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Wien | 27.2.2007 | 11:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW 9, Dienstag.
  Tourgott ade.
 
 
 
Die öffentliche Selbstverstümmelung des Jan Ullrich.
  Sportler sind direkter, ehrlicher, die machen einem nichts vor. Da können Politiker noch eine Menge lernen. - Sagt Albert Grimaldi, Fürst in Monaco, ehemaliger Bobfahrer, eine wichtige Nummer im internationalen Sport-Funktionärstum, eventuell sogar künftiger IOC-Chef unlängst in der FAS, und meint es sogar ernst.
Und zwar, weil er als Sportler, als Bobfahrer, wohl die einzigen öffentlichen Auftritte seines Lebens hatte, in denen er nicht geschönt agieren und reden musste, sondern die Wahrheit sagen konnte, über schlecht geschliffene Kufen und zu wilde Kurven-Einfahrten. Allesamt Dinge, die er über die Finanzpolitik seines Landes oder über sein Privatleben nicht einmal ansatzweise offenbaren darf oder kann.

Ansonsten unterliegen Sportler aber selbstverständlich dem gleichen Zwang wie Politiker oder die von Papparazzis verfolgten Alberts: abblocken, vorgeben, faken.
Öffentliche Äußerungen sind in verordneten Rhetorik-Kursen (wenn auch oft schaurig schlecht) eingelernt, Bekanntgaben sind mit Marketing-Timelines gekoppelt, ein ehrliches und kritisches Wort über innere Befindlichkeiten oder gar die Strukturen des Sportes selber sind die extreme Ausnahme.

 
 
  Denn selbst während des Wettkampfs, wo man denken könnte, dass Körpersprache nicht lügen kann, nimmt das Posieren überhand, weit über lügende Sportarten wie Turnen, Gymnastik oder Eiskunstlauf mit ihren aufgesetzten Fratzen hinausgehend.
Falsche Tränen und vorgespielte Emotionen bei Zieldurchläufen oder gewonnenen Punkten, eintrainierte Heucheleien oder zunehmendes Zirkus-Gehabe Marke Wrestling fließen immer deutlicher in alle Sportarten ein.
Man steht schließlich unter Dauer-Medienbeobachtung und muss eine Show bieten.
Nein, der Sportler an sich ist öffentlich exakt genauso verlogen und unehrlich, wie der Politiker, sorry, Albert.

Deshalb sind auch die wenigen Momente, in denen Sportler (und letztlich auch Politiker, aber da passiert das seltener) entgleisen, neben der Spur fahren und dann plötzlich ihr wahres Gesicht zeigen, die bannenden, die spannenden.
In all ihrer dann auch oft auftretenden Grausamkeit.

 
 
So war das auch gestern
  der Fall, als der vormalige Rad-Halbgott Jan Ullrich unter dem Druck der gegen ihn vorgebrachten Doping-Untersuchungen seinen Rücktritt erklärte.
Ullrich war schutzlos, ohne Beistand, ohne Beratung, ohne Management, ohne Pressesprecher, ohne den Schutz eines Teams oder eines Verbands und machte den entsetzlichen Fehler sich offen so zu benehmen, wie es ihm seine Natur vorgab.
Erstmals.
Das Gemetzel, das er dadurch an sich selbst anrichtete, war blutig und grausig anzusehen.

Zuerst gab Ulle, der fleischgewordene naive Held, eine tumbe Adaption des Franz Biberkopf, ein Ossi aus dem Bilderbuch, in einem 37-minütigen Rundumschlag seinen Rücktritt bekannt. In diesem Monolog zerschnitt er furiengleich alle Fäden, die ihn noch mit Medien und Partner verbanden, brach seine Sozialkontakte zur Branche ab, und verwahrte sich gegen jede Kritik und jeden Vorwurf der Unrechtmäßigkeit - ohne auch nur den Hauch eines Belegs anzusprechen.

 
 
  Ullrich zog sich auf die letzte Ebene des Selbstbetrugs zurück, den formalen Einspruch. Die in spanischen Doping-Labors gefundenen Blutbeutel mit seinem Namen drauf - das wäre nichts. Die Berichte über diese Razzia seien illegitim weitergegeben worden - also ist der Übermittler der Nachricht der Bösewicht, nicht die Täter, das System Doping im Radsport und der kleine drin gefangene Wurschtl, nämlich Ullrich selber.

In dieser immer enger werdenden Welt der Verschwörung agierte Ullrich bei dieser PK so, wie jemand, der direkt und ehrlich ist, reagieren muss, egal ob Mensch oder Tier.

Ullrichs Blick hatte viel von einem in die Enge getriebenen Tier, das sich auf allerengstem Raum gegen übermächtige Angreifer bewähren muss und das nur unter Aufbringung von übermenschlichen Kräften kann. Dazu gehören extreme Konzentration und natürlich das Verdrängen jeglicher negativer Gedanken, man muss alles diesem Kampf unterordnen. Tiere in solchen Fallen-Situationen beißen sich schon einmal einen Teil des Körpers selber ab um freizukommen.

Und Jan Ullrich verließ diese Pressekonferenz als Torso.

 
 
Das Allerschlimmste sollte
  aber noch folgen. Ullrich hatte sich für einen Medien-Auftritt, für eine TV-Sendung entschieden, für Reinhold Beckmann.

