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Wien | 6.9.2007 | 17:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW 36, Donnerstag.
  Ein paar Details zum aktuell behandelten RAF-Komplex.
 
 
 
Derzeit
  wird der deutsche Herbst, die Zeit vor genau 30 Jahren, intensiv aufgearbeitet, als der von Stadtguerrilla-Anfängen längst ins komplett Irrsinnige mutierte Terror der RAF auf eine noch allzusehr in autoritären Gehabe festhaltende Staatsmacht traf, und man sich so in einer Eskalationsspirale sondergleichen gegenseitig hochhysterisierte. Dagegen sind die hier beschriebenen britischen Vorfälle fast ein wenig harmlos. Die Geschichte der sogenannten Inneren Sicherheit ist bis heute durch diese Vorfälle geprägt und schwer belastet.

Die aktuelle Aufarbeitung stellt einen neuen Aspekt in den Vordergrund: man beschäftigt sich erstmals mit den Opfern, den Menschen, die bei den Anschlägen getötet wurden. Das hat zum einen mit ein paar entsprechenden Buch-Veröffentlichungen der Kinder dieser Opfer zu tun, und ist andererseits auch unabdingbar um - zumindest historisch - the whole picture klarer zu sehen.
(In diesem Zusammenhang ist immer noch Stefan Austs Der Baader-Meinhof-Komplex die beste Ausgangs-Lektüre).

 
 
Diese
  neue Sichtweise wird auch durch etwas recht simples befördert: die Nachkommen derer, die damals ausgewählte Zielscheiben für abstruse allgemeine Ziele waren, stellen ganz konkrete Fragen nach dem Warum; und die Verantwortlichen, die letzten Mitglieder der 2. und 3. Generation der RAF können das nicht einmal ansatzweise beantworten und müssen in banales und auf peinliche Art überkommenes Agit-Gewäsch flüchten, das - angesichts einer Welt, die sich im Gegensatz zu ihnen 30 Jahre weiterentwickelt hat - genau gar keine Relevanz mehr hat.

Wer zuletzt die ungustiösen Auftritte von argumentativ hilflosen Narren wie den Palmers-Entführern gesehen hat, wer die Aussagen von Ex-Terroristen rund um die Begnadigungs-Diskussion um Christian Klar verfolgt hat, der wird das sich windende Ausweichen dieser zentralen Warum-Frage deutlich mitbekommen haben.
Den RAF-Mitgliedern und Symphatisanten fehlt der Mut sich zu einem kompletten und fatalen Denk-Irrtum zu bekennen. Damit sind sie mit allen anderen historischen Figuren des Grauens, die ihre Irrlehre mit ins Grab nehmen mussten, weil sie nicht über diesen Schatten springen konnten, vereint.
 
 
 
Die
  Klars und Pitsches dieser Welt stellen sich also selber als jammervolle Figuren dar und setzen damit auch die Nachgeborenen, die so gerne lässige Rebellen der Marke Baader wären, bedenkenlose (und ideologielose) Führer mit Bonnie & Clyde-Sex-Appeal, zutiefst ins Unrecht.
All die Weingartners, die in ihren kindlichen Film-Fantasien Terror-Methoden der RAF oder Manson-Family in einer Rebellions-Chic-Wundertüte vermengen und den ganz Jungen als machbaren Weg verkaufen, sehen im Licht der letzten Monate recht alt aus.

Die Opfer-Diskussion dreht sich aktuell gerade um einen moralischen Punkt: warum hat die RAF gerade unsere Väter ausgesucht, fragen die Nachkommen.
In manchen Fällen ist es klar.
Jürgen Ponto, Chef der Dresdner Bank, wurde ausgesucht, weil man Zugang hatte. RAF-Mitglied Susanne Albrecht kannte die Familie (denn die RAFler kamen großteils aus dem Bürgertum, die allerwenigsten hatten den proletarischen Background, den sie vermitteln wollten), simple as that.
Peter Lorenz stand direkt vor einer Wahl - da war Top-Aufmerksamkeit garantiert. Siegfried Buback war Generalbundesanwalt, also der direkte Gegner.

 
 
Warum
  Chauffeure, Wachleute, Botschaftsangehörige, Lufthansa-Passagiere und ein kleiner US-Soldat attackiert wurden - dafür gibt es nicht einmal einen Anlass (von einer Rechtfertigung gar nicht erst zu reden); das ist blanker Terror um des Terrors willen, Mord um des Mordens willen.

Man merkt vielleicht: mir graust ein wenig sehr vor dieser Hernagehensweise, nämlich einer Ideologie (und da ist gar nicht so wichtig, ob die jetzt stark und sinnvoll oder so nebulos und schwach war wie die der RAF) alles unterzuordnen, wahllos zu töten. Dieser primitive Fundamentalismus, der mit der Auslöschung der eigenen Persönlichkeit Hand in Hand geht, ist ebenso widerlich wie das Morden und Schlachten im Namen von Religion oder im Namen eines Raubtier-Kapitalismus.

Da können der RAF auch die Einzelfälle von ihnen zugeschriebenen Taten, die sie womöglich gar nicht begangen haben, nicht raushelfen: Entmenschlichung bleibt Entmenschlichung.
 
 
 
Natürlich
  (und leider) gibt es kaum eine Debatte, die nicht von ein paar Bandwagopn-Surfern benützt werden um plumpe Instrumentaloisierung zu betreiben.
Und das passiert aktuell gerade im zentralen Fall von Hanns-Martin Schleyer.
Schleyer, Arbeitgeber-Präsident, wurde entführt um die RAF-Heroes aus Stammheim freizupressen, dann kam die Landshut-Entführung dazu, Eskalation de luxe, die mit der Erstürmung in Mogadishu, den Selbstmorden von Baader, Ensslin und Raspe sowie der Ermordung Schleyers endeten.

Und rings um die neue Opfer-Optik wird nun versucht, uns diesen Schleyer neu zu verkaufen.

Hanns Martin Schleyer wurde von der RAF wohl auch eher zufällig als Opfer ausgesucht, er war in erster Linie als Funktionsträger dran. Bei ihm kam aber noch etwas dazu: Schleyer war hochrangiger Nazi, der nach kaum erfolgter Strafe und niemals öffentlich abgeführter Buße oder Entschuldigung recht flott wieder ins Big Business zurückkehrte. Als wäre nichts geschehen, als hätte es zwischen 1940 und 1960 keinen Unterschied gegeben.
Schleyer war eine Symbol-Figur der unaufgearbeiteten Nazi-Vergangenheit einer ganzen Leader-Generation: Politiker, Wirtschaftsführer, Richter, Beamte - allesamt großteils hektisch weißgewaschene Ex-Nazis.

 hans brenner als schleyer, in einer dokudrama-verfilmung
 
 
Dagegen
  richtete sich der 67/68er-Protest des Studenten in allererster Linie. Es ging immer darum, die Väter-Generation mit den Verbrechen zu konfrontieren, die sie begangen hatte und endlich eine Debatte einzufordern, einen seriösen Dialog. Der hatte bis dahin nicht stattgefunden. Deutschland verbrachte - ebenso wie Österreich - die 40er und 50er in einem nie endenwollenden Heimatfilm-Rühmann (bzw HansMoser)-Komödienstadl, in dem alles happypepi war, weil niemand an eine Aufarbeitung zu denken wagte.
Da sowas rein psychologisch nicht funktionieren KANN, expoldierte die Situation irgendwann.

Die Reaktion der (schuldigen) Staats- und Wirtschaftsmacht auf die Anwürfe ihrer Kinder war hysterisch und in der weiteren Verleugnung der Verbrechen katastrophal. Auch das wirkt bis heute nach.

In diesem Zusammenhang war Schleyer eine (wahrscheinlich zufällige) Symbolfigur für diesen Konflikt.
 
