untertags, an einem U-Bahn-Perron mitten in der Stadt, ich im Gewühl auf dem Weg von A nach B, vorher bei der Rolltrepppe eh grade kurz wem begegnet, seh ich vor mir wieder ein "Kenn ich doch..."-Gesicht. Allerdings geht sie dann weiter, weil sie grad einen Anruf kriegt und ich lauf da nicht hinterher, wer war das noch, denk ich, sah aus wie die Kleinere von Luttenberger-Klug.
Wer sich jetzt fragt, wie man einen Mainstream-Popstars in der freien Wildbahn erkennen kann: Sie sind alle kleiner als angenommen (okay, bis auf Manson), aber im konkreten Fall saßen Luttenberger-Klug einen Tisch vor uns beim Amadeus. Und wir waren prompt drin im Spiel, dass wir es natürlich superer fanden, dass die, die bei uns sitzen, gewinnen, und nicht die andere Abteilung, die Stürmersche.
Andererseits: grad dieser Typus der Kleineren von L-K ist in der freien Wildbahn so extrem weitverbreitet (Frisur, Lidstrich, Styling) dass es auch nur ein x-beliebiges Imitat gewesen sein kann.
Egal.
Denn, wurscht ob Original oder Kopie, in mir kam allein durch diese Sichtung ein befremdliches Gefühl auf.
Das hat mit Sonntag zu tun.
Am Sonntag
hatten Luttenberger-Klug eine ganze Frühstück-mit-dem-Kurier-Seite, wo wieder einmal die gleiche alte Geschichte erzählt wurde: zwei junge steirische Mädls, Hit-Erfolg, Familienwerte, Privates etc.
Im Gegensatz zum ultraglatten Hochdeutsch-Produkt Christina Stürmer ist das Projekt L-K down to earth. Auch was Umfeld und Management betrifft (denn die waren natürlich auch am erwähnten Tisch). Alles sehr lieb, ein wenig unbedarft und natürlich sehr berechenbar, einem sehr simplen Ziel untergeordnet.
Dagegen ist per se nix zu sagen.
Und weil ich heute mit einer Freundin über ihre neunjährige Tochter gesprochen habe, das exakte Zielpublikum der Stürmer-Lutte-Klug-Schiene: Es ist allemal besser, diese Kids umgeben sich mit der unbedarften Welt dieser harmlosen Mädchen, als sie fallen auf wirklich üblen Dreck rein; es ist allemal besser sie hören Texte, die von Menschen wie Tobi von Monta und anderen Klasseleuten zum Zwecke des Broterwerbs geschrieben werden, als irgendeinen Boygroup-Schas.
So gesehen ist es auch ganz gut, dass Stürmer, Luttenberger und Klug selber keine Texte schreiben.
Die bösartige
Interpretation, dass diese Mädls letztlich auch nur in ausbeuterischer Absicht vorgeschobene Pop-Püppis sind, die nichts selber entscheiden dürfen, als Marionetten ihrer Managements fungieren und willfährige Sklavinnen eines schon ein wenig grauslichen Systems sind, diese Sicht ist auch zulässig. Ich hänge ihr weniger an.
Allerdings gab es in diesem Kurier-Frühstücks-Sonntags-Rührstück, in der das Medium die Rolle des Presseagenten einnimmt, auch eine Passage, die strunzdumm war und vor abgrundtiefer Doofheit nur so getropft hat. In einer Art Wordrap sagen die beiden zum Thema Sonntags-Lektüre folgendes:
Chrissi (das ist die Größere): Ich mag nicht lesen, Bücher, bäh!
Michelle (das ist die aus der U-Bahn oder auch nicht): Zeitung lese ich gern, keine Politik, nur Nachrichten. Bücher mag ich auch nicht.
Zitat Ende.
Es ist ja oft so, dass System-Sklaven das, was ihnen nicht zugestanden wird (im konkreten Fall wären das: eine eigene Meinung, eigene Kreativitätsleistungen abseits einer guten Stimme und guter Looks), abwerten, um besser damit leben zu können.
Sowas
verinnerlicht man auch schnell und glaubt schlussendlich wirklich daran. Ich will, weil ich ja gutmeinend bin, annehmen, dass es so ist.
Obwohl das Alter der Protagonistinnen ja dagegen spricht: Wer ab etwa 15 nur noch die Musik-"Karriere" im Kopf hat, der ist für andere Interessen ja gesperrt: kein Sport, nichts Lernen und bitte ja nicht denken.
Fatalerweise ist die Phase zwischen 16 und 18 die, in der der Mensch am meisten liest; die Phase in der festgesetzt wird, ob man sich für Welten, die über das Unbedarfte, das Berechenbare, das Heil-Familiäre, das sich einem System Unterwerfende hinausgeht, öffnet.
In diesem Fall hatten Chrissi und Michelle, Luttenberger und Klug keine Chance. Und ganz offensichtlich gibt es da im gesamten Umfeld auch niemanden, der ihnen da das Gefühl geben könnte, dass diese andere Welt, die neben dem gefallsüchtigen Bravsein, dem Repräsentieren für von anderen Vorgesetztes schon auch wichtig wäre.
Denn: bäh!
Und: Glücklich sein kann man mit Banalem natürlich genauso.
In Wien
gerät man hin und wieder in Situationen, die einen körperlich unangenehm berühren. Man hält sich an einem möglicherweise harmlosen Platz auf, oder besucht einen Ort, an dem man sich in Sicherheit vor bestimmten Menschen wähnt und ist dann doch mittendrin in einer Anhäufung von widerlich-Promis oder unerträglich-Politikern oder anderen Graus-Figuren mit Solariums-Bräune und festgezurrten Fratzen.
Das sind Begebenheiten, nach denen man das Gefühl hat, sich jetzt sicherheitshalber duschen zu müssen, damit nicht der Schleim, den diese Figuren aussenden, an einem pickenbleibt.
Ein bisserl was davon hab ich dann in der U-Bahn verspürt: nichts bösartiges, keinen Schleim, aber diesen Odem der Unbedarftheit, diesen treuherzigen Blick des ganz und gar Unklugen.
Es ist so wie bei einem Rausch, der Gehirnzellen zerstört: Man hat Angst, dass es ansteckend sein könnte, dass man durch die räumliche Nähe verdumpfen könnte.
Ich bin dann raus aus der U-Bahn und es hat mich ganz von selbst in ein Haus getrieben, in dem ich sofort ein Antidot besorgen konnte, dass mich von diesem "bäh!"-Geblöke, das mich assoziativ befallen hatte, befreien konnte.
Derart
kurzentschlossen und so schnell hab ich noch nie zu einem, nein, drei neuen Büchern gegriffen, noch dazu zu Büchern von österreichischen Autoren, die allesamt weder das Kunstdeutsch der Stürmer noch das Hoamatl-Idyll von L&K, sondern eine Sprache abseits der betulichen Berechenbarkeit sprechen.
Eine Sprache, die Sklaven vorenthalten bleibt.
Bäh!