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Wien | 26.2.2007 | 01:50 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW 9, Montag.
  Voll live von vor dem Fernseher, in dem die Academy Awards stattfinden. Alles Oscar in Echtzeit, ole!
 
 
 
1 Uhr 50, red carpet
 
Es sind die 79. Awards, ich darf sie hier ab jetzt Oscars nennen, es ist eine inhaltlich wenig wichtige Veranstaltung, die kommerziell etwas bewegen kann, obwohl heute wohl niemand mehr ernsthaft deshalb ins Kino geht, weil "3 Oscars!!!" danebensteht, wie das früher einmal war, es werden keine Trends geprägt, es wird maximal etwas abgenickt, aber es gibt heuer eigentlich nichts, was wie "Brokeback Mountain" ein wenig Aufsehen erregt und sowas wie gesellschaftliche Relevanz aufwarten kann; und es gibt auch keinen Bezug zu Menschen, die man kennt, wie es zuletzt bei "Darwins Nightmare" von Hubert Sauper (Coop 99).
Es gibt also keinerlei Erwartungen, die unterschritten werden können - eine gute Ausgangs-Position, oder?

Das Red Carpet-Gebrabbel bei Pro7 geht nur tonlos. Um zwei Uhr übernimmt dann Ellen DeGeneres, dann wieder Ton an!

 helen mirren, favoritin
 
 
2 Uhr 00, more red carpet
 
Verdammt, um zwei Uhr kommt keine Ellen, sondern die red carpet-show von ABC, die ja noch flacher daherkommt als die von Pro7. Da wurde wenigstens ein wenig post-Berlinale nachgefragt und auch die eine oder andere hintergründige Anmerkung gemacht. ABC hingegen präsentiert puren Zuckerguss ganz ohne Torte. Ellen kommt dann um 2.30, hoffentlich...

 forest whitaker, favorit
 
 
2 Uhr 20, red carpet again...
 
Hat da grade Cate Blanchett davon erzählt, dass sie in Todd Haynes Bio-Pic "I'm Not There" einen von sechs Bob Dylans (die anderen machen Richard Gere, Christian Bale, Heath Ledger, ein Ben Wishaw und doch nicht Colin Farrell...) spielen wird?
Sie gibt den Mit-60er-Jahre-Dylan, der gerade elektrisch wurde und deshalb ordentlich für Wirbel sorgte. Siehe auch "No Directon Home" vom kleinen Herrn Scorsese, der auch heuer wieder verarscht werden wird und keine Statue erhalten wird.

 
 
2 Uhr 40, Action!
 
Ellen ist großartig. Umständlich, beiläufig, andeutend, die Sätze nicht beendend, weil sich der Gag schon davor erschließt, Ellen ist großartig. Ihr Al Gore-Witz beginnt irgendwo im Unwichtigen und endet dann im Wahlbetrug von vor sechs Jahren.
Und das Grinsen runter zu Leo di Caprio, als wär er ein Gugugu!-Baby, das wird wohl das Beste des Abends bleiben. Ellen ist großartig.
Guter Minderheiten-Witz, spitze Anmerkung über die Herkunft eines Namens wie Oscar, ja, das ist wohl gescriptet, klingt aber nicht so.

Und ihre Bemerkung über die zunehmende Internationalität, ja, das ist der einzige echte Trend der Industrie. Da setzt sich etwas fort, was in England begann, jetzt aber seine Stärke in Mexiko hat: 16 Nominierungen gehen dorthin.
Und schau dir was an, Best Art Direction für Pan's Labyrinth!

 E!L!L!E!N!
 
 
2 Uhr 55, Jack und der Faun.
 
Hätte ich wissen müssen, wer die beiden anderen Clowns waren, die da mit Blackjack ein schön ironisches Liedlein über die Comedy-Feindlichkeit der Academy gesungen haben? Wären sie seriöse Schauspieler und keine lokalen Clowns würde ich sie kennen, oder? Also hat die Academy recht. (Okay, es sind Will Ferrell und John C. Reilly, und die Poster haben recht, die sollte man schon kennen...)

