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Wien | 8.3.2007 | 11:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW 10, Donnerstag.
  Der fatale Knallchargen-Irrtum, seine unrühmliche Geschichte, seine Gegenwart in "Immer nie am Meer" und die künftige Erlösung.
 
 
 
Gestern gab's ja die Premiere
  von "Immer nie am Meer" - und immer ist es schwer, etwas Nachvollziehbares anzumerken, wenn man die Beteiligten gut kennt. Man ist aber immerhin vor Kardinalfehlern gefeit, wie er zb einem Kurier-Kritiker in seiner Rezension unterlaufen ist.

Der spricht da im letzten Satz von zwei Berufs-Blödlern.
Und in diesem einkastelnden Denkfehler liegt eine Menge der Tragik begründet, die den heimischen Film (und mehr) umfasst.
Diese von aktuer Verständnislogkeit gezeichnete Degradierung zum Typus "Knallcharge" war unlängst auch das Leitmotiv eines Treffpunkt-Kultur-Studio-Gesprächs mit Vitasek/Niavarani/Dorfer.

Das ist umso frappierender, weil die Zutaten um dieses abgewohnte Denkmuster ins Altenheim für überkommene Klischees zu schicken, ja in aller Offenheit herumlungern.

Das Wichtigste zuerst: die Knallchargen, die Berufsblödler, die "Lustigen", sind seit Jahren, vielleicht sogar Jahrzehnten die einzige ernstzunehmende politische Opposition in diesem Lande und sie haben zudem, vor allem in den letzten Jahren, auch noch die Kontroll-Funktion der Medien übernommen und sich als die einzigen ernstzunehmenden Fragensteller bewiesen.

Die, ich sag's nochmal, einzigen.

 
 
Die wahren Knallchargen
  (und, nebstbei, ich LIEBE Knallchargen) sind die, die man mit einer kulturellen Seriosität ummäntelt, die ihnen nicht zusteht, weil sie sich ihrer in den letzten Jahrzehnten nicht ansatzweise würdig erwiesen haben, sondern sich - wie es der (geliebten) Knallcharge zusteht - an den Rändern der Unwichtigkeit und gesellschaftlichen Irrelevanz vergnügen. Und zwar die Georg Friedrichs und Paulus Mankers und die Gregor Bloebs. Schauspieler, die außerhalb ihrer Rollen und des Spiels um szeneinterne Macht nichts sagen - sie müssen ja auch nicht.

Die "Lustigen" hingegen, als einzige oppositionelle Kraft, als einzige Einforderer von gesellschaftlichem Bewusstsein, die Dorfers und Haders sind genau das Gegenteil - Menschen mit einem ganzheitlichen Renaissance-Zugang.
Selbst in einem vorgeblich komplett unterhaltendem Format wie Oliver Baiers "Was gibt es Neues" werden mehr gesellschaftspolitische Themen angezogen, wird mehr an Zusammenhängen erklärt als in der gesamten ZIB 1 vor einem Jahr.

Und das ist letztlich die Aufgabe eines Künstlers - und es ist wichtiger und bedeutender als als Schauspieler als Minister gehandelt zu werden.
Das ist ein reiner Knallchargen-Job.

 
 
Die Unterscheidung zwischen
  den seriösen Knallchargen und den lustigen Wahrheitssuchern geht über den reinen Kern der Menschendarstellung hinaus, leider bleibt die Vermessung aber an diesen doch etwas gering wichtigen Handwerks-Können hängen.

Super-Schauspieler-Sein - eh super.
Im Rahmen einer schauspielerischen Leistung eine darüber hinaus relevante Performance hinzukriegen - noch viel superer, weil substanziell und nicht nur arty.

Leider ist die diesbezügliche Prägung durch eine versaute Volksschauspieler-Kultur bedingt, die wiederum in der Nazizeit und den bleiernen Jahren danach zu den allereinfältigsten Klischees erstarrten und deswegen einem nichtssagenden und nicht stellungnehmendem Typus des Schauspielers Verehrung zusichert, wohingegen das Vorgänger-Modell der Marke Girardi oder Nestroy dann, wenn es wieder auftaucht (Musterbeispiel: Qualtinger) gehasst und verfemt wird, ehe Alter und Tod die Geschichte klittern.

Aus diesem Sündenfall der Geschichte leiten die heutigen Knallchargen, die Erben Muliars und Schenks ihr Recht auf inhaltliche Irrelevanz abseits eines rein künstlerischen Gestus ab. (Und hier muss ich den vorher zitierten Pauls Manker wieder rausnehmen, der sucht da zumindest einen dritten Weg).

 
 
Der Wahrheitssucher
  mit dem Seziermesser und der unbarmherzigen Lupe, der Schausteller der gesellschaftlichen Realitäten und der Grauslichkeiten war und ist (in diesbezüglich sehr feigen Zeiten wie heute) der Lustige, die vorgebliche Knallcharge.

