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Wien | 24.3.2007 | 23:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
EM-Journal '08. Dreiunddreißigster Eintrag.
  Selbstbewusstsein im Vergleich Izmir 77 - Graz 07.
 
 
 
  Ich hab unlängst das entscheidende 77er-Qualifikations-Spiel der österreichischen National-Mannschaft in Izmir wieder gesehen, das Spiel, das das Tor zur WM in Argentinien aufstieß, die Welt-Karriere von einigen Spielern in Gang brachte und auch direkt zu Cordoba führte und den Folgen, unter denen wir heute noch leiden.

Es war ein wüstes und grindiges Spiel zweier mittelmäßiger Teams voller Angst, ein klassischer Decider, der von seiner Spannung lebt.
Und mir fiel etwas auf, was mir echt nicht auffallen wollte. Weil ich nämlich vor allem in diesem Bereich der echt allerletzte sein möchte, der im "früher" was Besseres entdeckt. Aber leider.

Nämlich: der entscheidende Unterschied, der die österreichische Mannschaft zur WM beförderte, waren Dinge, die dem heimischen Fußball seit Jahren fehlen. Denn selbst in diesem Hundskick von Izmir war die Wucht und die Dynamik, die hinter etlichen Aktionen etlicher Akteure steckte, höchst beachtenswert.

 
 
  Man sah da Tempo-Sprints die anno 07, dreißig Jahre später, keiner zusammenbringt.
Man sah Abwürfe von Tormann Koncilia, die derart akkurat am Ziel landeten, wie es keiner der aktuellen Zitterhanseln beherrscht.
Man sah da Vorstöße von Abwehr-Gigant Bruno Pezzey, gegen die die Ausflüge von Bayerns Lucio ein Kindergeburtstag sind.
Man sah Flankenvorstöße von Sepp Stering, die in ihrer Absicht den Gegenspielern einen eklatanten Schritt voraus ware.
Man sah Tempo-Dribblings von Hans Krankl, die den gegnerischen Abwehrspielern die Angströte in die Wangen schießen ließ.
Selbst die Passes des bei diesem Spiel eher unteridirsch agierenden Jara-Kurtl waren trocken und böse. Und ein in diesem Spiel eher Unsichtbarer wie Herbert Prohaska steuerte ein lebenswichtiges Tor bei.

Nein, früher war nicht alles besser. Aus ein paar guten Gründen, die im damals sicher zu erklären wären, besaßen die Aktere aber eines im Übermaß: Selbstbewusstsein.

 
 
  Dieses Selbstbewusstsein hat die Nationalmanschaft 2007 nicht.
Nicht einmal, wenn sie merkt, dass sie mit dem nicht so schwachen Team aus Ghana halbwegs mitspielen kann - zwar waren die klar und deutlich spielbestimmend, auch besser, technisch und körperlich, aber die Strategie und die bessere Zusammengespieltheit sprachen für die Österreicher.

Trotzdem: kein Selbstbewusstsein; oder nur eines für Sekunden. Wenn Ivanschitz seine gemeinen Corner schlägt und Aufhauser an der ersten Stange hochgeht, dann kann was entstehen.
Sonst aber bei beiden: Parterre, ebenso wie bei den seit Monaten ihrer Form hinterherlaufenden Prager, Leitgeb und Junuzovic (wobei letzterer glücklicherweise auf der Bank blieb).
Und weil Herr Kuljic grad keinen Job hat und Herrn Linz grad der Chancentod-Zettel auf der Stirn pickt, geht dann natürlich nichts.

07 fehlt 77.
Es fehlt das Bewusstsein der Wildsau - draufgehen können, weil man davon ausgeht, dass man das Duell gewinnt. Ein bisschen Bewusstlosigkeit hilft dabei natürlich: den Herren Krankl, Kreuz oder Krieger z.B. gewährte die Primitivität ihres Instinkt den genialischen spielerischen Witz.

 
 
  Dreckschweine waren sie allesamt, Dreckschweine, die ihre Wucht und ihre Dynamik den Gegners aufzwängten, aus dem simplen Wissen heraus, dass es bei Fußball zwar um jede Menge Vorbereitung, aber auch um einen guten Schuss Improvisation geht.

Im 77er-Hinspiel gegen die Türkei waren übrigens auch die Herren Hickersberger und Persidis mit dabei. Warum sie die Bedeutung von Energie, Wucht und Dynamik heute nicht vermitteln können - wiewohl das ihr einziger Job wäre, ist eines der großen Rätsel der Menschheit.

Wahrscheinlich hat der relative Erfolg der Cordoba-Generation dieser das Hirn verblasen und sie vergessen lassen, worauf er zurückzuführen war. Wenn man sich die Wortmeldungen der Herren anhört oder noch schlimmer durchliest, dann wird das klarer.
Als man unlängst den letzten Öse-Trainer aus Deutschland wieder retourschickte (nämlich Cordoba-Junior Walter Schachner) hörte man dort Erleichterung durch, dass man jetzt endlich wieder einen dieser Steinzeit-Coaches mit Uralt-Methoden loswäre.

Nochmal: ich will kein Früherbesser-Dings lostreten. Ich will nur fragen, warum die Herren "Früherbesser" zu potschert sind ihr doch nicht so schwer nachzuvollziehendes Erbe zu vermitteln.

 
 
  Es würde nämlich höchste Not tun.

Wieder einmal war man nämlich physisch unterlegen. Wieder einmal ließ man sich hinten reindrängen. Wieder einmal kam es zu keinem eigenständigen Spielaufbau. Wieder einmal nahm keiner sein Herz in die Hand und riskierte richtiges Tempo-Spiel.

Stattdessen halt ein gelungener Standard, eine unverdiente Führung und dann haufenweise miese Konter in eine Abwehr, die nur so um Tore bettelt. Und am Schluss nur Geseier über den tiefen Boden (als ob den Ghana nicht gehabt hätte...), um ein Schubserl beim Ausgleich und ein darüber erregter Hickersberger.

Der 77er Hicke hätte das wütend weggewunken, sich wütend den Ball hingelegt und eine wütende Akion gestartet, die dann - weil die anderen Wüteriche sich leicht anstecken ließen - was gebracht hätte. Ganz ohne Gegreine. So wie das gestern Abend beim peinlichen 2:5 der U21 gegen Deutschland immerhin ein einziger Spieler auch tat.

Dazu, und zur hirnrissigen Nachwuchs-Team-Politik des ÖFB in diesen Wochen, morgen mehr.

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