stark beschädigt.
Und das ist, meine ich, der Hauptgrund dafür, dass das WM-Sommermärchen sich in den tatsächlichen Leben im deutschen Herbst, im deutschen Winter und auch im deutschen 2007 aber sowas von gar nicht widerspiegeln wird.
Ewig schad'.
Rewind '08 Alle Jahresrückblicks-Geschichten auf einen Blick.