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Wien | 28.3.2007 | 23:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
EM-Journal '08. Sechsunddreißigster Eintrag.
  Wie sich Österreichs Nationalteam gegen Frankreich lächerlich machte, zuerst auf dem Platz und dann in der Nachbereitung.
 
 
 
Strategischer Analphabetismus.
 
Es war in der 28. Minute des Testspiels im Stade de France, als Nicolas Anelka sich das erstemal lustig machte über seine Gegnerchen. Es war das erstemal von vielen malen.

Denn dieses scheinbare Match zwischen Frankreich und Österreich war keine Begegnung auf Augenhöhe.
Es glich dem Indianerspiel zweier Kinder, eines Achtjährigen und eines Vierjährigen, das natürlich ausschließlich vom 8jährigen definiert und gestaltet wird, während der kleine Bruder halt auch lustig mithoppelt.

Das wäre nicht weiter tragisch, es war ja nur ein Testspiel gegen einen viel zu übermächtigen Gegner.
Wirklich tragisch ist nur die Realitätsverweigerung der schon deutlich übers vierte Lebensjahr hinausgewachsenen österreichischen Proponenten, die während des Spiels und auch in der Nachbereitung ernsthaft in der Fantasiewelt des Vierjährigen verharrten und nebulose Träume für bare Münze nahmen.
Denn die Befragten wie Herzog oder Ivanschitz äußerten tatsächlich bizarre Selbstlügen, die ihnen wie das Pfeifen im Walde suggerieren sollte, dass sie in diesem Spiel "dabei" waren, teilgenommen hätten.

Das war leider nicht der Fall.

 
 
taktische Sprachlosigkeit
 
Das hat nicht nur mit der entsetzlichen und dramatischen Unterlegenheit der österreichischen Teamspieler zu tun, die jedem Einzelnen der im Stade de France gefeierten Jungstars der an diesem Abend ausprobierten B-Mannschaft maximal die Schuhe putzen dürften, sondern auch und vor allem mit einer strategischen Sprachlosigkeit der Teamführung.

Die hatte z.B. in Erwartung eines Gegners aufgestellt, der dann weder personell noch taktisch dem Wunschbild entsprach. Hickersberger hatte Ibertsberger statt Standfest nominiert um Malouda, den er auf links offensiv erwartete, zu neutralisieren. Nun spielte weder Malouda, noch traten die Franzosen in einem System an, das einem anderen Spieler diese linke offensive Mittelfeld-Position zuwies.

Nun ist ein derartiger Irrtum ja kein Beinbruch.
Ein guter Coach, der ein intelligentes Team zur Verfügung hat, stellt es nach ein paar Minuten mit ein paar Handgriffen um und auf die tatsächlichen Gegebenheiten ein.

Ich muss nicht erwähnen, dass das nicht passiert ist, dass die ÖFB-Auswahl ihre falsche Grundaufstellung gnadenlos durchzog.
Das wäre auch nicht so tragisch, wenn es Absicht gewesen wäre, um etwas auszuprobieren.

Nur: so ist es leider nicht.
Es ist nicht passiert, weil es keinerlei strategischen Plan B gibt. Das Ö-Nationalteam kann außer seinem braven 4-4-2 und einer 4-5-1 Variante nichts.

 
 
tränenloses Weinen
 
Das ist ein strategisches Armutszeugnis; das ist so bitter, dass das daraus resultierende Weinen ein tränenloses ist.

Ja, was hätt er denn machen sollen, der Hicke, du Obergscheiter, mag jetzt mancher fragen und auf die Limitiertheit durch Kader und Spieler-Prägung verweisen.
Das stimmt, aber gehen tut immer was, wenn man will. Und wenn man nicht will, muss man gehen.

Er hätte z.B. folgendes probieren können - mehr als der peinlich und deutlich unterlegene Indianderspiel-Hinterherläufer zu bleiben hätt ja nicht passieren können:

Also, Frankreich lief mit einem sehr kompakten 4-3-3 auf:
4 Mann in der Abwehr, die Außendecker sind dabei sehr sehr offensiv. Dann drei Mann im Mittelfeld, alles Spielaufbauer mit hohem Defensiv-Verständnis (im konkreten Fall die Jungs der Generation nach Makelele und Vieira), die als Keil agieren - einer zentral vor der Abwehr, einer halbrechts, einer halblinks. Diese Halbpositionen dienen dazu die vorstürmenden Außenverteidiger (warum die so wichtig sind, ist hier nachzulesen) abzusichern.
Und davor hatten drei Offensivkräfte alle Freiräume: ein 10er, verspielt wie ein junger Hund und zwei klassische Spitzen, die sich nicht zu blöd sind den gesamten Raum zu nutzen, können sich da austoben.

 
 
verstörende Überforderung
 
Von dieser Gewalt über die Außen war das biedere österreichische Team (eh schon durch bessere Technik, Dynamik, Physis und Wucht der Gegner verstört) völlig überfordert. Also muss der Coach da was dagegensetzen (was er nicht getan hat).

