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Wien | 22.2.2007 | 11:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW 8, Donnerstag.
  Anpassungs-Welten, individuelle Geschichte, der Verkleidungs-Marathon a la MySpace und die Rückkehr zum Alltag. Zusammenhängendes Unzusammenhängendes.
 
 
 
Wofür ist MySpace eigentlich gut, fragt Claudia.
  Claudia kann Fragen stellen, die einfach klingen, aber Systeme zum Einsturz bringen.
Claudia lebt und arbeitet in einer Welt, in der MySpace keine Rolle spielt und kennt diesen Kosmos aus den Spiegelungs-Berichten ihres Praktikanten gegenüber. Gestern hat es sie zufällig über einen Link hineinverschlagen, und nach einer Überprüfung blieb diese Frage über.
Eine Antwort wie "Naja, weltweite Vernetzung, Verfreundschaftung einer Community, körperlose Demokratisierung, kaum zeitverzögerte Kommunikation und so" würde da zu kurz greifen.

Ja, eh klar.
Aber worum gehts eigentlich jetzt wirklich, hinter all dem zwar wahren, aber doch vorgeschobenem Blabla?

Letztlich wohl darum einfach drinnen zu sein, sich zu präsentieren und soviel Freunde wie möglich zu sammeln. Und Props zu lukrieren von den Promis, die im Bereich, in dem man sich umtreibt, als stilprägend gelten.
Dann gehts natürlich um Präsenz für eine potenzielle kommerzielle Umsetzung; und natürlich um Kommunikations-Befriedigung, soziale Kontakte, virtuelle Streicheleinheiten, ja, auch.

Und während ich über den Hintersinn von MySpace nachdenke, verstehe ich, warum mich persönlich das nicht interessiert, weder per Profil (sorry, Anna!) noch per Nachschau: weil mich Welten, in denen es darum geht, sich besser oder anders darzustellen als man ist, und noch mehr Welten, in denen es darum geht, sich so gut anzupassen und hinzumorphen um beliebt zu sein, genau gar nicht interessieren.
Weder aktiv noch passiv.

Und letztlich sind das die Hauptmotive sich in MySpace bis Second Life umzutun.

 test-bilder 1: decke
 
 
Mit Robert Misik,
  Autor und ein ehemaliger Kollege, hab ich unregelmäßig regelmäßig Kontakt. Auch weil er, seit er seinen Blog hat, umtriebiger ist.

Misik versteht das Blog nicht nur als Abspiel-Station seiner Geschichten für deutsche und hiesige Medien, sondern veröffentlicht auch zu Themen, die ihm aktuell aufstoßen. Ein journalistischer Ansatz also.

Misik hat im Rahmen einer aktuellen Forschung über die Jugendbewegungen Anfang der 80er eine alte Burggarten-Geschichte von mir gefunden und verlinkt. Misik schreibt da netterweise von einem "fast ergreifenden" Beitrag, um dann sowas wie eine Aufruf zu starten individuelle Geschichte festzuhalten.

Misiks eigene Geschichten lösen das ein, wenn er sich selbst an den Beginn oder gar ins Zentrum der Geschichte stellt; so etwa in meiner Lieblings-Geschichte, wo er die Polizei ruft, weil eine Party im Stockwerk unter ihm sein Kleinkind nicht schlafen ließ und sich dann wie der letzte Spießer-Arsch fühlt.
Dann ist Misik unjournalistisch, aber wahrhaftig.

Misik verlinkt in einer Art Ringerl zu den Kollegen Florian Klenk, der derzeit in Hamburg bei der Zeit werkelt und Doris Knecht.

