fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 21.2.2007 | 11:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW 8, Mittwoch.
 
 
 
 
Ode to a Beckham.
 
Den anderen David Beckham könnt ihr gern haben, den brauch ich nicht.
Die Witzfigur aus den Klatschblättern, das Simandl von Frau Victoria, die Style-Ikone aus Metrosex-Land, gehört euch.
Der arme Tropf, der sich darauf einlässt, sich strategisch zu "verletzen", um bei der Superhochzeit von Tom Cruise mit dessen Casting-Braut (die ja eigentlich nur die 2. Wahl war, der First Choice dieser hollywoodweit durchgeführten Brautsuche waren die Vertragsbedingungen von Scientology dann doch zu arg) dabei sein zu können, geschenkt.

Den fistelstimmigen Tor, der sich in Home-Stories zum Deppen macht, zu einem liebenswerten zwar, aber zum Deppen, den brauch ich nicht.
Den Beckham, der sich von Familie und Management strategisch hin und herschieben lässt zwischen Manchester, London, Madrid und jetzt L.A., der ist mir egal.
Und der Beckham mit den peinlichen Tattoos mit den lachhaften Schriftfehlern, vor dem graust mir sogar.

 
 
Mein Beckham
  ist der aufm Platz. Der große Spieler, der Veranwortungsträger bei Real, der Kapitän der englischen Nationalmannschaft, my captain, oh captain.

Mein Beckham, das ist der von gestern abend, der Typ, der gegen alle Wider- und Umstände, trotz seiner schlechten Verfassung und der Krise seines Teams das Heft des Handels in die Hand nimmt und ein wunderbares Fußball-Spiel siegreich beendet.

Denn Real - Bayern, dieses Duell der beiden unsympathischen Fußball-Großmächte, dieser ungeliebten Geldsäcke, die derzeit beide in einer sportlichen Krisensituation stecken, war ein fabulöses Fußball-Spiel, die Auseinandersetzung zweier waidwunder Formationen, die ihr hohes Potential derzeit nicht ausschöpfen können, weil nichts im Gefüge stimmt und gestern abend im Bernabeu-Stadion dennoch alles aus sich rausholten und eine Vorzeige-Partie boten.

Und Beckham, David Beckham, mein Beckham, der von aufm Platz, war der Beste dieser Großartigen.

 
 
Die entscheidende Szene
  fand nach etwa fünf Minuten statt, nachdem sich die zuletzt schmählich gerupften Teams, beide aktuell nur elende Vierte ihrer Meisterschafts-Kampagnen, anfänglich in all ihrer Verunsicherung gegenseitig neutralisierten.

Beckham, mein Beckham, führte einen Einwurf aus, weit im Terrain des Gegners, rechts vorne. Und anstatt den Ball zurückzuspielen in eine gesicherte Überzahl-Situation, riskierte er etwas: Becks warf den Ball zwar in Richtung seines einzigen sich offensiv anbietenden Mitspielers (dem bulligen holländischen Stürmer Ruud van Nistelrooy, derzeit einziger Real-Spieler in Normalform) zielte aber mittenrein in die gleich drei Bayern-Verteidiger, die ihn abschirmten.
Ein verschenkter Ball, könnte man meinen.

Dadurch, dass aber niemand mit solch einer Aktion rechnete, und auf Grund der beidseitigen Verunsicherung, stolperten die Abwehrspieler allesamt an diesem Einwurf vorbei und ließen den Ball zu van Nistelrooy durch, der zog damit ein paar Schritte gegen das Tor und schoss. Zwar vorbei, aber er hatte somit die erste Torchance des Spiels; und der Knoten der Verunsicherung auf Real-Seite war gelöst.

Beckham hatte mit seinem Risiko-Einwurf singalisiert: wir sind Scheiße drauf, wir haben keine Chance, aber die lasst uns nützen.
Und der Rest des Teams verstand diese Botschaft.

 
 
Daraufhin trieb Beckham
  sein Team stetig nach vorne. Ihm, den gestern abend wieder auf der rechten Mittelfeld-Position eingesetztem, oblag der schwierigste Part.

Hinter Beckham agierte ein junges Bürscherl namens Miguel Torres, ein Real-Eigengewächs, das auf Grund der Verletzungs-Misere in der Real-Hintermannschaft seit ein paar Wochen bei den Großen mitspielen muss. Und neben ihm im zentralen Mittelfeld musste sich ein anderer Jungspund, der hochtalentierte Argentinier Fernando Gago, beweisen.

Beckhams Gegenpart auf der linken Seite, der auch nur als Not-Lösung dort aufgebotene Real- und Spanien-Kapitän Raul Gonzales, hatte es diesbezüglich leichter: hinter ihm Weltmeister Roberto Carlos, neben ihm Allzweck-Waffe Guti.