Beckmann ist einer der beiden jaulenden Mäuler in der Mini-Laokoon-Gruppe des doppelköpfigen Grauens der Promi-Einschleimerei, des genüßlich zelebrierten Anteilnahme-Voyeurismus, das Ullrich, ganz Tor, ganz Biberkopf, bislang in seinen Untiefen nicht durchschaut hatte (etwas, das er mit der Mehrheitsbevölkerung teilt).

An diesem Abend wußte er aber innerhalb von wenigen Minuten woran er war: Ullrich duzte Beckmann, der ihm anlässlich der in den letzten Jahren dutzendweise erfolgten Schleimspur-Medien-Auftritte selbstverständlich das distanzlose Du-Wort angeboten hatte, diese Eintrittskarte in die Ekel-Grauzone des Infotainments, des distanzlosen Hofberichterstattungs-Journalismus.

Nur: Beckmann siezte zurück.
Nicht, dass er sich traute, die Doping-Frage direkt zu stellen oder die zahllosen angedeuteten Ungereimtheiten zu verknüpfen (da blieb er bei einem populistisch heischendem "Ja, aber das ergibt doch in der Öffentlichkeit ein Bild, das Ihnen nicht recht sein kann ..."), er entzog Ullrich das Du der Jubel-Zeiten um sich mit einem kritischen Sie plötzlich, abrupt und Beckmann-ungewohnt auf eine vage Gegenseite zu schlagen.
Eine widerliche und feige Entscheidung, bei der man sich fragt, inwieweit da der (österreichische) Redaktionsleiter Markus Peichl involviert war. Ich fürchte stark.

 
 
  Ullrichs seelisch entzundene Augen glühten noch eine Spur waidwunder, als er diesen logischen, aber von ihm sträflich naiverweise unvermuteten Verrat begriff. Er engte seine Rückzugs-Möglichkeiten noch mehr ein, zog sich nicht einmal mehr auf die Christoph Daum-Position des plappernden Herumgeredes zurück, sondern war sekundenweise überhaupt nicht imstande etwas zu sagen.

Selbst die Ausrede, dass seine Anwälte ihm verboten hätten über den spanischen Fall zu sprechen, da er ja gerichtsanhängig sei, kamen mit quälend-schmerzhafter Verzögerung, und es gusenbauerte auf Ulrichs Oberlippe.

Die selbst zwischen Beckmanns waschweiber-modulierter Stimmlage halbwegs deutlich erkennbare Frage warum er sich denn nicht in eine Beweis-Offensive mittels DNA-Test begebe, wenn er, wie behauptet, komplett unschuldig wäre, hinterließ ihn genauso ratlos. Er verstand sie nicht.

Ullrich war tatsächlich imstande, alles auszublenden, was ihm in seinen Karrierejahren an Doping-Selbstverständlichkeiten untergekommen war (inklusive der eigenen Sperren und nachgewiesenen Delikte) - nur so konnte er sich als Opfer fühlen und selber die Frage nach der Undurchschaubarkeit dieses Systems stellen.
Da hat sich einer selber lobotomiert, wie das Tier in der Falle eben nicht den Fuß, sondern die Erinnerung abgebissen.

 
 
Ich bin seit Jahren
  mit einer Kollegin, einer Radsport-Mum (so wie die berühmten amerikanischen Soccer-Mums), bekannt: beide Söhne waren im Jugendbereich aktiv und hatten das Potenzial für österreichische Spitze. Und beide beendeten ihre Karrieren, weil sie schon ab 16, 17 damit konfrontiert waren, dass nur denen, die sich unerlaubte Vorteile verschaffen, tatsächlich der Sprung in die A-Klasse gelingen würde. Wobei diese unerlaubten Vorteile nicht von argen Dealern am Straßenrand, sondern vom System Radsport selber angeboten wurden. Die beiden haben aufgehört, weil ihnen ihr Gewissen und ihre Gesundheit lieber war.
Das System ist kaputt und korrupt.

Im übrigen bot die österreichische 2. Liga dieses Systems Ullrich ja ein Exil an: ich verstehe nicht, was die Volksbank da reitet, ob es nur der Drang ist, der Raika und ihrem Herminator etwas entgegenzusetzen, aber natürlich ist diese Adoption eines überführten Drogentäters ein verheerendes Signal.

Weil also tatsächlich allen Beteiligten seit Anbeginn an, seit dem Jugendalter, alles was passiert, als nötige Selbstverständlichkeit serviert wird, gibt es irgendwann kein Schuldbewusstsein mehr.
Der gesamte Profi-Radrennsport ist flächendeckend doping-verseucht, das ist allen Beteiligten klar, aber nicht bewusst.

 
 
  Dass in den letzten Jahren, nach der andauernden Verarschung (die von Lance Armstrong und seinem Team auf die Spitze getrieben wurde) eine Gegenbewegung erfolgte und laufend auch die großen Namen enttarnt und aufgeblattelt wurden (wir erinnern uns: der letzte Tour de France-Sieger Floyd Landis wurde ein paar Tage nach seinem Sieg als gedopt enttarnt; alles zuvor Gefahrene mit einem Schlag entwertet) ist der logische Letztversuch einer Infrastruktur, sich selber noch zu retten.

Die alten Hasen, die in den neuen Fallen sitzen, können sich nur noch mit Selbstverstümmelung (zumindest in ihrer Welt) retten.
So wie Ullrich.
Ehrlichkeit sähe aber anders aus.

 
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