Möglichkeit: er spiegelt das System der Franzosen, um sie so an jeder Position abzufangen, er stellt also auch auf ein 4-3-3 um.
Dazu hätte es genau eines Tausches bedurft, so einfach wie diese Streichholz-Rätsel, die durch das Umlegen von nur einem Holz was Neues ergeben.
Hicke hätte nur einen der wenigen spielintelligenten und universell denkenden also auch einsetzbaren Kicker (Sariyar) bringen und ihn als Mann vor der Abwehr platzieren müssen (das kann er auch im Verein spielen, hat ihm Djuricin beigebracht). Mit Aufhauser und Prager auf den Halbpositionen hätte das die Franzosen gespiegelt - und vorne wäre Ivanschitz oder Leitgeb der Freigeist hinter den Spitzen gewesen.

Ein Wechsel hätte ein neues System installiert, das zumindest die Chance gehabt hätte, das französische Werkel in seiner Rotation ernsthaft zu behindern - zumal dann Prager/Aufhauser auf den Halbpositionen die Vorstöße über die Außen besser abgefangen hätten als die damit überforderten Offensiv-Kräfte Ivanschitz und Leitgeb.

Das statische 4-4-2 des ÖFB-Teams leidet nämlich genau darunter: dass die Kreativität auf den Seiten versteckt ist, während in der nicht kommunikationstüchtigen Zentrale defensive Überforderung blüht.

Am Pariser Abend war es einzig der Instinkt-Spieler Sanel Kuljic, der dieses Manko erkannte und sich dagegen wehrte. Kuljic, als Stürmer aufgestellt, wurde zu seinem eigenen und leider einzigen Einfädler, versuchte zwei Jobs gleichzeitig zu erledigen - wofür ihn der Teamchef mit dem Austausch bestrafte.

 
 
verheerende Aufbau-Fehler
 
Der zog dann, leider im Einklang mit dem TV-Kommentar, das offensichtliche (deshalb aber keineswegs richtige) Fazit: es wäre an der Offensive gelegen, dass man schlecht ausgeschaut hätte, hinten wäre eh alles super gestanden.

Nun, wenn eine gutmütig spielende und den Gegner verarschende Mannschaft die Unsrigen verschont hat und nicht deutlich genug auf die 4-Tore-Packung gedrängt hat, die der Klasse-Unterschied wert war, heißt das nicht, dass die Abwehr deswegen gut war.

Im Gegenteil: der arme Christian Fuchs, der links hinten zum Affen gemacht wurde, konnte einem leid tun; Ibertsberger rechts hatte Glück, dass man sich auf der anderen Seite mehr Spaß versprach. Und die immer wieder Bälle rausschlagenden Innenverteidiger flogen zwar tapfer durch die Gegend, waren aber im Aufbau verheerend. Was da an schlimmsten Fehlpässen über wenige Meter zu sehen war, führt in einem Trainigs-Spiel zu sofortigem Abbruch und 5 Strafrunden.

Noch schlimmer das gegenüber dem Ghana-Spiel kaum verbesserte Mittelfeld: zwischen Aufhauser und Prager gibt es wieder keinen Kontakt (im Ghana-Spiel, das belegte eine Standard-Auswertung, kam es zu keinem einzigen Pass zwischen den beiden!), weder lange noch kurze Passes kamen an, die beiden Kreativen Leitgeb/Ivanschitz rochieren wie die Holzmichl, ohne Überraschung und Verve.

Bei derlei keinem Aufbau geht vorne gar nichts, obwohl Kuljic und auch Linz wirklich aufreibende Arbeit leisteten und ihre Gegner gut beschäftigten.

 
 
das one-trick-pony
 
In der 75. Minute verhöhnt Anelka wieder einmal die österreichische Abwehr, verarscht sie mit Popschwackeln und Körpertäuschungen, dreht dann ab wie ein Torero ohne Blutdurst und spielt zurück.

Nach dem statischen Spiel seiner Mannschaft, in dem nie auch nur für eine Sekunde der Funken einer Chance auf irgendwas bestand, spricht der Teamchef von guter Organisation.

Ein one-trick Pony fühlt sich gut, wenn es den einzigen Schmäh, den es beherrscht, anständig performt hat, ja.
Für den Zirkus reicht das aber nicht. Das one-trick-Pony wird draußen bleiben müssen.

Für den Zirkus reicht es dann, wenn man tatsächlich teilnimmt, wenn man Varianten hat, Strategien verfolgen kann, während des Tricks improvisiert, umzustellen imstande ist.
Dazu muss man jedoch den taktischer Analphabetismus verlassen.
Höchste Zeit. Weil wir nämlich nicht wie sonst immer und verdient draußen bleiben dürfen, sondern rein müssen in den Zirkus EM 08. Und dafür einen zweiten Trick brauchen, Minimum.
Höchste Zeit zu erkennen, dass man keine vier Jahre ist und beim Indianerspiel schön hinterherzappeln kann.

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