Vor ein paar Wochen beim Zeitschriften-Entrümpeln sind mir auch ein paar alte "Konkret" aus den 80ern untergekommen und ich habe lange überlegt, ob ich sie mitnehmen oder wegwerfen soll.
Das hat damit zu tun, dass dieses Zentral-Organ der deutschen Linken in den 80ern zwar näher am linken Mainstream dran war als heute, mir in der teilweisen Widerwärtigkeit der Argumentationen und Haltungen aber in der Rückschau wenig Unterschiede auffielen.
Natürlich schoben sich immer wieder auffallend pfiffige Ansätze und respektlose Thesen zwischen die schon peinlich paläo-sozialistischen Schrumpfkopf-Ausführungen, den wasnichtseindarf-Bunkerkommunismus samt DDR-Verherrlichung, immerfhin genug um die Hefte dann nicht zu entsorgen.
Trotzdem ist es genau diese leicht degoutante Grundhaltung, die es mir heute noch schwer macht, das immer noch existierende Konkret zu lesen.
Wobei die bundesdeutsche Selbstreflexion allerdings ihrer kleinen österreichischen Schwester immer noch einen großen Schritt voraus ist: hierzulande wird wohl nicht einmal die komplette Auslöschung des KSV bei den jüngsten ÖH-Wahlen und die drastische Marginalisierung des rebellisch-steirischen Realo-Ansätzes etwas in der Denke der diesbezüglichen Zentralen ändern, die (um beim Bild und Begriff Paläö-Kommunismus zu bleiben) wohl in der Enge der Höhle die letzte Zuflucht suchen werden.
Das diesmonatige Konkret
hat an diesem verlängerten Wochenende allerdings mit einer kleinen Unterschlagzeile meine Aufmerksamkeit erregt: "TV-Casting, Schule der Untertanen" steht da das, was da behandelt wird, führt das, was mich zuletzt hier am Freitag und dann hier am Samstag mitbeschäftigt hat, weiter: warum nämlich das scheinbar eh ganz harmlose und lässige Mittun und Sich-Ergötzen an aktuellen zynischen Casting-Shows einfach das Allerletzte, und auch politisch saugefährlich ist.
Deswegen jetzt in der Folge ein paar verknüpfte Gedanken dazu, aus der Geschichte "Offener Vollzug" von Carsten Ziorn, der dieses und anderes im Sommer auch als Buch (Das Populäre der Gesellschaft, VS Verlag) veröffentlichen wird.
Carsten Zorn
(was für ein schöner biblischer Name in diesem Zusammenhang) zitiert Walter Benjamin, der den Kapitalismus als Religion, als extremste Kultreligion aller Zeiten, begreift.
Und auch als perfideste.
Denn nie, zu keiner Zeit, äußert sich die Kult-Religion Kapitalismus dazu, was ein erlösungssicheres Verhalten wäre, steht damit moralisch also weit unter jeglicher Lügen-Sekte.
Es bleibt nur, sagt Zorn, "die magische Empfehlung und Forderung, sich ununterbrochen zu bemühen."
Mittlerweile hat die weltumspannende Pop- und Massenkultur diesen Blödsinn salonfähig gemacht und selbst für Intellektuelle widerspruchsfrei etabliert.
Und die Castingshow ist dabei die reinste Form dieser Untertanen-Maschinerie.
In der Casting-Show muss der Kandidat stets und glaubhaft versichern, dass er/sie alles tun würde um "es" zu schaffen (den Job zu bekommen, whatever das Ziel eben wäre) und - im Negativ-Fall - das Urteil als existenziell anerkennen, ja sogar zeigen, dass sie dies keinesfalls entmutigen würde, weil ja die nächste Casting-Show schon ums Ecke lauert.
In Deutschland spricht man derzeit von einem Heer von zirka 100.000 jüngeren Menschen, die sich jederzeit jeglicher Casting-Show unterwerfen würden.
Es geht um extreme Opferbereitschaft, die natürlich nicht in einer Überpfüfung der Zweckmäßigkeit der Opfergaben münden, sondern in der Forderung nach Steiergung.
Das bringt die aktuelle Unternehmens-Situation elegant auf den Punkt. In einem solchen Umfeld sind Auslagerungen, Sozialabbau, Streikunterdrückungen, etc wie von Zauberhand zu rechtfertigen.
Castingshows
reflektieren den Raubtierkapitalismus mit seinen absurden Formen von willkürlichen Belohungs-, Competition- oder Auslese-Verfahren am direktesten.
In Zeiten der Massenarbeitslosigkeit ist das Spiel mit der Bewerbung automatisch problematisch, das zynische Spiel mit Jury-Abhängigkeiten und Zuschauer-Votings macht diese pathetische Seifenoper in der "technokratischen Verkürzung des Politischen im Neoliberalismus", "der Reduktion des Politischen auf reine Personal-Politik", mit der Schmäh-Grundlage von (unangereifbaren, weil diffus erstellten) Zahlen und Votings unangreifbar und stellt es als unausweichlich, als quasi gottgegeben, als kult-immanent hin.
Das gefällt nicht nur der Wirtschaft, das gefällt auch der Kultur-Industrie, die ihre Zuträger auch gerne aus einem Umfeld rekrutiert, in dem Untertanengeist früh geübt wird.
In diesem Prämien-System, das Vernaderung und Angepasstheit belohnt und damit unseren Voyeurismus geschickt bedient, wird es bald keine Frage nach der Rechtfertigung dieser "Auswahl"-Prozesse geben.
Und jeder, der sich am Götzen ergötzt unterstützt ihn nicht nur, sondern tanzt nach seinen Regeln.
Nicht, dass es nicht zweckmäßig
wäre, sich in die Jetzt-Kultur einzuklinken und sich all diese Dinge anzuschauen.
Wer sich allerdings NACH Big Brother I und NACH Starmania I, nachdem also auch der Dümmste verstanden hat, wie die Hasen laufen, immer noch freiwillig und mit einem gewissen Nachdruck über Themen wie ob jetzt Hanni oder Nanni nicht das schickere Model wäre, unterhält, bei dem steht ganz dick und fett "Opfer" auf der Stirn. Und nach einer gewissen Zeit ist es dann auch eintätowiert.
Denn, wer diese inhaltliche Kurzatmigkeit, die alle Vorgänge auf Personal-Entscheidungen reduziert, befördert anstatt systemische Denk-Vorräte anzulegen, wer seinen Glauben auf Votings, Quoten und andere fälschbare Zahlen stützt anstatt seine Dissidenz zu üben, der ist dem Kapitalismus-Kult so auf den Leim gegangen wie der von ihm verlachteste allerdümmste Casting-Show-Teilnehmer.