Der dritte Nationamannschafts-Kapitän bei Real, Weltmeister Fabio Cannavaro in der Innenverteidigung, symbolisert die Unform von Real am besten: er steht seit dem letzten Sommer neben den Schuhen, fast alle bei Real tun das, Trainer Capello wird in täglich neuen Medienberichten entlassen, Sportchef Mijatovic streitet mit allen, der schwache Präsident stimmt allem zu, die Fluktuation in der Wintertransferzeit war verheerend, die drei neu eingekauften jungen Buben aus Südamerika (Marcelo: verletzt; Gago: fit; Higuain: gestern auf dem Spielfeld, überfordert) noch zu grün, das Theater um Beckhams Transfer in die USA zu groß...

 
 
Das allgemeine Gwirks
  bei Real wird sich durch den knappen Sieg gestern abend nicht in Wohlgefallen auflösen, aber das ist mir Zuschauer auch ein bisserl egal. Ich will ein Champions League-Spiel, das sich seiner Vorschuss-Lorbeeren würdig erweist, kein langweiliges Gemurkse.

Und diese Auseinandersetzung zweier angeschlagener Kollektive brachte das beste in den Akteuren zutage. Und Beckham war der Meister der Zeremonie.
Ein paar Minuten nach seiner Einwurf-Aktion ließ er einem Rechts-Vorstoß eine seiner sagenhaften unkopierbaren flachen Flanken folgen, die daraus resultierende Gefahr war eine Wiederholung des Statements der psychischen Überlegenheit.

Beckham bereitete das erste Tor Reals mit einem Pass auf van Nistelrooy, der dann ganz clever Raul in den freien Raum schickte, vor.
Beckham initiierte das zweite Tor Reals mit einem einstudierten Corner auf den Kopf des am 16er-Eck lauernden Helguera.
Beckham schoss den Freistoß für das dritte Tor Reals, das diesmal van Nistelrooy selber erzielte, in bewusst böswillig gefahrerzeugender Absicht mitten durch die Abwehr.

 
 
Beckham war nicht
  nur auf der rechten Angriff-Seite zu finden, er sicherte auch für den jungen Torres ab, unterstützte den jungen Gago (der die große Tradition argentinischer Mittelfeld-Pferdelungen wie Fernando Redondo fortsetzen könnte), war als Aufbauer vor und auch hinter der Abwehr zu sehen, und machte die Momente vor Standard-Situationen zur blanken Zitterpartie für die Bayern-Abwehr.

Und Beckham hatte, das darf man nicht außer Acht lassen, im letzten Meisterschaftsspiel am Wochenende mit einem überheftigen Einsatz und einer roten Karte gegen ihn dafür gesorgt, dass vor allem die Jungen und die Unsicheren wussten, dass er, der eigentlich schon weg war und sich in Kalifornien künftig einen echten Lenz machen würde, sich für Real den Arsch aufzureißen vorgenommen hatte.

Mitten in der Krise.
Der wahre Kapitän ist nämlich in der Krise da; verstecken kan man sich wenn es gut läuft.

Und für Real lief es gut. Das Team bewies sich an diesem Abend.
Bester Beleg: als sich Helguera rund um die 75. Minute verletzte und daraufhin zwei Minuten lang draußen verarztet werden musste, hielt Real genau diese zwei Minuten lang den Ball - mittels hoher Spielkunst, ohne Quergeschiebe der Marke Gijon - in den eigenen Reihen; und zwar bewusst - als würden sie damit sagen: "solange einer von uns verletzt ist, geben wir den Ball nicht her".

 
 
Dass dieses Spiel
  hohes Niveau hatte und mit einem knappen Resultat endete, hat mit der vor allem in der 2. Halbzeit hervorragend agierenden Bayern-Mannschaft zu tun, die ebenso wie Real mit großen internen Problemen kämpft und sich ebenso wie Real partiell freizuspielen verstand.

Ich hätte auch ein kleines Loblied auf van Bommel, Brazzo, Scholl, Pizarro oder Hargreaves singen können, allesamt Burschen, die sich augenfällig aus der Scheiße der schlechten Form reiten konnten, am eigenen Kragen aus der aktuellen Sumpf-Krise zu ziehen imstande waren.

Beckham, mein Beckham, hat mich aber eine Spur mehr beeindruckt, gestern abend.

Als er dann nach dem Spiel mit seinem Landsmann Owen Hargreaves von den Bayern schmähführte und dabei das Trikot auszog und so seine dummen Tattoos offenlegte, ab diesem Moment gehört er wieder euch anderen, ab genau da könnt ihr ihn wieder haben, ab da ist er mir egal.

Mein Beckham ist der aufm Platz. Und der, der Platz, wird bald im Fußball-Zweitwelt-Land USA stehen und dementsprechend nur ein Trainings-Court für Nachhilfeschüler sein.
Das ist auch wichtig, aber mir egal.
Denn für richtigen Fußball wird Beckham, mein Beckham, der Captain als Vorbild und Verantwortungsträger, als Rausreißer, als der Typ, der sich auf dem Platz stellt, ohne da an sein Image oder sonstwas zu denken, dann verloren sein.

 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick