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Wien | 2.1.2007 | 11:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW1, Dienstag.
  Die Spex zieht um und löst sich dabei irgendwie auch auf.
 
 
 
Spex 2006 - das war's
 
In den etwa zwei Minuten, die ich rumgestanden bin, um das aktuelle Spex-Heft da nebenan abzulichten, haben sich zwei junge Frauen dem Heft genähert, es als neu identifiziert, in die Hand genommen, kürzest, aber mit Sympathie gecheckt und dann wieder zurückgesteckt.
Die jungen Frauen, beide Ende 20 und sichtlich gut ausgebildet waren freundlich interessiert, aber nicht mehr.
Es gibt Medien, für die ein derartiger Grad von Respekts-Bekanntheit in eigentlicher Lese-Abwesenheit völlig ausreicht. Ja, die (oder das) Spex hab ich unlängst in der Hand gehabt, würden die beiden sagen, wenn man sie Leserzahlen-technisch untersuchend befragen würde. Es schadet nicht, ein Spex in der Hand zu haben: Man hält damit ein ganz schönes Stück Musik-Zeitgeschichte fest, man bekennt sich damit zu einem bewussten Umgang mit Popkultur, das bedeutet Status und Distinktion.

Nun würde das in einer besseren Welt schon genügen. Im Fall einer Indie-Konstruktion, wo es nicht um Dividenden u.ä. geht, sowieso. Aber auch ein Verlag, der sich ein schwach verkaufendes Produkt wie die/das Spex hält, kann davon nur profitieren, umwegrentabilitätsmäßig.
In einer prekären Lage wie der, der derzeit auch die Mittel-Verlage in Deutschland unterworfen sind, genügt das allerdings nicht mehr.

Das ist die ökonomische Wurzel des heftigen Streits, der in der deutschen Medien- und Popkultur-Distinktionsgewinn-Branche derzeit um die/das Spex schwelt.

 
 
morgen sind wir raus
 
Darauf und dahinter laufen aber eine Menge anderer Konflikte ab, die mindestens ebenso interessant sind.
Denn einer der öffentlichen Hauptgründe, warum sich die so gut wie komplette bisherige Redaktion vom Projekt verabschiedet, ist der eines ungeliebten Umzugs.

Die Spex, das war immer schon Köln.
In einer Zeit, in der die deutsche Hauptstadt Bonn (ein graues Städtchen in der Nähe) hieß, hatte diese West-Zentriertheit ihre Berechtigung, die Lustfeindlichkeit Hamburgs und das bratlfettigtriefende "Spaß"-Medien-Klima in München ließen diesen idealen Kompromiss zu; Düsseldorf und Frankfurt, wichtige Aufbau-Orte für elektronische Musik lagen nicht so weit entfernt und die Diederichsen(Koether/Drechsler/Niemczyk)-Generationen machten diesen Standort dann unumstritten.

Berlin gilt in Köln so viel wie sonstwo in der deutschen Bundesrepublik: Man hasst die neue Hauptstadt, und zwar weil sie arm ist. Das klingt blöd und ist es zu einem hohen Prozentsatz auch, allerdings macht die Berliner Armut auch die Medien und vor allem die Medienschaffenden, die sich dort häufen müssen, ärmer.
Man erinnere sich an den Affenzirkus, den der Umzug der PopKomm von Köln nach Berlin nach sich gezogen hat.

Unter diesem Gesichtspunkt machen die uns Außenstehenden oft grotesk erscheinenden Dünkel-Diskussionen (wie diese hier im Rahmen der aktuellen Spex-Hausmitteliung) verstehbarer.

 
 
was wir selber (nicht ) wollen
 
Die andere sofort aufbrechende Debatte ist ungleich schwieriger zu lesen oder gar zu durchbrechen: Da geht es nämlich ohne Umwege ans Eingemachte - die Spex als DAS Heiligtum der unabhängigen, freigeistigen Popkultur-Erforscher, inwieweit ist sie sakrosankt, inwieweit ist sie und das, was sie tut, überhaupt noch wichtig, oder hat sie sich etwa bereits vor Jahren von einer wesentlichen Rolle verabschiedet und agiert nur noch wie Gloria Swanson in Boulevard of Broken Dreams.

Auch hier werden zehn Leser und Experten wahrscheinlich auf zumindest elf verschiedene Jahreszahlen kommen, wo sich die/das Spex von dem, was der/die Einzelne als zentrale Aufgabe ansieht, verabschiedet oder zu weit entfernt hat.

Insofern ist der Schnitt, den der neue Besitzer (Piranha) setzt, vielleicht eine wirklich sinnvolle Landmarke: Denn neben dem Berlin-Makel wird die Spex nur noch alle zwei Monate erscheinen und somit ihre Pole Position im Definitions-Machtausüben-Fight mit Intro, Rolling Stone, Visions und Musikexpress freiwillig verlassen.

Wohin der Weg gehen wird, zeigt die Wahl des neuen CR: Max Bauer alias Max Dax, Gründer des mittlerweile verblichenen Magazins Alert, das in einer seltsamen, sich "neutral" gebenden Tradition des langen Interviews steht und so sich also klug aus allem raushält, wie der Name Alert ja schon unschwer erahnen ließ.
Dass Dax als Autor problemlos zwischen der Welt und der taz switchen konnte, ist ein weiteres Indiz für, vorsichtig gesagt, Gewandtheit - auch wenn sich die diesbezüglichen Fronten bereits aufgelöst haben.
Wer alle zwei Monate erscheint, kann nicht mit "aktuellen" Rezensionen oder mit Geschehnis-Bezogenem punkten, aber er könnte (wie z.b. das Galore) ja Interviews machen...