Noch ein Preis für Pans Labyrinth und wieder erfreut erregte mexikanische Filmschaffende. Wer den Film gesehen hat, weiß ja, dass es da keinen Peter Pan gibt, sondern einen Faun, der dem Stück den Titel gibt. Und die, die dem die Maske verpasst haben, kriegen da jetzt ihren Preis. Besser als die Helferleins vom grauslichen Mel Gibson.

Uj, Kinder-Arbeit jetzt, mit der Little Miss und Little Smith, und das so spät. Pfui.

 Black, Reilly, Ferrell
 
 
3 Uhr 20, Krieg und Musik
 
Selbst die kleinen Preise, die für Sound-Editing oder Sound-Mixing können ihm nicht aus, diesem ur-amerikanischen Streben nach Kriegs-Filmen und dem Endlos-Rechtfertigungs-Gequatsche drüber, und dem noch übleren Durchhalte-Gequatsche bei solchen Awards.

Und dann auch nicht dem ebenso ur-amerikanischen langweiligen Musik-Film, denn letztlich ist Dream Girls auch nur Cats oder Elisabeth.

 
 
3 Uhr 25, Big Mister Sunshine!
 
Ja, das ist jetzt wirklich gut - der große, wunderbare Alan Arkin, einer meiner schauspielerischen Lebensbegleiter seit "Catch 22", kriegt den Nebenrollen-Oscar für seine Opa-Darstellung in Little Miss Sunshine, einem Indie-Film, der schon bei den Golden Globes über die ihm ursprünglich zugewiesene Rolle hinausgewachsen ist, und Sundance so hinter sich lassen konnte.

 warte bis es dunkel ist...
 
 
3 Uhr 40, die Kennedy-Brüder
 
Na so ein Gag aber auch. Al Gore, der zuerst von Leo, dann vom Auditorium im Kodak-Theater so empfangen und gehailt wird, wie es dem moralischen Staats-Präsidenten zustehen würde, kann seine Kandidatur nicht bekanntgeben, weil er die Redezeit überschritten hat! Doppel-Lach. Nein, vielleicht sollte Ellen mehr Redezeit bekommen anstatt sie in weniger spaßigen Kulissen-Gags zu verheizen.

In jedem Fall sieht Leo als jüngerer Bruder eines Präsidiabeln schon ganz gut aus. Wink für später.

 edward und johnjohn
 
 
3 Uhr 50, der Autor
 
So stellt man sich einen Autor vor, noch besser einen für Hollywood-Filme: massig, groß, schnaufend, wie Hemingway oder Joe Esterhaz.
William Monahan gewinnt für Scorseses Departed und proppt den alten Peter O'Toole für Lawrence of Arabia, den Film, der ihn in die Kinowelt reinsog. O'Toole sieht aus als würde er die Aftershow-Party nicht überstehen, wie Juppie Heesters älterer Bruder. Monahan schnauft und kommt kaum dazu die Rede zu beenden. Scorsese schaut lieb, weil dieser Oscar vielleicht wieder nur Konzession sein wird.

 esterhaz jr.
 
 
4 Uhr 05, Costumes
 
Milena Canonero ist die Frau, die den besten Kostümfilm aller Zeiten, Kubricks Barry Lyndon, ausgestattet hat. Dass sie den Oscar für den ein wenig blutarmen Sofia Coppola-Film Marie Antoinette gewinnt, ist nur gut und gerecht.

 milena
 
 
4 Uh 20, noch mehr Pans und Faune und Ellen ist großartig!!!
 
Dritter Oscar für Pan's Labyrinth, jetzt schon der heimliche Lieblingsfilm der Academy: beste Kamera für Guillermo Navarro.

