Donnerstag Abend, beim hier nochmals zitierten Gap-Fest deutet einer, der sich damit auskennt, auf die ganz dezent am Juchee hängenden Banner-Werbungen eines Mobilfunkers und merkt an, dass dieses Branding des Raums interessant wäre: grade noch so dezent, dass es auffällt, gerade einmal so bildfüllend, dass es nicht stört. Für eine Veranstaltung, die sich nicht via Eintritt, sondern via Sponsoring finanzieren lässt, geradezu optimal.
Freitag Abend, auf dem Weg zu einem abendlichen Clash der Kulturen (zuerst wilde technoide Breakbeats bei Venetian Snares im fluc, dann eine seltame Musik namens Jazz beim Dizzy im Birdland), falle ich dann in der Start-U-Bahn-Station Neubaugasse in einer wahre Branding-Hölle.
Den gesamten Horizont umspannend überfallen mich dort auf dem Weg zur Station runter etwa fünf Dutzend Madonnas, die alle nur eine Botschaft im oft halbgeöffneten Mund führen und diese frohe Nachricht einer Überkopf-Flamme gleich auf mich übertragen möchten.
Es wird also eine Madonna-Kollektion im Nummer-1-Fetzen-Einkauf-Tempel der Jugend der Welt geben, auch in Wien und bald.
Die eigene Kollektion wird in Zeiten, wo der klassische Tonträger als Dead Man Walking flaniert, für jeden Musikstar immer wichtiger. Vor allem die, die Image mitverkaufen, lassen jeden Schas mit dem eigenen Namen und einer Marke branden um schnelles Geld zu machen - was gerade bei vormals einmal bewusst agierenderen Segmenten wie HipHop derzeit in einer völlig bewusstlosen Konsum-Orgie kulminiert.
Warum es keine Christl-Stürmer-Kollektion gibt, kann nur damit zu tun haben, dass das Macho-Männer-Management der jungen Frau (so wie sie leider selber auch) keinen Schimmer hat.
Madonna hat den, das konnte sie bereits oft genug beweisen, ihr Schimmer glänzt meistens sogar schwerst vergoldet. Und so hat sie in zäher Heimarbeit in der faden britischen Countryside Röckchen, Blüschen, Kleidchen und Umhängerchens genäht, die jetzt verscherbelt werden.
Wobei diese Parodie-Fantasie bei Madonna, dieser kontrollsüchtigen Person, vielleicht gar nicht soooo weit hergeholt ist.
Nun sollen das scheinbar nicht nur die wissen, die es kaufen könnten - und die sind all schon informiert, ich bin sicher - sondern eben alle. Auch die, denen's eigentlich wurscht ist, wie ich.
Und deshalb das.
Nämlich die Branding-Hölle mitten unter der Mariahilferstraße: eine gesamte U-Bahn-Station mit Abgängen, Aufgängen, Quergängen, Rolltreppenfahrten, City-Lights und Plakat-Wänden, MadonnaMadonnaMadonna überall.
Insgesamt sicher über 150 mal.
Im ersten Moment sind mir da die Themen-Stationen der Pariser U-Bahn eingefallen, wo z.B. Museen die zugehörigen Stationen bereits als Vorposten nützen, so dick aufgetragen war da alles.
Aber auch der Bruch war sofort sichtbar.
Die Neubaugassen-Station ist nämlich nicht einfach nur eine Station mittendrin auf der Mariahilferstraße: Das ist eine Station, in der der längste der Zuführ-Gänge, der von der Kreuzung Amerlingstraße, Eingang gegenüber Cafe Ritter, auch besetzt und belegt it. Von einer dauerpräsenten Gruppe.
Dieses Areal gehört den Schnorrer-Punks, die dort mit Hunden, Bier, Kapperln, Camou-Outfit, tiefen Augen, tiefen Sprüchen und der automatisierten Frage nach Geld oder Tschik bewaffnet, residieren.
Das ist dort ihr Bereich, ihr verlängertes Wohnzimmer.
Weshalb dann auch die direkt vor dem Stammplatz der Schnorrer-Punks hingepflanzten Madonna-Riesen-Plakate, mit Texten versehen wurden, was dem Ensemble den Charme der Werke der Gugginger Künstlergruppe verleiht.
Die in ihrer polypigen weltfremden Art auch immer ein wenig komische Bezirksvorsteherin der City hat unlängst bei einer PK, als es wieder um einen guten alten Bekannten, das Karlsplatz-Problem ging, eine ihrer gewitzten Lösungen parat: man könnte in den Passagen doch klassische Musik spielen. Das würde Menschen mit geringen Hochkultur-Verständnis automatisch zerstreuen.
