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Wien | 7.9.2007 | 23:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
EM-Journal '08. Vierundsiebzigster Eintrag.
  Zdeppert zum Wurschtsemmelholn.
 
 
 
Martin Hiden ist klinisch tot.
  Bei Rapid hat man ihn abgesägt, im Team wird ihm die Bürde des Kapitäns aufgehalst. In der Pause stammelt Martin Hiden etwas davon, dass "die vorne net laufen" und dann ja alles sinnlos wäre.
Einige heißen ihn noch während des Spiels einen "Abwehrchef", dabei muss ihm sein 20-jähriger Nebenmann Prödl meistens anzeigen, zu wem er jetzt am besten zu passen habe. Wenn Hiden überhaupt dazu kommt zu passen; Ball erobern und Ball danach zum Aufbau weitergeben, das schafft er in diesem Spiel vielleicht zweimal.
Am Ende des Spiels ist Martin Hiden grauhaarig wie nie zuvor. Er ist nicht mehr bei sich, er ist eine leere, ausgepumpte, fertige Hülle.

Treffender als Martin Hidens körperlicher und geistiger Zustand während dieses Spiels gegen Japan kann man die Lage des Nationalteams nicht auf den Punkt bringen.

 
 
Dieses Spiel
  fühlte sich an wie ein fader Nachmittag in der Autowerkstätte. Der Meister ist weg und den Gesellen ist fad, also schikanieren sie die wehrlosen Lehrlinge und schicken sie Wurstsemmeln holen. Allerdings verlangen sie Semmerln mit Wurstsorten, die es nicht gibt und ergötzen sich an der Hilflosigkeit der depperten Lehrbuam, die diesen primitiven Trick nicht durchschauen und angstvoll trottelig hinterherzappeln.

Genau so war dieses Spiel für das österreichische Team: Lehrlinge, zdeppert zum Wurschtsemmelholn.

 
 
Die japanische
  Nationalmannschaft, ein Team ohne Stürmer, aber mit einer ballsicheren Abwehr und einem kraftvollen Mittelfeld, hatte in diesem Spiel 65% Ballbesitz. TV-Kommentator König nannte das völlig zurecht eine sportliche Bankrotterklärung.
Hat man die Tatsache, dass der letzte Gegner, die Tschechen, eine Klasse besser waren, noch hingenommen, darf man die Tatsache, dass ein technisch deutlich besseres Team allein aufgrund dieses Vorteils das Heimteam derart demütigt, nicht mit einem Achselzucken akzeptieren.

Die Ballsicherheit, die Passgenauigkeit, die läuferische Leistung und die deutliche konditionelle Überlegenheit der Japaner, all diese heute so deutlich zutragetretenden Features, sind nicht gottgegeben, sondern auf die schlechte Vorbereitung und verheerende Fehler eines inferioren Gegners zurückzuführen.

 
 
In der Zentrale,
  dort wo die Spiele entschieden werden, hatten die Japaner immer einen oder zwei ihrer offensiven Wirbler, und dahinter einen 6er (Inamoto), der das Spiel im Überblick hatte.

Die Österreicher hatten in der Zentrale keinen Mörz, denn der gurkte als Hilfsstürmer herum, meist auf den Flanken, und dahinter mit Aufhauser das Zerrbild eines Champions League-Verlierers, ein Mann, der nicht laufen, nicht passen, nicht zweikämpfen, nicht köpfeln, also exakt genau gar nichts konnte. Total verheerend ist zu milde für das, was Aufhauser uns da aufhalste.
Neben ihm war Jürgen Säumel wie gelähmt, als ob er - wie noch vor einigen Monaten - mitten in der Reha wäre: nix laufen, fehlpassen, ein Spiegelbild seines Partners.

Dass Standfest wieder so war wie immer, dass seine tolle Leistung gegen die Tschechen einfach nur ein Irrtum war, dass er, der Standfest wie auch sonst immer als leibhaftiger Werbinich-und-Warumstehichjetztda? herumirrte, ist bitter, aber nicht tragisch. Man kann den Ausreißer nach oben jetzt wieder einordnen.
Dazu kommt noch ein Leitgeb, der die Rolle der beleidigten Leberwurst, die er zuletzt für die Öffentlichkeit mimen musste, auch aufs Feld mitnahm.

 
 
Den armen
  Menschen, die neben und hinter dem grauen kaputten Hiden spielen mussten, sollte man keinen Vorwurf machen. Helge Payer muss nicht fußballspielen können, er ist nur ein Keeper. Christian Fuchs muss nicht gut sein, er ist kein linker Verteidiger. Und Prödl hat eben keinen Madl neben sich, mit dem er blind spielen könnte, sondern muss als Zivildiener, als Pfleger seines Nebenmanns agieren.

Dass der Aufbau aus der Abwehr heraus schon selten funktionierte, liegt allerdings nur zu 70% daran, dass ihre Bälle zu 70% von der angesprochenen Zentrale vergogelt wurden - den Rest haben sie selber verbockt.

 
 
Dieselben
  Realitätsverweigerer, die vor dem Spiel einen lässigen Sieg vorausgesagt haben, waren nach dieser Horrorvorstellung der Wurschtsemmelversemmler immerhin bereit für ein wahres Wort: dass nämlich das Schneckentempo das in einer Bundesliga, die sich dafür und für andere Minderleistungen in grotesker Deprogrammierung der eigenen Relationen absurderweise gerne bauchpinselt, allemal reicht, international eine vertibale Lachnummer ist.
Deshalb: alle, die was aus sich machen wollen, schnell RAUS aus dieser Wurstsemmel-Liga. Flüchtet!

Dass eine Mannschaft, die so blöd ist, dass sie sich von einem Gegner ein Spiel aufzwingen lässt, das sie nicht durchstehen können (weil sie eben zu schwachbrüstig sind, für Herrn Pacult das bitte auf englisch übersetzen, damit ers beleidigt nicht verstehen kann, bitte!) nicht einmal nach einem deutlichen Halbzeithinweis auf diese Tatsachen imstande ist das zu ändern, spricht Bände.
Die Gesellenprüfung ist meilenweit entfernt.

 
 
Frage:
  Wir sind doch eh die Hinterletzten bei dieser EM. Muß man als Außenseiter mehr können als ein 0:0 erzwingen und dann zufällig per Elferschießen aufzusteigen?

Antwort: Im Prinzip ja.

Bloß: in der Gruppenphase gibts kein Elferschießen und drei Punkte werden nicht reichen für einen Aufstieg.
Zudem handelt es sich um eine Heim-EM und die verlangt von einem Gastgeber mehr als eine destruktive Misshandlung der Augen.

 
 
Der eine
  Trick, den das Team für das Tschechien-Spiel gelernt hatte und den es in den ersten fünf Minuten gegen Japan auch anwendete (schnell und seitlich nach vorn, mit einmal berühren und dann zack in die Mitte und auf einen Abstauber hoffen), dieser Trick hülfe ohnehin nur dann, wenn man ihn nicht nur kennt, sondern auch anwendet.

Aber, wie schon bei der Antwort oben: ein Trick allein wird nicht genügen. Wer heutzutage das Umschalten von Defensive auf Offensive nicht beherrscht, kann es vergessen. Und da - siehe Hiden, siehe die Mittelfeld-Zentrale - schauts ganz elend aus.

Bloß: wer keinmal aufs Tor schießt, kann auch nicht treffen.
Und: der Coach, dessen Team am Spielende 9 gelernte Defensive und nur zwei gelernte Offensive umfasst, der will das auch gar nicht.

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