Die Knecht stellt dort ihre zahlreichen Kolumnen ab, die allesamt einen persönlichen Touch haben. Wirklich privat sind sie trotzdem nicht, denn die echte Knecht, die ist (glücklicherweise) nicht so gelackt wie ihre Kolumnen manchmal rüberkommen, sondern eine Person voller großartiger Kanten. Bei Klenk, dessen gutaussehende Visitkarte immer noch ungenutzt in meiner Börse steckt, geht es ums Eingemachte, losgelöst von jeder Personalie. Dass merkt man sogar bei seinem aktuellen Elsner-Standpunkt.

 test-bilder 2: ohne titel
 
 
Letztlich ist das
  also auch MySpace.
Lässig sein, Referenzpunkte einfahren wollen, virtuelle Streicheleinheiten und Darstellung jenseits einer persönlichen Realität. Wenngleich sich z.B. Misik da manchmal auch angreifbar macht oder es z.B. Klenk egal ist, wenn er sich mit einem Statement keine Freunde macht.

Bei Misik hab ich über eine Geschichte zur neuen Vanity Fair, das ist die 1Euro-Gratis-Illu mit diesem schrecklichen halbnackten Känguruh am Cover der letzten Ausgabe, den Weg zu einem Blog gefunden, das merkwürdigerweise dort verortet wird, obwohl es gar nicht hinpasst.

Denn Rainald Goetz, der Mann der sich in Klagenfurt die Stirn ritzte, ist eine wilde Sau, die mit der Vanity Fair-Betulichkeit nichts am Hut und wohl nur Feigenblat-Funktion hat. Das, was Goetz da macht ist ein toller Blog, zerfressen, böse, daneben, untergriffig, literarisch; und sogar täglich, auch wenn die Montags und Dienstags-Geschichten manchmal erst am Mittwoch zu lesen sind.

Goetz verhandelt da, was er sieht und hört und erlebt und schreckt auch vor peinlichen Post-Party-Zeilen nicht zurück: "Bier, Bier, Bier, Bier, Wodka, Bier, Bier. Puhchen. Daheim um kurz nach drei. Ich kann mich kaum noch auf den Bauern halten."

Das Goetz-Blog ist also amüsant und lehrreich (heute folgt er dem politischen Aschermittwoch-Gedonnere in seiner Heimat, das mehr hergab als der hiesige Parodie-Versuch Haiders) eines ist es aber nicht: privat oder gar ehrlich.

Goetzens Ich ist ein Literarisches, manchmal flüchtet er in Figuren und oft wird einfach nur Medien-Rundschau-Haue getrieben.
Das hat hohes Niveau, bleibt aber MySpace, irgendwie.

 test-bilder 3: gregor
 
 
Was ich mir wünschen würde, sagt Claudia,
  und ich kann es nicht so recht in Worte bringen, mit Bildern würde es besser klappen, was ich mir wünschen würde, wäre das Zurückschrauben dieser gekünstelten zwischengeschobenen Ebenen, die Rückkehr zum Alltag. So oder so ähnlich, ich bin nicht so gut im wörtlich Zitieren.

Es fasst aber mein und ihr Desinteresse am Dauer-Faschings-Umzug der Verkleidung und Selbst-Ausstellung und Übertreibung in MySpace zusammen; und es gilt auch fürs Bloggen, vor allem, weil man dort ja tatsächlich Persönliches, ja fast Ergreifendes erwartet und letztlich für jede mediale Äußerung.

Das Inszenierte soll hochleben, als ausgewiesene Kunstform, als Opus, als kollektiv anspringendes Theater für Viele.

Im Alltag aber hat es sich totgefressen; die "Jeder ist ein Star!"-Ideologie röchelt nur noch wie ein Kettenraucher im Spät-Lungenkrebs-Karzinom-Stadium.

Individuelle Geschichte einzufordern ist nicht nur im Nachhinein sinnvoll, es wäre als Echt-Zeit-Dokumentation viel besser gewesen. Nur weil uns viele Filter (immer noch) erklären, dass derlei nicht statthaft ist - ist es noch lange nicht nötig immer noch entsprechen zu wollen, anstatt einfach zu sein.

Ich werde Claudia fragen, ob sie damit was anfangen kann.

 test-bilder 4: test

alle testbilder von ute hölzl
 
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