Noch vor Jahresfrist, also zu Beginn der Draußen-Zeit, die seit einigen Wochen gar eilig übers Land gekommen ist, prägten Exemplare von Gattungen das Stadtbild (oder zumindest das der Mariahilferstraßen-Gegend), die seither wohl ausgestorben oder plötzlich unsichtbar geworden sind. Die Hütchenspieler oder die Spendensammler-Bullies. Die sind weg.
Sie haben einzig ihre Verwandten vom Tierschutz hier gelassen, die sich eifrig vor Geschäften platzieren, in denen man Tierhäute, vor allem Pelze, verkauft und dagegen protestieren.
Nun kann man diese Gattungen nicht unmittelbar vergleichen.
Die Hütchenspieler mit ihrem öffentlichen Schmieren-Theater, in dem sie trotzdem eindrücklich genug ihr Recht auf Deppensteuer einforderten, die versuchten, ihr Publikum durch Manipulations-Kunst in ihren Kreis zu ziehen ...
Und die Unterschriften-Jäger von dubiosen Zwischenhändlern der Gutmenschlichkeit, die dann ein paar Prozenterln für den guten Zweck ablieferten, die eine Meisterschaft darin etwickelten, sich gleich einem Raubfisch die schwachen (also leicht anzusprechenden und weichehrzigen) Mitglieder des Passanten-Schwarms, der ihnen entgegenströmte, rauszupicken ...
Beides also aggressives (und im Kern bösartiges) Anspielen eines Publikums.
Das ist den Tierschutz-Protestlern fremd.
Die stehen ein wenig Wachturm-mäßig herum, stocksteif und erzählen via Lautsprecher ein paar Infos, die man schon alle deswegen überhört, weil die Gleichmäßigkeit der Intonierung diesen Soundbrei im Straßengeräusch untergehen läßt.
Sie haben also eher eine Wandzeitungs-Funktion. Und das ist im Verglech zu den unangenehmen Knallchargen der Vorjahre, um die man manchmal einen Slalom laufen musste, sehr angenehm.
Auch wenn von ihrer Botschaft dann eben nichts durchdringt oder hängenbleibt. Außer dem, was man eh schon weiß: Pelze sind eher böse, Tier-Ausbeutung jeglicher Art auch, Transport- und Haltungs-Verbrechen gibt es und man sollte da was tun oder das zumindest nicht befördern.
Der durchschnittliche Mäßig-Fleischfresser (wie ich einer bin) denkt da kurz dran, checkt seinen Konsum der letzten Wochen, stellt fest, dass man mit Fisch und Geflügel Vorlieb genommen hat, nur einmal eine Wurst am Stand als Rettungsanker aufnehmen musste, nickt das ab und denkt dann nach drei Sekunden wieder an was anderes.
Und wenn ich nicht unlängst was gelesen hätte, würde ich dann hier über dieses andere schreiben; aber: Achtung! Selbst diese letze deppensichere Bastion bröselt. Selbst die Eindeutigkeit der Anständigkeit von Tierschutz an sich ist nicht mehr gegeben.
Denn:
in Deutschland wird die Tierschutz/Tierrecht-Szene zunehmend von Rechtsradikalen, oder offener gesagt; der Neonazi-Szene unterwandert.
Die dringen über zwei wunde Punkte in die Szene ein.
Zum einen ist die vegane Lebensweise mit ihrer Anfälligkeit für Bodenständigkeit mit dem "Nationalen Sozialimus" ganz gut kompatibel. Und zum zweiten sind Tierfreunde ja erschreckend oft (ich hab diese Erfahrung sicher einmal zu oft gemacht) keine Menschenfreunde.
Im Gegenteil: manch tierschützerischer Fanatismus speist sich aus Angst vor oder gar Hass auf Menschen. Insofern ist die von den Neonazi-Tierschutz-Gruppen (von denen die Jungle World jüngst in einer hübschen Reportage erzählt) Problematik von gleichzeitigem Rassismus und dem Belang der Tiere kein gröberes Problem.
Was dort gut ankommt sind die vom Tierschutz auch sicherlich einmal zu oft unbedacht gezogenen Holocaust-Beispiele - je frecher die Einmaligkeit der Shoah entwertet wird, desto besser ist das fürs Neonazi-Selbstverständnis.
Hinter mancher "AG Tierrechte"
verbirgt sich also eine Neonazi-Gruppe, der es nicht allzu schwer gemacht wird, in diesem Terrain von Unbedarftheit, purer Emotionalität und sinnloser Gleichsetzung von Mensch und Tier zu fischen.
Im übrigen war der Führer ja bekanntlich Vegetarier, wollte seine Waffen-SS diesbezüglich umpolen und hat ja nicht nur tolle Autobahnen gebaut, sondern auch "viele Gesetze zum Schutz der Tierwelt" erlassen.
Und der alte Feind, der "Schächter", sorgt dafür, dass auch der Antisemitimus hier nicht zu kurz kommt. So läßt sich dann im scheinbar harmlosen Magazin "Fallen Rain" das wertfreie Portrait einer Gruppe "Nationale Sozialisten für Umwelt- und Naturschutz" nachlesen (weiterführende Info dazu in diesem Artikel der Tierbefreiung).
Es gibt also genau gar nichts mehr, was nicht von Kapitalismus, Ausbeutungs-Industrie, Neonazis und all den anderen Feindbildern, gegen die die Jugendkulturen der Postmoderne aufgetreten sind, unterwandert und instrumentalisiert werden kann.
Nicht ganz Neues, ja. Aber alle, die immer noch glauben, dass es so etwas wie uneinnehmbare Rückzugs-Zonen geben kann, wo ein simpler Zugehörigkeits-Code genügt um 100% sicherzugehen, dass alle Teilnehmer zur guten Seite gehören: vergesst es. Es wäre eine wichtge Lektion auf dem Weg in ein zielführendes Erwachsenwerden.