Interessant wie wenig präsent das alljährliche 9-11-Brimborium heuer daherkommt; oder zumindest wirkt.
Zum einen hat es mit der fast zeitgleichen und wohl energischer angegangenem 30 Jahre Deutscher Herbst-Debatte rund um die RAF zu tun - zumindest im medienmäßig de facto angeschlossenen Österreich.
Zum anderen aber auch damit, dass der Höhepunkt der peinlichen Verschwörungstheorien und der entsprechenden "Das kann doch nicht so gewesen sein?"-Dokus auch schon überschritten ist. Und die darauf logisch folgende nächste Welle, nämlich die Richtigstellung der gewinnbringenden und perfiden Volltrottel-Fantasien, die Volltrottel gierig wie Schwämme aufsaugen, sind dann nicht mehr ganz so populär. Man will sich schließlich selber nicht eingestehen, dass man nach Jahren des reinen unhinterfragten Entsetzens und dann nach Jahren der naiven Weltverschwörungs-Thesen noch einen weiteren Haken schlagen müsste. Also bleiben viele in der Vergangenheit kleben. Und auch die TV-Anstalten strahlen lieber noch einmal die schwammigen und banalen "Wie konnte denn das alles so schnell einstürzen - wurde wohl doch von Geheimdiensten von innen gesprengt, was? zwinker*zwinker"-Dokus noch einmal aus.
Die spröde Richtigstellung dieser urbanen Mythen, "11. September 2001, Mythos und Wahrheit", die heute abend im ZDF zu sehen sein wird, passt nicht gut genug in die Verwertungskette des Katastrophen-Business und des angeschlossenen Medien-Spins, und wird deshalb wohl nicht nachhaltig wirken, wiewohl gerade sie einen nachhaltigen Schlusspunkt unter die Hysterie der Panik-Betrachtung setzt.
Über
die Instumentalisierung des Turmsturzes, den dummen und bösartigen Kriegseinsatz und die seitdem nicht mehr zu stoppende Sicherheits-Wahn-Debatte herrscht dagegen durchaus sowas wie Einigkeit.
Und dass der Begriff der Privatsphäre unter anderem wegen oder nach 9-11 anders oder neu definiert werden muss, das kann man zwar als Fluch betrachten, aber genauso auch als Anstoßgeber für wahrscheinlich mittelfristig ohnehin Unvermeidliches.
In nur wenigen Jahren haben die, die mit den neuen Medien umgehen (und das sind doch eine Menge Menschen), gelernt der Rundum-Überwachung in der neuen Welt durch einen offensiven Zugang der Persönlichkeits-Darstellung zu entgegnen.
Mir fällt da der amerikanische Kunst-Kurator mit dem arabischen Namen ein, der das Pech hatte einen New Yorker Mietvertrag am 12. 9. 2001 zu lösen, weshalb er seither unter Vollzeit-Überwachung der Geheimdienste steht.
Mittlerweile hat er die umgedreht, hat eine Homepage eingerichtet, in der er jederzeit seinen exakten Aufenthaltsort angibt, die er ständig mit Bildern seiner Umgebung und seiner Nahrung bestückt und sich so zum komplettg gläsernen Menschen macht - im Wissen, dass seine Site regelmäßig gecheckte und abgesaugt wird.
Derlei Maßnahmen sind radikale aber wirksame Modelle gegen eine Zweckentfremdung der staatlichen Schnüffelei in Privatem.
Auf der anderen Seite dämmert es den Institutionen mittlerweile, dass sie die tatsächlichen Agressoren, die zweite Generation der klassischen Schläfer, nämlich die neu im Land des Anschlags requirierten, mit den 2001 hektisch erdachten und installierten Methoden nicht wirklich in den Griff bekommen.
Was
9-11 wirklich und nachhaltig bewirkt hat, geht über das hölzerne Gehampel von Verschwörungstheorie-Deppen, über die widerwärtige Banalität gewaltiger Kriegstreiber und die sabbernden Hoffnungen geiler Überwachungsstaatler allerdings hinaus. Die alle hätten sich an jeden Strohhalm geklammert, der ihnen über den Weg gelaufen wäre und an jedem anderen Exempel ihre Mütchen gekühlt. Für sie war 9-11 nichts als ein Vorwand.
Die tatsächlich auf 9-11 zurückzuführende Umkehr aktueller Entwicklungen hat sich auf einem anderen Gebiet abgespielt. In einem Leitartikel in der heutigen taz schreibt Robert Misik, dass es nicht um einen Kampf der Kulturen gehe, sondern um den Kampf der Freiheit gegen die Kräfte der Unfreiheit. Und er führt aus:
Aber längst hat das Reden von den 'Kulturen', den 'Identitäten' und von der 'Rückkehr der Religionen' eine viel tiefer gehende gesellschaftliche Pathologie zur Folge. Die postmodernen Ideen von den Patchwork-Identitäten und den Bastel-Biographien, sie sind fast vergessen. Menschen, wie komplex ihre Leben auch sein mögen, gelten wieder zuvorderst als Produkte ihres religiösen Herkommens. Sie werden anhand kultureller Bruchlinien sortiert und sortieren sich selbst.
Und schließt so:
Noch im Versuch, die Leidenschaften zu zähmen, hofft man auf die Religion: Kein Round-Table zur Integrationspolitik ohne Imam, Bischof, Rabbi. Das ist es, das 9/11-Syndrom: die Rückkehr der religiösen Identitäten in den öffentlichen Diskurs. Gott schütze uns vor der Renaissance der Religionen.
Das
ist deshalb bemerkenswert, weil gerade eine allzu vorsichtige Linke bislang zu hektisch um die angesprochenen Modelle der Patchwork-Identitäten gekämpft hatte, in der die angesprochenen arachaischen und eigentlich überholten Bruchlinien wie Herkunft, Religion und Nationalkultur nicht mehr in ihrer hysterischen Gestalt enthalten waren, sondern als stille Teilhaber einer neue Gesamt-Idendität als Weltbürger oder Europäer.
9-11 hat das zerstört, hat diesen Weg beendet. Und es ist gut, dass das jetzt auch die letzten Nachtrauerer eingesehen haben. Das Scheitern eines Wegs oder Modells durch eine Katastrophe ist ja nichts, was in bösartiger Absicht geschehen ist - es war eher ein Nebenbei-Produkt.
Und vielleicht auch absehbar oder notwendig. Denn die Lieblichkeit der Bastelbogen-Postmoderne, die war nicht unbedingt etwas, worauf ich mich z.B. gern gestützt hätte.
Und auch hier ist es vielleicht gar nicht so schlecht, dass ein Ein- und Umsturz ein komplettes Neudenken der Lage und damit neue Konzepte und neue Ideen herausgefordert hat.
Genau wie im aktuellen, bei der Ars Electronica behandelten neuen Begriff der Privatheit oder dem gläsernen Projekt des Terror-Verdächtigen ist auch die Suche nach einem neue Weg raus aus einer Welt, die sich in der Geiselhaft von Fundamentalismen befindet erst nach diesem Bewußtseins-Prozess möglich.