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Wien | 11.9.2007 | 23:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
EM-Journal '08. Siebenundsiebzigster Eintrag.
 
 
 
 
Das Wapplermatch von Wien und der Unclevere.
 
Früher, in Prä-FM4-Zeiten, als das Ö3-Fußball-Team noch ein wahrhaft amateurhaftes Spaß-Unwesen trieb, hatten wir eine Wunderwaffe, den Kollegen Konrad. Der Kollege Konrad spielte vor unserer Abwehr und er hatte die Aufgabe, die gegnerischen Waserln zu schrecken. Denn der Kollege Konrad ging, vorsichtig gesagt, so in die Zweikämpfe, dass man besser zurückzog. Weil er ein sonniges Gemüt gepaart mit einer gemütlichen Brummstimme hat, konnte ihm niemand böse sein und es dauerte immer recht lange, bis der Kollege Konrad dann doch vom Platz flog und wir zu zehnt den knappen Vorsprung, den wir uns irgendwie ermogelt hatten, über die Zeit zu retten versuchten. Und in dieser Zeit hatte der Kollege Konrad die gegnerischen Feinmotoriker so nachhaltig erschreckt, dass sie sich nicht mehr so viel trauten.
Dieses Konzept einer eigentlichen Vorgabe ist zwar auch nur im Rahmen eines Jux-Teams machbar, aber zumindest nachvollziehbar.

Was sich Chef-Coach Hickersberger dabei denkt, den Kollegen Rene mitzuschleppen, weiß ich nicht. Der Kollege Rene kann keinen Gegner umspielen, geschweige denn ihm einen Ball abluchsen und verunsichert ihn genau gar nicht. Der Kollege Rene macht keine Angst, keinen Sinn, sondern Fehlpasses am laufenden Band.
Denn wo unser Kollege Konrad sicherheitshalber keinen Ball bekam, sondern als reine Destruktiv-Waffe eingesetzt wurde, wird der Kollege Rene von seinen Kollegen leider angespielt.
Das ist so unsagbar blöd, dass es mir wirkliche Schmerzen bereitet.

 
 
Nach der Katastrophe von Klagenfurt
  hatte der Teamchef noch erklärt, er hätte den offensichtlich derzeit völlig neben sich stehenden Aufhauser wegen seiner Kopfballstärke drinnen gelassen, sicherheitshalber. Das ist ein Ansatz im Gedenken an unsere Strategie mit dem Kollegen Konrad. Die deutlich kleineren Chilenen hingegen ließen diese Ausrede heute im Wapplermatch von Wien in einer traurigen Regenlacke zerschellen.
Und weil der genannte Teamchef heute keine Ausrede hatte, für diesen einen Einzelfall des Kollegen Rene nicht und auch nicht für die anderen, ist erstmals das passiert, was ich heute in der Vorschau schon angesprochen habe: er wird erstmals öffentlich in Frage gestellt.

Wenn man sich den Schwachsinn, der ihm nachher entkommt - verbal gesehen - betrachtet, dann auch zurecht.
Man habe ja eh viel besser als gegen Japan gespielt, meinte Hickersberger.

Ich meine, dass man ein wenig irrsinnig sein muss, um so einen Blödsinn zu sagen. Man kann von mir aus anmerken, dass die komplett ungenügende Leistung, das wiederum komplett vercoachte Spiel, die Unfähigkeit sich auf einen Gegner einzustellen, die körperliche, geistige, technische und taktische Unterlegenheit ein paar Prozentpunkte weniger drastisch und dramatisch und weniger schlimm war als bei der Katastrophe von Klagenfurt. Wobei sich diese Prozentwerte, wenn man von einem tatsächlich internationalen Anspruch, den eine EM-Endrunde bedingt, ausgeht, schnell zu ein paar Promille verflüchtigen.

Das Wapplerspiel von Wien jedoch mit dem Wort "besser" geradereden zu wollen, zeugt nicht mehr nur von Realitätsferne, sondern von Wahnsinn Kranklscher Dimension.

