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Wien | 18.8.2007 | 17:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW 33, Samstag.
 
 
 
 
Eine Frequency-Quartett-Nachlese ...
 
Es ist dann zwar so gewesen, dass ich am dritten Spieltag nach dem letzten Spiel dachte, dass ich es jetzt ganz lang nicht mehr sehen, geschweige denn damit hantieren möchte (weil man schon beginnt in BPMs, Credits und Love-Nennungen zu träumen) - aber: es war schon recht spaßig, unser kleines Schlag den Blumenau-Turnier im Quartett-Zelt direkt neben dem Autogramm-Zelt (1. Beatsteaks, 2. Juliette Lewis, nur 3. die Mediziner) durchzuziehen. So ein gehobener Unfug entzerrt den doch recht eintönigen Alltag eines Festivals ins hübsch Absurde.

Mit der Zeit (und bei den ganz Flotten war das nach dem ersten Spiel so, bei anderen dauerte es bis tief in den zweiten Spieltag) weiß man natürlich Bescheid über das Material mit dem man da arbeitet - und so bekommen Bands, Acts und Legenden in ihrem Quartett-Auftritt plötzlich eine ganz andere Wertigkeit.
So beginnt man den deutschen HipHop wegen der Vielzahl seiner Reimpaare zu lieben (mehr als US-Rap zumal), schätzt seine Bloc Party wegen der unschlagbaren Menge an Credits, busselt die Goldenen Zitronen für die Schnelligkeit ihrer Songs, und mag den Black Rebel Motorcycle Club wegen seiner zahlreichen Love-Nennungen.

 
 
Der Outkast-Karte,
  die in gleich drei Kategorien unschlagbar ist, erweist man mystische Verehrung, die Chili Peppers (einmal 1. einmal 2 einmal 3.) gelten als Geheimtipp, die Hamburger Schule ist ganz schön flott, die Alternative Rocker der alten Schule sind eben ganz schön alt, und die UK Dance-Truppe ganz schön lang.
Und meine Freunde von Interpol sind wegen ihrer BPM-Zahlen fast nicht zu schlagen.

Man hat aber natürlich auch Angst.
Angst davor, zuviele Britpopper zugeschanzt zu bekommen. Und natürlich Angst vor den Strokes, den Vines und vor allem Franz Ferdinand: die können in fast allen Kategorien gar nichts, man muss riskieren, könnte etwa bei FF die mittelmäßigen BPM nehmen, bei den Vines die mickrigen Gastmusiker oder den Strokes das bisschen Liebe und auf eine Schwachstelle beim Gegenüber hoffen. Wenn einem mit einer solchen Karte gar der letzte Stich gelingt (vielleicht noch im Finale...) dann...

Aber darum sollte es jetzt hier gar nicht gehen...

 
 
... und die Praxis der Definitions-Macht.
 
Die kleine Beobachtung hinter dem FM4-Stechquartett ist ja auch nur die, wie gern man sich auf fremde Regeln einlässt, wie schnell man sie verinnerlicht und wie rigoros man sie anwendet, zombie-mäßig.

Jedem Spieler war nach einer Runde klar, dass zwischen Outkast und Franz Ferdinand Welten lagen, die ihre Wertigkeit innerhalb des Spielrahmen entscheidend definieren würde. Und wir alle (Spieler) haben danach gelebt.
Nach einer völlig willkürlichen Kategorisierung, nach völlig absurden Kriterien.

Warum sind viele Gast-Performer besser als wenige? Wer alleine nichts zustande kriegt ist cooler, oder wie?
Warum soll es eine Qualität sein, Liebe durch dauerndes Gequatsche darüber abzutöten?
Ein schneller Song steht automatisch über einem langsamen? Ein langatmiges ausfransendes Album über einem knappen, tighten?
Ist eine Thank You/Credits-Liste, also pure Angeberei (nach der schnarch-MySpace-Methode), belohnenswert?
Je älter desto besser, hallo?
Und dann auch noch Reimzwang, wie 19. Jahrhundert ist das denn?

 
 
Ich nehme
  jetzt ein in sich rundes und unschuldiges Ding, ein reines und pures Spiel her, um anhand dieses Beispiels zu überspitzen: aber genau so werden Werte und allerhand anderes Zeug, das unser Leben prägt, auch unters Volk gebracht.
Irgendwie und irgendwo legt der kollektive Mittelwert etwas fest und dann halten sich alle brav dran, ohne da wirklich ernsthaft nachzufragen.

Im Fall des FM4-Quartetts ist es nur noch eine Frage von Tagen ehe Spielerchens sich drauf einigen werden, die Kritieren umzudrehen, und das wenige und langsame und kurze und neue das Viele, Schnelle, Alte und Lange schlagen zu lassen. Haben wir mit elf beim Flugzeug-Stechquartett auch gemacht, einfach aus Lust an der Renitenz und Umkehrung.

 
 
Nochmal:
  ich will hier ein Spiel, das um des Spielens Willen sich einen Karl macht - und auch entsprechend funktioniert - nicht irgendwohin reden; wo es mich doch genau diesbezüglich sensibilisiert hat.
Aber die Dynamik, die innerhalb von wenigen Stunden Franz Ferdinand oder die Strokes zu Parias gemacht hat oder Outkast zu Herrschern, die funktioniert im wirklichen Leben genauso.
Und ich bin mir nicht sicher, ob wir (Menschen) die Fähigkeit haben, ihr zu entkommen, wenn es hart auf hart geht.
Denn der, der den Parametern, die die "Anständigen" entwickelt haben, nicht entspricht, der, der deshalb laufend auf diese Daten hin reduziert wird, automatisch in eine defensive Opferrolle gedrängt wird, hat im Spiel keine Chance (und zwar weil's wurscht und lustig ist), ist aber wohl auch im richtigen Leben sehr schnell in genau derselben Ecke, in einer durchaus vergleichbaren Lage.

Die renitent-kindische Umkehrung der Werte, die die Faktenlage damit auf den Kopf stellt, würde also einem anderen, nennen wir es "alternativen" Weltbild von guten Menschen entsprechen. Die dann aber natürlich umgekehrt genauso ihre Feindbilder hätte (und hat) und sie auch ein wenig ungustiös behandelt.

 
 
Wichtiger also
  als der richtige Umgang mit Parametern, die einem vorgesetzt werden, scheint es zu sein, diese mehr als kritisch zu überprüfen.
Leider wird das, vor allem seit der Weltverschwörungs-Hysterie ab spätestens '01, mittlerweile auch nur noch instrumentalisierend eingesetzt, und entwertet sich so oft selbst, weil sie eben gar nichts mehr glaubt.

Der einzige Ausweg für den Einzelnen ist es also, selber in die Position zu kommen um in irgendeinem Bereich, der einem wichtig ist, Definitions-Macht auszuüben und die Parameter der Daten und Werte, die es dort ausmachen, zumindest zu kontrollieren oder mitzubestimmen.

Das wiederum erfordert die Fähigkeit, sich nicht immer nur auf ein großes Ganzes zu fixieren und durch die Gewissheit, dort nie direkt hinzugelangen, gleich zu kapitulieren (und in weiterer Folge als Hinterherschimpfer pickenzubleiben), sondern in konkrete Bereiche hineinzugehen und dort dafür zu sorgen, dass die Welt ein besserer Platz wird.

Das braucht ein wenig Kraft und Übersicht. Und den Willen Teil einer sozialen Gemeinschaft sein zu wollen. Eine zufällig gewürfelte Spiele-Gruppe kann da nur ein Anstoßgeber sein.

 
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