Ich verstehe ja nichts von Kunst.
Nein, das ist kokett. Sagen wir lieber: ich verstehe zu wenig von Kunst um sie bewerten zu können.
Aber ich verstehe eine Menge von Rezeptions-Verhalten und Kommunikations-Strukturen.
Und deshalb ist das, was derzeit anlässlich der documenta in Kassel diesbezüglich abläuft, natürlich mittendrin im Interessens-Focus.
Ich hab Sonntag nachts nebenbei (als wärs das Radio) ein Nachtstudio-Spezial des ZDF zur Geschichte der documenta laufen gehabt, mit Klaus Staeck, dem Provo-Klassiker, mit Wulf Herzogenrath, einem lustigen fusselbärtigen Ex-Kurator und dem ein wenig selbstgefälligem Aspekte-Redakteur Michael Stefanowski.
Letztlich waren ihr Thema die Irrtümer, die einem so über die Jahre unterliefen, die Zuspät- und Fehleinschätzungen, herrlich mit alten Berichten über diverseste documentas garniert, die alle zeitgenössischen Missverständnisse aufweisen, die es nur geben kann.
Da war bei Pop-Art von Comic Stripes (Streips) die Rede, da wurden Nitsch, Brus und Co mit Wörtern bedacht, die heute nur noch in der Kronenzeitung zu finden sind, da wurde um die Beginne der Video-Kunst herumlaviert, dass es eine Freude war.
Kunst könnte mehr.
Der Video-Block featurte im Übrigen den großartigen Pionier Richard Kriesche. Irgendetwas hat mich dazu getrieben herauszufinden, was der heute macht (auch weil er aus dem Kunstbetrieb rausgefallen ist und nicht wie Weibel und Co wiedergängert).
Kriesche ist heute Kulturreferent der steirischen Landesregierung. Und ich weiß nicht, ob ich das grandios oder furchtbar finden soll.
Am interessantesten, das fanden auch die von den alten Kamellen durchaus belustigten Teilnehmer, war die Diskrepanz der alten und der neuen Kunstberichterstattung.
Wo bei den documentas der 50er und 60er noch ausschließlich die Kunst selber präsentiert (und gar nicht so sehr erklärt, sondern einem nur nähergebracht) wurde, stand dann ab den 70ern plötzlich der Künstler im Zentrum.
Mir fiel da sofort dieser französische Fernseh-Kunstfilmer, den alle Welt so super findet (Namen vergessen) ein, der seine Philosophie darin sieht, praktisch ausschließlich den Künstler reden zu lassen, und sowas wie eine Reflektion völlig draußen zu lassen.
Will heißen: das ist seit den 70ern bis heute so.
Kunst könnte mehr.
Nun ist der durchschnittliche tolle Künstler (und das wird jedermann, der beide Welten kennt bestätigen) genausowenig per se interessant, wie der durchschnittliche tolle Filmmensch oder Musiker (Pop-Musiker, denn der klassische Musiker an sich ist da weit drunter).
Eigentlich, man darf das nicht laut sagen und alle Künstler-Interviewer flüstern sich das nur zu, sind Künstler-Interviews das am wenigsten interessante journalistische Mittel zur Verständnis-Erweiterung. Und nur deshalb toll, weil man da wen kennenlernen kann und vielleicht, wenn die Mikros abgeschaltet sind, dann was Wirkliches erfährt.
Wenn der Künstler nämlich ein toller Redner oder Erklärer wäre, dann wäre er ja ein Redner und Erklärer und Showman und käme ohne seine Kunst aus.
Die paar wenigen Ausnahmen (Meese und Co), die dann doch alles können, gelten sowieso als Jahrhundertalente und werden medial eh ausgebeutet bis sie bluten.
Das Künstler-Gespräch dient also zur Selbstdarstellung einer Szenerie, zur Verschleierung, zur Irreführung und ein wenig auch zur Rechtfertigung der vielen öffentlichen Ausgaben. Denn mit diesen oft gutklingenden Reden kann man den professionellen Polit-Spießer elegant wegbluffen.
So wie Kurator Buergel das heuer prototypisch vorführte, als der das Debakel um seinen spanischen Kochstar durch ein paar klug gesetzte Worte und die Umkehrung von Ansätzen plötzlich als gut geplante Absicht darzustellen verstand.
Kunst könnte mehr.
In Bereichen, die nicht gar so viel Rechtfertigungs-Blabla gebrauchen, weil sie nicht oder kaum öffentlich gefördert werden, ist diese Art des Decouvrierens nicht so gefordert, also passiert es auch weniger.
Um beim Film/Musik-Beispiel zu bleiben: hier wird (im Rezeptions-Bereich) wesentlich mehr und direkter ans Objekt rangegangen. Da kommt das Werk an sich unter die Lupe oder unter die rosa Brille, je nachdem.
Diese Scheren-Entwicklung hat nun dazu beigetragen, dass die aktuelle Kunst dort steht wo sie steht.
Sie hat nämlich echt keine Ahnung wo sie steht.
In Basel oder Miami werden (wie überall anders auch) seit Jahren Unmassen von aktueller Kunst verkauft und zwar nicht, weil man (bzw. der Käufer) sich sicher ist, dass man hier was richtiges/stimmiges/leiwandes erstanden hat, sondern quasi sicherheitshalber, auf Risiko. Im Bewusstsein, dass man in ein paar Jahren eventuell 80% als Schrott abschreiben (oder 50 Jahre bis zu seiner Wiederentdeckung warten) muss.
Und warum weiß mans nicht? Weil es die Kunst-Rezeption, die Kunst-Kritik auch nicht weiß. Und weil sie (mit wenigen Ausnahmen) auch nicht drum ringt es zu wissen, sondern sich mit Ausflüchten, Schmähs, Inszenierungen oder der Flucht ins Künstler-Gespräch zufriedengibt. Und maximal sowas wie börsianische Tipps abzugeben versteht.
Kunst könnte mehr.
Dadurch dass in diesem Bereich jeder immer recht hat, jeglicher Mix immer möglich ist, alle Bezugs-Systeme und alle Kanons immer richtig und genauso falsch sind, hat man sich - übereinstimmend - der Möglichkeit enthoben die Kunst um ihrer selbst Willen anzuschauen.
Für die einen, den zunehmen ekelerregend hysterischen Kunstmarkt, dient sie als Wertanlage und Image-Kapital, für die anderen, die Künstler, die zunehmend wieder in eine Auftrags-Kunst nach historischem Vorbild verfallen und das von ihnen profitierende Umfeld von Galeristen und Szene-Menschen, dient sie als purer Distinktions-Reflex. Die Frage nach Relevanz stellt sich deswegen kaum, weil man aufgehört hat die Kunst selber zu befragen, zu ertasten, sondern nur noch Werte und Kataloge besieht.
Die aktuelle Kunst ist genauso gut und genauso schlecht wie jede aktuelle Kunst zu jeder Zeit. Möglicherweise steht auch die aktuelle Kunst-Rezeption und -Reflexion gar nicht so schlecht da, wenn man sich da frühere Zeiten vor Augen führen würde.
Im Vergleich zu dem, was möglich wäre, ist das, was wir selber uns dieser Tage in diesem Bereich gefallen lassen, aber eindeutig zu wenig, zu dürftig, zu feige, zu versumpert und zu bequem.
Das wiederum sind die allerbesten Vorraussetzungen um irgendwann als Ornament zu verkommen.