 
 
Kampf mit dem eigenen Gewissen
 
Dieser Umstieg in eine völlig andere Inhaltszone, ins Wischi-Waschi-Segment der zwischen blanker Hedonismus-Lust und im "doch-auch-mitreden-wollen"gefangenen neuen Mitte würde den schon seit Jahren unsäglichen "Ist die Spex jetzt noch unser Flaggschiff oder nicht?"-Indie-Stammtisch-Quatsch beenden.

Gedanken-Experiment: Wenn die nun als Rebellen vom Rhein losgelöste Kölner Ex-Spex-Redaktion (von denen ich nur noch einen Namen kenne) von (ich sag jetzt irgendeine Hausnummer:) einem US- oder UK-Verlag Geld für einen Versuch am deutschen Markt bekommt und so ein neues Vehikel besorgt, wäre das dann etwas, worauf wir alle gewartet hätten?
Hm?
Nicht so drängeln.
Gut, ich fasse das als ein Nein auf.

Letztlich ist es doch so, dass die/das Spex außer der Tatsache, dass es/sie eben die/das Spex ist, zuwenig aufweisen kann um - ein inhaltliches Absaufen im Galor'schen Sinn vorausgesetzt - etwas neugierig machendes Neues anbieten zu können.

Gut, die Spex hat sich anno dazumal nach dem plötzlichen und schmerzvollem Tod ihrer Vorgänger-Zeitschrift, was Einfluss, Bedeutung und Bibel-Anspruch in Deutschland betraf, nämlich der "Sounds", fast wie von selber an die Spitze gesetzt, das entstandene Vakuum genützt und die wichtigen, neuen, hungrigen und aufregenden Autoren gehabt. Da konnten die Verlage noch soviel in ME und Stolling Rone in german buttern - klappte nicht.

 
 
Niemals geht man so ganz
 
Nur: die Zeiten sind vorbei.
Mit einer allzu sehr auf traurige weiße Indie-Pop-Buben fixierten Ausrichtung fällt der Verwaltungs-Anspruch für die anderen Stämme eben schlicht und einfach weg. Da kann man im aktuellen Jahresrückblicks-Heft ein noch so schlaues kleines Opus über aktuellen HipHop (auch in Deutschland) schreiben: Niemand, der dieser oder anderer Szenen außerhalb der weinenden white boys angehört, wird das ernstnehmen.
Wer sich selber auf ein schmales Feld reduziert, wird bei monokulturellen Missernten eben leiden.

Natürlich ist die Ästhetik des Hefts immer noch ganz vorn, natürlich ist es angenehmer, Zugänge zu lesen, die nicht komplett nerdy-community-armselig daherkommen wie oft in de:bug und Co - trotzdem ist vieles, was da im aktuellen Heft abgehandelt wird, einfach reichlich spät dran.

Interessanterweise schafft es die Spex auch nicht - das lässt sich aus den Ergebnissen des Leser-Polls verblüffend klar ablesen - die von einer white-boy-Policy doch eigentlich wie Bären vom Honig angezogenen jungen Indie-Fritzen und Innen um sich zu sammeln.
An die Jungen kommt man nicht ran und damit wird es natürlich schwer, die immer wieder autretenden Generations-Fluktuation auszugleichen.

Gut, diese Gruppe läuft beim deutschen Nachbarn ein wenig disloziert und anbindungslos durch die Gegend, aber im Gegensatz zu Österreich, wo man aufgrund der geburtenschwachen Jahrgänge teilweise nur fünfstellig unterwegs ist, wären es deutschlandweit immer noch ganz schön viele, die man ansprechen könnte.

 
 
Wir tun es tatsächlich
 
In den Foren, in denen über die aktuelle Spex-Krise diskutiert wird, kommt neben den interessanterweise ausschließlich als Schimpfwort gebrauchten WDR-Praktikanten, die die Spex-Redaktion längst unterwandert hätten, die Sprache auch immer wieder auf die - offenbar in einer positiven Tradition gesehene - Humorlosigkeit der Spex.

Wahrscheinlich liegt genau in dieser Diskrepanz die Ursache dieses gefühlten Spex-Endes, der Tatsache, dass man sie auch in neuer Form oder an einem neuen Ort nicht wirklich braucht: Ohne Emotion keine Bindung, und in den diversen, hier angerissenen Diskussionen gibt es alle möglichen Ansatzpunkte - aber: wirklich emotionell ist keiner davon.

Die kürzlich erschienene aktuelle Ausgabe einer der klugen heimischen Popkultur-Monatszeitschriften, des Gap nämlich, hält - wiewohl sie auf den Selbstläufer "Jahresrückblicke" verzichten - eine wesentlich größere Menge von Geschichten, Kommentaren, Analysen und auch Interviews bereit, auf die ich, nachdem ich sie gelesen habe, nicht verzichten mag, wohingegen ich mich im Fall der akuten Spex kaum an was erinnern kann, obwohl ich sie deutlich nach dem Gap durchgelesen habe. Und bei der neu zu gewinnenden jüngeren Leserschicht ist das, diese emotionale Anbindung, der durch die Netz-Lese-Gewohnheiten wohl direktere Zugriff wohl das zentrale Kriterium.

Für ein special-interest-Fachmag, wie es das Spex mit künftig sechs Jahresausgaben anstrebt, ist das wiederum wurscht. Also ist das alte Spex jetzt hinüber.
Ob es ein neues Spex braucht, wird das nächste Halbjahr in gnadenloser Praxis weisen: Entweder es kristallisiert sich was raus, oder eine Spezies geht verloren. Das ist evolutionär.

 
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