In allen Medien-Redaktionen weltweit liegen sie bereit für den schnellen Zugriff, die Nachrufe auf die wichtigen Menschen, die, die deren Tod man für berichtenswert hält: Päpste, Präsidenten, Kanzler, Magnaten und Superstars.
Bei FM4 gibt es nur das sogenannte Trauer-Musik-Programm, das im Fall einer großen Katastrophe (Marke 9-11) zum Einsatz kommt, dann wenn sich also ein "normales" Musikprogramm nicht mehr ziemt.
Nachrufe hingegen haben wir nicht auf Lager - auch weil die für FM4 wichtigen Protagonisten eher nicht so sehr Gefahr laufen zu sterben, weil sie ja tendenziell jünger sind.
Im Fall von Georg Danzer, auch schon älter, aber mit 60 eigentlich noch keiner fürs Jenseits, war es erstmals so, dass wir sowas kurz überlegt haben, als klar wurde, dass die Krebs-Erkrankung übers Stadium der Unheilbarkeit hinausgegangen war und das Ende bevorstand. Sehr kurz nur.
Denn lieber hab ich nichts vorbereitet und muss dann schnell reagieren als das Gefühl zu haben, mit einem vorzeitig fertiggestellten Nachruf jemanden quasi ins Grab zu schreiben.
Denn das wär grausig. So als ob einem ein toter Danzer, einer mit dadurch, durch Deckel-Zuklappen abgeschlossenem Leben eh lieber wäre als ein lebendiger.
Danzer 2
Als FM4 vor eineinhalb Jahren den Replay-Abend initiierte, an dem junge österreichische Akteure (Anlass war das groß abgefeierte Gedenkjahr 2005) altvorderes coverten, war es - wenig überraschend - Georg Danzer, den die Akteure am häufigsten ins Auge fassten; ich erinnere mich noch wie er an diesem Abend im Gespräch mit Texta ein zentrales Thema war.
Schließlich nahmen sich Garish seiner "Weißen Pferde" an, auch eine sehr passende Koalition.
Anders als z.B. Andre Heller, der für seine letzte Doppel-CD vor vier Jahren die Jungen im Studio traf, war die Unterstützung von Danzer immer eine indirekte, leise.
Danzer redete im privaten Gespräch mit den Kollegen, den Medien, der Szene und auch den Mächtigen, die sich gerne mit ihm schmückten, immer die jungen Musiker stark, in erster Linie natürlich die, die ihm inhaltlich näherstanden, die Texte-Schmiede mit den Gitarren, aber auch heimischen HipHop und ganz anderes, elektronisches, womit er gar nichts zu tun hatte, dessen Relevanz aber an ihm, dem wachen Beobachter, nicht spurlos vorbeigegangen war.
Das ist, wenn man die oft selbstgefälligen, sehr oft selbstmitleidigen und leider auch ganz oft starr-konservativen Aktionen anderer Pop-Gründerväter betrachtet, nicht selbstverständlich.
Ganz im Gegenteil.
Danzer 3
Mein erster Danzer ist ein schmalmundiger auf Hochdeutsch singender Poet, der mir etwas vom Tätowierer und der Mondprinzessin erzählte, zu einem Zeitpunkt wo Tattoos etwa so exotisch waren wie heute das Festnetz. Das war 1974, und ich erfuhr in "Heute Nacht machen wir es gut" da einiges, was mir meine Eltern etwas weniger plastisch mit auf den Weg gegeben hatten.
Ein Jahr später, mit "Ollas Leiwand" war Georg Danzer dann der irgendwie vermisste Teil dieser seltsamen Lennon/McCartney-Partnerschaft mit Wolfgang Ambros (wobei sich nicht sagen lässt, wer da der Lennon wäre - das wechselte; manchmal waren es beide - die Wiener Moll-Seele eben).
Das hatte nichts mit einer gekünstelten Wendung vom Hochdeutschen hin zum Dialekt zu tun; Danzer hatte darin vielmehr seine wahre Sprache gefunden, wurde vom wenig wandelbaren Hoch-Poeten zum angreifbarsten Charakter, den die heimische Popmusik je hervorgebracht hatte, fast eins mit seinen Stücken und Charakteren.
Das Glück mit "Jö, schau!" auf diesem Album auch noch einen Hit zu haben, der ihm auf Jahrzehnte hin das Leben finanzierte, ermöglichte Danzer dann alle Freiheiten.
Die hat er genützt, um mir im Radio, auf Konzerten und Konzert-Mitschnitts-Platten Lieder vorzuspielen, die was mit meinem Leben als urbanes Bürschchen zu tun hatten, mit Unsicherheit und Überspiel-Posen, mit Sexual Politics und gemeinen Wahrheiten.
Danzer 4
Georg Danzer war auch der einzige, der mir einfällt, der sein Engagement mit seiner Arbeit verbinden konnte und wollte und dabei auf mehr als nur die ohnehin überzeugte schmale Core-Hörerschaft losging.
Er war sich nicht zu blöd bei allem, was gesellschaftspolitisch sinnhaft, kulturpolitisch relevant oder benefiztechnisch wichtig war, einen der Vorsänger zu machen, ohne sich durch kurzfristige Anfeindungen oder Querschläger kirre machen zu lassen.
Danzer war umweltbewegt, friedensbewegt, SOS-Mitmensch-Obmann und in jeder dieser Rollen glaubwürdig. Dabei half ihm etwas, was oft an ihm unterschätzt wurde: seine Eselsgeduld.
Denn genau in diesen Rollen muss man sich eine Menge redundanten Käse anhören, selber gebetsmühlenartig predigen und Mantras ohne Ende ablassen.
Danzer konnte das, mittels Augenaufschlag und immer aufs Neue, ohne dabei in Ironie zu verfallen.
Auch Danzers Lieder zum Thema (die Ballade über die Freiheit, das aktionistische "Aufstehn!" oder die glühende Vision vom Morgenrot) nehmen sich und die Sorgen der Welt und auch noch den Hörer ernst.
Und jemanden konkret ernstnehmen und konkret ernstgenommenwerden, das sind seltene Tugenden.
Danzer 5
Dass gestern, knapp nachdem Georg Danzer gestorben war und dass heute, knapp nachdem er eingeäschert und sein Tod öffentlich bekanntgegeben wurde, zweimal der ziemlich gleich große gewaltige und verwüstende 100 km/h-Sturm über Ost-Österreich hereinbrach, ist nur Zufall.
Zum Tod von Georg Danzer "Irgendwann im Leben läuft alles auf ein Ende, ein Ziel, eine Schlusslinie zu." - Walter Gröbchen zum Tod des Musikers.