Nun, wenn die gute Frau auf ihrer Route 19. - 1. Bezirk einmal am Westbahnhof Station machen würde, könnte sie die Praxis ihres bereits im letzten Jahrtausend überholten Vorschlags erleben - das nützt genau gar nichts: die mit mittlerweile sogar auch neuer E-Musik bespielte Unterführungs-Strecke wird weiterhin von den Schnorrer-Punks als Arbeitsraum verwendet.
Im Neubaugassen-Schlauch schnorren sie nur reflexhaft - dort ist eher leben, putzen, häusliches Streiten angesagt.
Ich muss nicht extra erwähnen, dass diese Schnorrer-Punk-Seligkeit und das Hyper-Branding nicht wirklich zusammengeht.
Jeder, der durch die Vielfach-Madonnen aus seinem schläfrigen Öffi-Trott rausgerissen wird, und die viele Werbung wahrnimmt, sieht im nächsten Moment natürlich die lustigen Schnorrer-Punk-Freunde und bringt diese Ebenen auf keinen grünen Zweig.
Diese Art der Irritation würde für eine social campaign, oder deren Ausreißer, wie die provokante Benneton-Linie funktionieren - für eine reine Produkt-Präsentation geht sich das nicht aus.
Da ist zuwenig Substanz hinter der x-fach zur Sarah Jessica Parker-Ikone gemorphten Madonna, der man die wirklich gschmackigen Kilos und die rundlichen Backen mit dieser Trickserei entrissen hat, sie also entmenscht und zum Alien umformen musste, um den Bezug zur Realität bewusst zuzumachen und Formen vorzugeben, in die sich dann die jungen Frauen, denen das reallife-Morphing eben nicht offensteht, hineinzwängen müssen.
Mir hat einmal ein Marketingleiter einer kleinen Einheit erzählt, dass er die Möglichkeit bekommen hätte, einen Bus einer Landeshaupstadt zu branden, zwei Monate lang - eine tolle Sache für Werber, so mitten im öffentlichen und alltäglichen Raum.
Er hätte diese Stadt aber nur periphär gekannt und wollte die Gewissheit, dass sein Produkt (eines mit starkem Image) nicht beschädigt werden würde, nur weil dieser Bus im lokalen Umfeld vielleicht ein Running Gag wäre, oder z.B. eine Station direkt bei einer echt üblen Einrichtung oder einem Puff oder einer Schnapsbude hätte und im kommunalen Volksmund die Linie dann eben synonymartig für genau das stehen würde.
Also schickte er einen Spion seines Vertrauens los, der mit dem Bus fahren und genau das abchecken sollte. Und erst dann machte er den Deal.
Warum nun die Verantwortlichen von Hasi&Mausi in Wien oder die von ihnen damit Beauftragten nur die Straßen- und U-Bahn-Karte hergenommen, da eine zentrale Station ausgesucht und sie nicht weiter in Augenschein genommen haben, ist nicht wirklich nachvollziehbar.
Denn jeder, der sich den Ort, wo er soviel an Werbemitteln reinbuttert, auch nur einmal selber anschaut (oder jemanden seines Vetrauens hinschickt) wird die Diskrepanz im ersten Moment erkennen.
Und sagt's ihr jetzt da nicht: na und, mir wurscht, is ja nur depperte Werbung!
Ja, ist es, aber das Muster der Wurschtigkeit den Vorort-Gegebenheiten gegenüber ist in allen Bereichen die genau selbe. Auch die Gestaltung der Karlsplatz-Westpassage ist mit exakt derselben Scheuklappigkeit vonstatten gegangen.
Und neun von zehn Entscheidungen in egal welchen Bereichen in egal welchen Gebieten in egal welchen Gegenden, wo die Verantwortlichen nicht direkt mittendrin sitzen und Betroffene sind, laufen genau nach diesem Muster, ich darf es zu Ehren der erwähnten Schirmherrin der undurchdachten Vorschläge aus dem Mistkübel des Scheiterns nennen, also dem Stenzel-Muster ab.
Und natürlich ist es sowohl der Frau Madonna als auch den Damen und Herren Schnorrer-Punks und wahrscheinlich sogar der mit ihnen im Kleinkrieg befindlichen Exekutive blunznwurscht. Mir ja auch.
Undurchdacht und hingegackt ist es allesmal. Und jede hingeschissene und falsche Entscheidung, die nicht ein wenig Opposition erfährt, glaubt von sich selber dann ja, dass sie eh lässig war.
Und das mag ich nicht zulassen, da verderb' ich gern das Spiel.