 
 
Schleyer
  war ein Nazi reinsten Wassers. Er flog Mitte der 30er bei den ohnehin schon rechtsradikalen Studentencorps raus, weil er für damalige Zeiten absurde antisemitische Politik betrieb (die später, zu Zeiten der Endlösung, Normalität im Dritten Reich wurde).
Sein Mentor, der Reichsstudentenführer Gustav Adolf Scheel nahm ihn nach seinem Studium in die Gebiete mit, die angeschlossen wurden, zuerst Österreich, dann Böhmen/Mähren. Scheel (mittlerweile Gauleiter und SS-Brigadeführer) hatte direkt mit der Errichtung von KZs und Deportationen zu tun, auch seine unrühmliche Rolle im Fall der weißen Rose ist aktenkundig.
Schleyer kümmerte sich in Prag vorrangig um die "Arisierung" der böhmischen Industrie.

Wenig erstaunlich wurde Schleyer 1948 (wie zigtausende andere Schreibtisch-Verbrecher) als Mitläufer eingestuft und stieg bei Daimler-Benz rasch auf.

Irgendwann im Laufe der damals hysterischen Diskussion kam das Gerücht auf, dass Schleyer der pesönliche Assistent des Schlächters von Prag, Reinhard Heydrich, gewesen wäre.

 schleyer-entfühung, nachgestellt.
 
 
Im
  neuen Licht der aktuellen Opfer-Diskussion nützen nun ein paar Reinwascher und Geschichts-Fälscher diese Meldung für ein perfides Manöver: die Tatsache, dass Schleyer fälschlich als Heydrich-Assi bezeichnet würde, bedeute, so insinuiert man, dass er gleich komplett unschuldig gewesen wäre.
Dazu ein paar rührende Original-Töne seines Sohnes, der zwar von einem Mann sprach, der nicht aus sich herauszugehen verstand und keine emotionalen Qualitäten besaß, aber gern viel diskutierte.

Nun, Fakt ist und bleibt: Schleyer war ein durchaus hochrangiger Nazi, einer der früh dabei war, einer der früh den Holocaust befeuerte, einer der wirtschaftliche Raubzüge plante, ein Kriegs-Verbrecher vom Schreibtisch aus.

Sein Mentor Scheel wurde vom Hitler noch im April 45, als nur noch die Teutonentreuen zum Führer standen, zum Minister ernannt. Scheel wurde als hauptschuldig eingstuft, kam aber (welch Überraschung) 1948 frei.
Der Nazi-Ideologie hat er nie abgeschworen, im Gegenteil, er war am Aufbau einer Nachfolge-Organisation tätig. Und bis zu seinem Tod im April 1977 stand es mit einem seiner Schüler im engen Kontakt: Hanns-Martin Schleyer.
 
 
 
Die
  Versuche im Windschatten einer notwendigen RAF-Opfer-Debatte alle Betroffenen pauschal weißzuwaschen (wie es derzeit in aktuellen Dokus im deutschen TV versucht wird) waren vorhersehbar und sind deshalb auch ein wenig peinlich.

Niemand hat das Recht, einen alten Nazi, der aus seinem Leben nichts gelernt hat und seine Ideologie der Repression in der Nachkriegszeit so fortgesetzt hat, als wäre das Dritte Reich noch an der Macht, zu entführen und ermorden.
Niemand hat das Recht, denselben alten Nazi posthum zu einem Martyrer für sonstwas zu machen.

Wir alle haben das Recht auf eine offene und öffentliche Debatte. Wenn sie in den Spät-40ern und 50ern stattgefunden hätte, hierzulande und in Deutschland, wäre uns der Aufschwung des sogenannten Dritten Lagers erspart geblieben, Deutschland die RAF, die bleierne Zeit, und uns allen der Anti-Intellektualismus, der sich aus der nie ausgelöschten Blockwart-Mentalität speist.
 
 
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