Besser aber war die Improvisation von Ellen DeGeneres, die sich mit Publikums-Mikro in die zweite Reihe zum knorrigen Clint Eastwood wagt, der sie Schätzchen nennt, aber höflich bleibt, und schließlich den nebenan sitzenden Steven Spielberg dazu bringt, ein gemeinsames Foto zu machen von Clint und ihr, "für ihre myspace-site".
Selbst wenn das trainiert und geprobt war, allein der "nochmal und diesmal besser, Mr. Spielberg"-Gag kam, als wäre er im Moment entstanden.

 ellen, clint und spielberg (nicht mehr im bild)
 
 
4 Uhr 35, deutsche Peinlichkeit.
 
Und während sich Jennifer Hudson, eines der Operetten-Dreamgirls, langweilig dem Ende ihrer Dankesrede entgegenweint, noch kurz zu der diesmal höchst absichtsvoll eingestreuten und couragiert collagierten Endlos-Schleife der historischen Best Foreign Language Film-Gewinner.
Eindrucksvolle Liste voller Klassiker (Fellini Truffaut, de Sica...), immer noch bezaubernder oder unentdeckter Filme (Uzala, der Kirgise oder der tschechische Bahnwärter-Film) und vergessener Referenzen (Ingmar Bergmann etc), kein Schmutz das.

Und dann gewinnt nicht Pan's Labyrinth von Del Toro, auf den man schon eingegroovt war, sondern der deutsche Beitrag. Das Leben der Anderen ist ja gut und anständig, aber Regisseur Sekthenkel von Donnerlüttchen ist einfach ein unerträglicher Graf Bobby-Stenz, ein Barylli vor dem Herrn, eine peinliche Parodie seiner selbst und degenerierten Angeber-Adels.
Dass er dann auch noch extra nur zwei der drei Schauspieler propt und die Hauptdarstellerin Martina Gedeck, die er nicht mitgenommen hatte, die aber trotzdem ein Ticket für den Saal ergattert hatte, nicht erwähnte, zeigt auch von schlechtem Charakter.

 hinckel von blitzenmark, mit scham-augenbalken.
 
 
4 Uhr 50, der große Morricone
 
Da vergeben die Academy-Pfeifen, seit ich die Oscar-Ceremony anschaue, jährlich ihre beste Filmmusik-Preise an die hinterletzten talentlosen Schmalzbrot-Schmierer und ich muss vom fast senilen Clint Eastwood jetzt erfahren, dass der größte Filmmusikant aller Zeiten, Ennio Morricone da noch nie darunter war.
Armselig.
Immerhin wird das jetzt mit einem Spezial-Preis korrigiert.

 ennio morricone, hahaha!
 
 
5 Uhr 10, Pan schwächelt
 
Und in zwei Kategorien, wo man nach dem bisherigen Verlauf damit hätte rechnen können, dass Guillermo del Toro und sein Pan's Labyrinth-Team wieder zuschlägt, wird alles ganz anders. Zwar kann Penny Cruz trotzdem Tränen verdrücken, weil mit dem Argentinier Santaolalla für Babel eh auch ein Lateinamerikaner den Best Score-Preis gewinnt, aber beim besten Drehbuch verliert del Toro auch im zweiten Finale, in dem er als Person stand, gegen Michael Arndt, den Autor von Little Miss Sunshine. Dass der vorher Personal Assistent von Matthew Broderick war, wusste ich nicht. Ist der noch mit Sarah Jessica? Ich lese gerade, dass Arndt nach Broderick sechs Jahre lang brauchte, um eines seiner Projekte zu verfilmen. Wohl normale Zeiten in dieser Branche.

 vom termine-macher und kaffeeholer zum drehbuch-oscar-ausgezeichneten
 
 
5 Uhr 30, Lesbians are ruling the world:
 
Ellen macht die Show, Queen Latifah moderiert den Preis an und Melissa Etheridge gewinnt ihn (Best Song) dann auch; und kann in der kurzen Dankesrede ihrer Frau danken, ohne dass sich jemand räuspert.