 
 
Hickersberger
  ist an einem extrem kritischen Punkt angelangt. Diesmal war die (von ihm einberufene, vom ihm gecoachte, von ihnm eingestellte, von ihm aufgestellte, von ihm motivierte und von ihm taktisch vorbereitete) Mannschaft ihm nicht nur zu feig, zu lauffaul und zu sehr von einer schröcklichen Presselandschaft verängstigt (in den Ländern in denen richtiger Fußball gespielt wird, würden sie über das laue Presse-Lüftlein, das die gleichgeschaltete Weichspüler-Presse hierzulang verbreitet, nur schallend lachen), diesmal war sie ihm auch zuwenig clever.

Das ist eine gute und richtige Einsicht. Zuwenig clever, das beschreibt den Zugang des gesamten ÖFB für alles, was die Euro betrifft ziemlich gut und ziemlich genau.
Und zuwenig clever ist auch einer der allerersten Assoziationen, die man so hat, wenn Hickersbergers Gesicht oder Stimme auftaucht.

Wenn es in Österreich einen besseren Trainer gibt, sagte Hicke nach dem Spiel, dann soll man den nennen. Und, das sagte er nicht mehr, das meinte er nur noch mit Blicken, dann würde er dem die Arschkarte Teamchef gerne abgeben.

Auch diese Ansage ist, vorsichtig gesagt, nicht sehr clever; da ist er seiner Mannschaft ganz ganz nahe.
Tragischerweise hat er recht: Niemand in Österreich könnte es besser, nicht die Cordoba-Taliban, nicht die Pfründe-Brüder, nicht die Transfergewinn-Einstreifer, nicht einmal Walter Schachner, der auch steckengeblieben ist und maximal Fußball von Ende der 90er vermitteln kann.

 
 
Für den Einbau
  eines wirklichen Trainers, für eine Roy Hodgson-Lösung, wie sie die Schweiz vor 15 Jahren traf, ist es zu spät. Mit der Schweiz geht es, seit sie ihrem Fußball via Nati einen modernen Anstrich verpasste, seit sie Fachleute von außen reinholte und ein striktes Jugend-Konzept fährt, bergauf. Man nimmt regelmäßig an Großveranstaltungen teil, man hat viele Spieler in den großen Ligen und man kommt mit finanziell ähnlich kaputten Clubs wie in Österreich (auch hier erfolgte die Gesundung ein paar Jahre früher) genauso weit wie man hierzulande mit riesenhafter sinnloser Geldverbrennung der Marke Stronach/Mateschitz kommt.

Die Schweiz verlor zeitgleich zum Wappler-Match in Wien einen Test in Klagenfurt vor fast doppelt (!) so vielen Zuschauern, mit einer tausendfach besseren Leistung zwar 3:4 gegen Japan, aber es war ein Höllen-Match, keine Demütigung wie die zwei Faustwatschen, die die österreichische Mannschaft sie einstecken musste.

Die einzige Chance aus der Nummer rauszukommen ist eine interne Lösung, das wird aber aufgrund der komplexen Struktur der ÖFB-Spitze und der internen Hackelwerferei nicht passieren. Die, die sich derzeit in der zweiten Reihe hinter Hicke abstrudeln, aber nur zuliefern und dann zusehen müssen, wie ihre Infos, ihre Traininspläne, ihre Strategien, ihre Ideen für Teambuilding, ihre ein bissl riskanteren Anregungen zu Streichungen von Erbhöfen für Kollegen und andere Überforderte, in dem Moment versickern wie das Bächlein in der Sahara, wenn sie es dem wenig cleveren Chef-Coach übergeben.

 
 
Es reicht halt
  für manchen nur dann, wenn er mit Spielermaterial und einem Teamgeist arbeiten kann, die ein gewissen Niveau haben.
Bei der Mangelkultur, die die heimischen Vereine in den letzten Jahren verbockt haben, und deren Output, einer spielerisch unterentwickelten Generation, ist das aber zuwenig.
Da braucht es keinen preisgekrönten Patissier, sondern einen, der aus Nichts was Schmackhaftes kochen kann. Wie das der Kollege Gludovatz exemplarisch vorgeführt hat.

