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Wien | 14.4.2007 | 17:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW 15, Samstag.
  Gegen-Öffentlichkeit, Gegen-Kultur und Face-to-Face.
 
 
 
Gegen-Öffentlichkeit
 
Dieser Tage wird die "Tageszeitung", der langanhaltende und schon wohl allein deshalb gelungene Versuch in Deutschland eine mediale Gegenöffentlichkeit zu schaffen, 28 Jahre alt. Und sie denkt laut über sich, ihre Geschichte und die Entwicklungen in genau diesem Raum, der Gegenöffentlichkeit und der Rolle der Medien nach; und lässt nachdenken.

Dabei kommen gute Überlegungen und schöne Sätze zutage.

Der Kunsttheoretiker Dirk Braeker etwa schreibt, dass man anhand der taz sehr schön studieren könne, "was aus der Presse geworden ist, seit sie das Programm der französischen Aufklärung, angelsächsisch durch Ironie geläutert und germanisch durch Romantik vertieft, in einer massenmediale Praxis der Öffentlichkeit umgesetzt hat."

 
 
  Die taz stellt sich in dieser Geburtstagsausgabe auch eine der zentralen Fragen: ob das Konzept "Gegen-Öffentlichkeit" heute noch sinnvoll sei.
Denn im Vergleich zum Start-Zeitpunkt, als sich eine noch in Diktaturen sozialisierte Generation und eine in überkommene autoritäre Strukturen denkenden Kaste an der Macht befand, und eine demensprechend bleierne Stimmung herrschte, brachten die 80er und 90er eine Durchlässigkeit der Gesellschaft, die immer mehr bereit wurde, auch die Ränder zu integrieren.

Wobei, so wird die entsprechende Wissenschaft zitiert, Gegenöffentlichkeit und Subkultur mittlerweile mithelfen würden, die Herrschaftssysteme zu stabilsieren.
Und zwar schon allein weil der kritsche Dialog, sogar der manchmal aufkeimende Diskurs, zwar gehört wird, aber kaum Einfluss auf Richtungsentscheidungen habe (sondern maximal im korrektiven Bereich) und damit im Prozess der Ablenkung und Massen-Beruhigung nur eine vorgeskriptete Rolle spielt.

 
 
Gegen-Kultur
 
Wirklich "Gegen" an der Gegen-Öffentlichkeit kann in einer derart eng verwobenen Gesellschaft also kaum noch etwas sein. Zudem hat sich mittlerweile auch die Gewissheit eingestellt, dass nichts Geschriebenes und niemand der schreibt mit absoluter Gewissheit wert- oder motivfrei ist/handelt. Gerade durch das Info-haltige Netz-Rauschen der Blogs und verwandten Bereiche ist auch jede Ideologie entideologisiert oder instrumentierbar. Denn die "Jeder Empfänger auch ein Sender"-These altlinker Prägung hätte sich theoretisch zwar erfüllt, ist aber in der Praxis aber wertlos, weil es eben nicht auf den reinen Zugang zu Medium an sich ankommt, sondern auf den Willen zur Gestaltung.

Mir fällt bei all dem "Gegen" der Begriff der Gegen-Kultur, der Counter-Culture ein, der noch Mitte der 90er gleichwertig neben Sub-Kultur und Popkultur stand, der aber dann (als Begriff) verlorenging, weil er der Eingliederung in die gesellschaftlichen Strukturen (und das ist es letztlich ja, was die die den Marsch durch die Institutionen auf sich nahmen, bewirken wollten) ein wenig im Weg stand.

 
 
  Die einfacheren Gemüter unter denen, die mithelfen würden, sollten sich nicht schon durch den Begriff angegriffen fühlen. Mit einer Sub-Kultur, also etwas, was von unten nachkommt und nachdrängt, hatte kaum jemand ein solches Verängstigungs-Problem.

Und in dem Maße, wie sich die Formen und Denkweisen der Counter/Sub/Pop/Jugend-Kultur in Richtung Definitionsmacht in der Mitte der Gesellschaft bewegten, desto mehr blieben die "Gegen"-Begriffe außen vor.

Ich erinnere mich z.B. noch gut daran, dass wir in einem letzten Korrektur-Durchlauf im Oktober 94 im FM4-Basis-Kozept die Erwähnungen der Gegenkultur durch die anderen angesprochenen Begriffe ersetzten.

 
 
Face-to-Face
 
Am Ende der kleinen Geschichte über den Sinn der Gegen-Öffentlichkeit kommt taz-Autor Matthias Lohre zu einer duchaus verblüffenden Erkenntnis: das was derzeit, sowohl in den klassischeren Frontal-Medien als auch in den Logs fehlt und abgeht, ist die tatsächliche Interaktion.
Denn die ist - Web 2 oder 3.0 hin oder her - bereits rituell erstarrt, bietet dicken Meinungs-Wust und posenhaften Abtausch, dem durch das Fehlen von Empathie die Qualität des Face-to-Face-Moments abgeht.

Damit, meint Lohre, wäre man ironischerweise wieder genau dort, wo die Ursprünge der Forderungen nach der Gegen-Öffentlichkeit und der Gegen-Kultur gelegen waren: bei dem, was man in der 60ern Sit-Ins nannte, der verworrenen Info-Weitergabe durch Reden.
Miteinander reden also, den Austausch von Argumenten ohne Zwang innerhalb einer gewissen Zeit zu einem Ergebnis kommen zu müssen, also ohne den von zuviel Privat-TV-Denke verblödeten Spiel-Charakter dieser allzu menschlichen Grund-Bedürfnisse.

 
 
  Ich war deshalb so überrascht, weil ich derzeit in einem doch etwas anderen Zusammenhang, bei einer Medien-Konzeption, ganz ohne Theorie, sondern rein praktisch zu einem letztlich ganz ähnlichen Schluss gekommen bin. Dass die Veranschaulichung von versagenden Systemen wie dem revolutinärem Gestus von Popkultur schön und gut ist, aber ebensowenig bringt, wie die vorhin beschriebene Ablenkungs-Kultur des kritischen Dialogs und dass drübergestülpte Spiel-Muster, Posen- und Ritual-Schmähs auch genau gar nichts bringen.

Die scheinbare Vielstimmigkeit der Mediengesellschaft, der ergebnislose Abtausch von Haltungen, das Versteckspiel hinter Text-Maschinen, also all das, wo die Empathie außen vor bleibt, sind reine Papiertiger.
Aber: keine Sorge, wie genau eine neue und medial sinnvoll verbreitbare Face-to-Face-Idee aussehen sollte, weiß ich eh auch noch nicht.

 
 
 
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