Und dann macht sie was Süßes: eine unglaublich naive 80er Jahre-Ansage von wegen Weltretten und "Wir sind die Generation, die...". Daneben, aber irgendwie rührend.

 melissa
 
 
5 Uhr 40, Lesbians are ruling the world, part 2
 
... und dann kommt Jodie Foster, die ich jetzt schon gefühlte fünf Jahre nicht mehr gesehen habe und sagt irgendetwas und wie immer schau ich sie nur an und hör gar nicht was sie sagt, sondern nur wie, und ich achte nur auf ihre schöne brüchige Stimme und ... ach Jodie.

Sie sagt die Toten des Jahres an, und diese Schau ist wie jedes Jahr schön gestaltet, das können sie.

 jodie
 
 
5 Uhr 55, siegreiche Favoritin
 
Eigentlich sollte es um sechs Uhr vorbei sein, aber die Hauptpreise stehen noch aus. Ellen macht schon erste Verabschiedungs-Witze, dann holt Helen Mirren ihre Favoriten-Statue (für The Queen) ab; Scorseses Schnittmeisterin hat ihren dritten Oscar für einen Scorsese-Film gewonnen, das heißt, er wird wieder keinen Regie-Preis bekommen. Scorsese muss was Schlimmes angestellt haben, dass sie ihn derart quälen.

 helen ist elisabeth
 
 
6 Uhr 00, siegreicher Favorit
 
Keine Ahnung, wie gut The Last King of Scotland, der Film über Idi Amin ist, keine Ahnung wie gut Forest Whitaker darin ist - so gut wie in Ghost Dog von Jim Jarmusch wird er nie wieder sein - muss er aber auch nicht.
Das reicht für ein Leben.

 
 
6 Uhr 10, jetzt hat er's...
 
Das viele Verknofeln hat was genützt: Marty hat seinen Regie-Oscar.
Es war klar, als seine Weggefährten Lucas, Spielberg und Dingens zur Verleihung raufkamen, aber selbst er hat nicht dran geglaubt. Could you double-check the envelope?
Gemacht.

Und dann auch noch der Oscar für den besten Film obendrauf. Nachdem man ihn jahrelang verarscht hatte, kommen die beiden größten Preise jetzt im Doppelpack; und das für einen guten, aber sicher nicht seinen besten Film.
Wurscht jetzt - Scorsese vor den Vorhang!

 marty
 
 
6 Uhr 15, und aus!
 
Ellen sagt Thanks, ein bisschen Lametta noch und aus ist es, wie immer direkt nach dem Highlight, wie immer ein halber Interruptus.

Letztlich war der Preis für den besten Film ebenso aufgelegt wie die beiden Hauptdarsteller-Oscars (siehe Favoriten-Fotos vor zwei Uhr) - nur, nach den Erfahrungen der letzten Jahre war man verstört; denn da wurde Scorsese mehr als einmal obwohl er einen guten, oft sogar den besten Film hatte, gern gegen einen braven, faden, öden Hollywood-Konform-Schinken-Schas abgetauscht.
Und einem widerlichen Drehbuch-Schicksal hätte man das als Sequel auch heuer zugetraut.

Hinter The Departed sind Pan's Labyrinth und Little Miss Sunshine die großen Gewinner mit je drei Preisen, der Rest teilt sich brav auf. Die totale Umarmung für den neuen Welt-Film der Marke Borat oder Babel (nur ein Preis) überlässt man aber weiterhin den Golden Globes.
Mittelmäßiger Käse (Dream Girls, PiratenDingsTeil 2) kommt nur in den technischen Kategorien durch, und auch die Opas (die zuletzt eh abgefeierten O'Toole und Eastwood) hatten heuer keine Chance.
Ab 21 Uhr gibts auf ORF 1 die Zusammenfassung der ganzen Show, wer's verpaßt hat, kann da ja... Schönen guten Morgen, ich geh jetzt schlafen!

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