Die Überwindung der Post-Mo..., nein des Massen-Dandyismus nach Camille de Toledo, Teil 1.
Am Donnerstag
hatte ich ein kleines Buch-Paket in der Post, vom Heyne-Verlag, einem der Häuser, in denen eher die simple, einschläfernde Literatur und Denke verbreitet wird. Raus purzelte ein Buch mit dem Titel "Goodbye Tristesse". Ich hab's beiseite gelegt.
Am Freitag fiel mir das unendlich hässliche Cover (halbnackter Mensche mit Kermit-Kopf) auf, und plötzlich fiel mir ein, dass es sich möglicherweise um ein Buch handeln könnte, das ich vor (gefühlten) Monaten einmal bestellt hatte. Dem ganzen war ein Beitrag in der 3sat-Kulturzeit vorausgegangen, in dem Buch und Autor präsentiert wurden. An den Mann selber, einen Camille de Toledo, hatte ich keinerlei Erinnerung, die Dinge, die er von sich gab, jedoch waren eindrücklich.
Da das damals mit einer merkbaren Euphorie-Bremse (um den intellektuellen Anstand zu wahren) besprochene Buch noch nicht im Handel erhältlich war, hab ich's bestellt und dann natürlich prompt vergessen; auch worum es ging. Hinten steht nur was Dummes à la "Die Antwort auf Generation Golf".
Am Samstag nun habe ich mit dem Scan begonnen, zugegebenermaßen nur in der Pause eines der aktuellen Shakespeare-Dramen, wie das die Weltwoche in ihrer aktuellen Titelgeschichte nennt (Life on Mars, ich bin mir noch immer nicht sicher, was ich davon halten soll).
Und dann hat mich dieses Buch, das im Original viel treffender "Archimondain Jolipunk" heißt, schlicht und einfach verschlungen.
Und zwar
weil hier jemand das viele scheinbar Zusammenhanglose, das uns umgibt, die neuen Wege, die man aus den neuen Schlüssen die sich nach dem Wegschmeißen der alten, verkauten Fazits ergeben, rauszieht, zu einem nicht nur gut durchdachten, sondern extrem bildhaften, fein lesbaren, gut verankerten und in seiner Dichte fast blutig-wütendem Manifest verdichtet.
Der Rest ist Nägelkauen.
Der Herr von Toledo heißt in echt anders, ist das schwarze Schaf einer weitverzweigten französischen Unternehmer-Familie, hat in London und New York Economics studiert, um dann in London bei einer legendären monatelangen Straßenbesetzung mitzumachen und Filme über die Anti-Globalisierungs-Bewegung zu drehen, und bezeichnet sich als Avatar.
Es sei nämlich durchaus leichter, schreibt er, dem Kapitalismus zu entkommen als seiner eigenen Familie.
Toledo/Riboud geht natürlich von Frankreich aus, kennt aber die angloamerikanische Welt und zitiert laufend deutschsprachige Literatur/Philosophie (vor allem Musil, aus dessen Mann ohne Eigenschaften er fast sowas wie sein Selbstbild schöpft): er ist also keiner dieser Scheuklappen-Franzosen, die letztlich alles im eigenen Haus verorten. Er greift in seinem Buch auf ziemlich alles, was gut und schön ist, zurück - wenn man seine historischen Einsprengsel aber wie Märchen oder Gleichnisse liest, anstatt sich in der Nachfrage über ihrer Sinnhaftigkeit zu verlieren, flutscht sein eigentlich nicht sehr leichter Text wie eine mit Schlagobers geschmierte Sachertorte.
Und so hab ich es noch Samstag Nacht verspeist (mit einem kleinen Zwischengang der Seelenauslüftung bei Pulsinger und Koze im Flex, sehr schön das dort).
Camille de Toledo
teilt sein Buch in 3 Blöcke.
1) Die Analyse des Status Quo, anhand von 5 Säulen.
2) Die Untersuchung der aktuellen Möglichkeiten von Revolte.
3) Ein 4 Punkte-Plan zur Umsetzung einer anderen Lebensrealität.
Die hängt leider ein wenig im Entstehungs-Jahr des Buchs (2002) fest, als man - kurz nach 9-11 und vor allem kurz nach Genua - noch an einen Aufbruch über nomadistische und cyberclevere Methoden (Attac, Subcommandante Marcos etc.) glaubte, also Dinge, die mittlerweile schon wieder gegessen sind (bzw. in der Verzweiflung eines nachtrauernden Beharrens auf diesen Lösungen eben schon lächerlich wirken).
Vielleicht hat sich auch deshalb kein g'scheiter deutscher Verlag gefunden, um das Buch zeitgerecht zu veröffentlichen.
Letztlich ist dieser bereits versickerte Teil 3 egal: zum einen, weil die beiden ersten Parts brillant sind, und zum zweiten, weil die Theorie der 4 Punkte ja keineswegs falsch ist.
Am Beginn
steht ein schönes Bild, dem der Generation des Doppelkollaps 119-911, was für ein Palindrom.
Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer und Fukuyama schrieb vom "Ende der Geschichte". Am 11. September 2001 fielen die Twin Towers und beförderten Unternehmergeist und innere Sicherheit zu den zentralen Themen des frischen Jahrhunderts.
Dazwischen, schreibt Toledo, habe ich begriffen, dass Erwachsenwerden nichts anderes bedeutet als den Kapitalismus zu erlernen Und er beschreibt die diffuse Revolte seiner Generation (er ist Jahrgang '76), die weltweit von den Altvorderen (kommt mir dieses Thema bekannt vor?) verlacht wird.
Wir sind eingesperrt in ein unveränderliches System, dem Kapitalismus auf Lebenszeit, der zu Schmerz und Resignation, ja Hoffungslosigkeit und zu dem, was Toldeo Massen-Dandyismus nennt (also dem zynischen Verlachen der Situation), führt.
Und er führt fünf Bausteine dieser Rückzugs-Architektur an.
Der erste hat jede Fortentwicklung der Geschichte blockiert.
Der zweite hat jeglichen Widerstandswillen verurteilt.
Der dritte hat die Taktik der Subversion neutralisiert.
Der vierte hat die politisch-ökonomische Macht derart zur Auflösung gebracht, dass jeglicher Protest sich als ortlos und ohne Gegenüber erweisen muss.
Und der fünfte hat alle Ränder und Grenzen endgültig absorbiert.
Besser kann
man diese Dinge, die für alles, bis runter zum kleinen Pop-Phänomen gelten, nicht zusammenfassen.
Und die einzelnen Ausführungen zu all diesen Punkten, die unser Leben strukturieren und verengen, kommen daher wie die Schläge von Kato, wenn Inspektor Clouseau seine Wohnung betritt: präzise, gewitzt, prüfend aber aufklärerisch; wie es sich für die richtige Übungs-Einheit gehört.
Für alle Denk- und Lesefaulen werde ich die vielen lebensrettenden Gedanken aus diesem Buch, das ich jetzt nur bis Seite 20 exzerpiert habe) noch zusammenfassen, im Lauf der nächsten Tage und Wochen - deshalb auch das Teil 1 im heutigen Titel, schlau, was?
Die, die weiter vorn stehen und permanente Lust auf eine Erhellung verspüren, lesen sich einfach rein: "Goodbye Tristesse" von Camille de Toledo, (gut) übersetzt von Jana Hensel, ursprünglich erschienen im Tropen-Verlag, Taschenbuch (Kostenpunkt unter 10 Euro) jetzt bei Heyne.
PS: spätestens in Teil 2 macht dann auch das schiache Cover Sinn.