Das von den Mächtigen Gedungene oder ihnen eh fest hinterherschleimende Kultur-Establishment tut sich leicht darin, diese einzige ernsthafte Opposition zu diffamieren - weil das Lustige, das Aufdeckerische, das Oppositionelle in diesem System Österreich eh nur einen Platz am Katzentisch hat.
Es reicht also der bloße HInweis auf den Blödler, die Knallcharge und eine Mehrheit, die dabei war ihr Haupt zumindest verwundert zu heben, versinkt wieder in den Schlaf der Bewußtlosen. Aja, waren eh nur die Lustigen. Ja dann ...

Leider trifft den in diesem Zusammenhang fünfmal von den Vorhang zu holenden Alleskönner Alfred Dorfer auch eine historische Teil-Mitschuld. Denn natürlich haben die Auswirkungen des verheerenden Kabarettismus-Films (nicht mit den Anfängen, Geniestreichen wie Muttertag oder Indien, sondern mit den Äusläufern und Exploitation-Exzessen Marke Düringer) dazu beigetragen, dass man Äußerungen der Lustigen mit einem einfachen Schlenker diffamieren kann.

 
 
Unlängst lief auf arteoder2sat
  eine französische Groteske vom kleinen Costa-Gavras. Mit einer klassischen Knallcharge in der Hauptrolle. Und natürlich herausragend gut. Weil genau die Knallcharge, der Komödiant, der Lustige viel mehr über das wirkliche Grauen weiß, als der Schauspieler, der sich mit Fragen der Technik und der Branche auseinandersetzen und da dem Generalisten unterlegen sein muß.
Aber in Frankreich ist der Lustige eben keine Knallcharge, sondern Chefsache, unter stetiger Beobachtung des heiligen Colouche.

Bei uns ist dieser Zugang immer noch mit Ängsten besetzt. Ein wirklicher Menschendarsteller vor Kritiker-Gnaden darf nur ein Georg Friedrich sein (der das im übrigen natürlich großartig macht, aber wenn er weiter alles spielt, dann wird's auch fad), bloß keiner, der auch schon einmal öffentlich einen Witz erzählt hat.

Darunter leidet "Immer nie am Meer": an dieser ganzen ächzenden elenden Geschichte dieses kulturellen Missverständnisses. Denn das führt dann auch zu der daraus folgernden Unentschlossen- und Unsicherheit, was man sich jetzt zu dürfen trauen sollerte.

"Immer nie am Meer" ist auch eine Groteske, ein Kammerspiel mit allen Stärken und Fallen eines jeden Kammerspiels; mit sehr lustigen Sequenzen und guten Dialogen und mit sehr drastischen Wendungen; und manchmal auch weniger guten Szenen.

 
 
Immer nie am Meer
  ist ein Opfer des Nicht-Wissens um die Befugnisse und Zuständigkeiten. Darf denn jetzt eine Knallcharge tief in die Menschenseele blicken lassen?

Das Regelbuch, das Rudi John befragt hat, sagt Nein, aber das ist aus den 50ern und ignoriert die seither wuchernde Tatsache, dass der Outrierer klassischen Stils (und wahrscheinlich ist das der dritte Weg des Paulus Manker, diese Anbindung an das strange Erbe eines Raoul Aslan ...) aufgrund seiner nichtigen Relevanz mausetot ist.

Diese längst gegessene Art der puren künstlerischen Erbauung funktioniert nur noch in klassischen Musikaufführungen - alles andere, was sich über tumbe Einfalt und kommerzielles Kalkül hinausbewegt, hat längst andere Ansprüche, die das Leben in all seinen Facetten beeinhaltet. Und die einzigen Bildhauer aktueller Realitäten, die Lustigen, die Fragensteller, die Knallchargen eben, sind sein Prophet.

 
 
Im übrigen hab ich
  am Tag vor der Premiere lang mit einer Freundin (ich nenne sie Vivian, um nichts zu präjudizieren) gesprochen, die für ihren nächsten Film gerne die Knallcharge Grissemann hätte. Und zwar nicht weil er ein lustiger Berufs-Blödler und ein Pop-Star und auch nicht, weil er jetzt in einem Kinofilm zugange ist, sondern weil sie an einer Rolle schreibt, in der sie ihn sieht. Weil sie denkt, dass es das, was diese Rolle braucht, hat und abrufen kann. Vivian kennt den Grissemann nicht, aber sie hat recht: das, was ihre Figur braucht, kann die Knallcharge aus sich rauspressen. Weil er an vielem leidet, was sie ansprechen und benützen kann (und Regisseure sind Benutzer).

Was ich damit sagen will: wahrscheinlich wird die nächste Film-Generation, die der jetzt Unter 30jährigen, dazu imstande sein, die lächerlichen Filter, die allen in der Ü30 vor den Augen flirren, wegzuschieben und zum Kern vorzudringen.
Denn es geht nicht um Images und um Kräftespiele und um Posten und Theater-Technik, es geht um eine rauhe, kluge, beißende und scheiternslüsterne Herangehensweise, wie sie die einzigen, die Fragen stellen, die einzigen, die öffentlich opponieren, die Knallchargen eben im Überfluss haben.
Darin setze ich meine Hoffnung.

 
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