Ich will in diesem Zusammenhang nicht verhehlen, dass Hickersberger im Vergleich zum Japan-Spiel tatsächlich etwas verändert hat: Er ist vom zwei 6er-System in der Zentrale abgegangen und hat Aufhauser deutlich vor Prager spielen lassen, quasi als zentralen Spielmacher.
Nur ist es im aktuellen Fall wurscht, wo der Kollege Rene spielt - siehe oben.

Ansonsten klappte genau gar nichts. Und selbst der sonst als Schönredner bekannte freundliche Herr Prohaska zählt mittlerweile die Fehler ganz umbarmherzig auf: Ein bewegungsloses und starres Mittelfeld, unfähig einen Ball zu halten oder eine Aktion einzuleiten, macht im Verlaufe eines Spiels auch die mittlerweile halbwegs funktionierende Abwehr und den verzweifelten Angriff mürbe und besorgt durch seine Fehler die Gegentore.

 
 
Bevor jetzt wieder
  irgendwelche Weichbirnen Vastic/Kühbauer/Drechsel und Co einfordern: Genau diese destruktiven Holzhacker-Platzhirschen und die modrigen Stehgeiger der Liga haben uns die Augen verklebt, blenden uns in einer Folklore-Vorführung, die mit dem modernen Fußball nichts zu tun hat und haben so das Aufbauspiel in der Liga ruiniert.

Ein Narr wie Standfest meint es ernst, wenn er - kurz nachdem er eine dunkelgelbe Karte erhalten hat - sagt, dass alles passe, man müsse nur "mehr reinhauen".
Im Gegenteil: man muss mehr mitspielen, geistig schneller werden, und dafür sind Holzfüße und Holzköpfe eben nicht geeignet, von der Geschichte des Sports überrollt, aussortiert in die Operettenligen.

Der beste österreichische Moment im ganzen Chile-Spiel war ein Fehler: als Prödl in der 27. Minute aus der Abwehr rausgestochen kam um einen Ball zu erobern, das auch schaffte, aber dann gecheckt wurde, was dazu führte, dass im sofortigen Gegenzug Chile die nunmehr völlig kopflose Abwehr (namentlich Hiden und Fuchs) fast übertölpelte. Dieser Fehler war eines von drei oder vier Zeichen von Leben, die in diesem Spiel zu sehen waren (die anderen kamen, vereinzelt, von Macho, Garics und Leitgeb, ein halbesmal auch von Mörz, und Linz und Kuljic, die ich sowieso ausnehmen muss, weil sie nichts für den Dreck können, der hinter ihnen rausquoll).
So ein Fehler, vor allem einer, der im vollem Tempo begangen wird, und mich in seiner Verve an ähnliche Aktionen des großen Bruno Pezzey erinnert hat, ist besser als alle Steh-Versuche. Denn nur der, der etwas tut, begeht auch Fehler. Und diese Lebenszeichen sind um Lichtjahre cleverer als die Schnarchnasen-Politik, die der Teamchef seit Jahr und Tag fährt.

 
 
Er brauche noch viel Zeit,
  sagt der, der Unclevere, nach dem Spiel. Von mir ganz persönlich kriegt er keine mehr. Ich würde ihm genausowenig eine Minute schenken wie einem Karlsplatz-Junkie 10 Euro; beide Geschenke würden sich in Sekundenschnelle in Nichts auflösen.

Der Unclevere würde wissentlich sie in den Kollegen investieren, der das aktuelle Team-Gefüge behindert.
Der Unclevere würde sie in Ausreden anlegen, die die Vorurteile eines primitiven Publikums bedienen (De soin mehr rennan! Früha woa ollas vü besser!) anstatt an Lösungen und Varianten zu arbeiten.
Der Unclevere würde sie mit Minimal-Justierungen verschwenden, die man erst dann anlegen kann, wenn das Werkl läuft.
Der Unclevere würde alles, was man in ihr investiert, in offensiver Beratungsresistenz beiseite legen, weil er davon ausgeht noch ursuperviel Zeit zu haben.
Der Unclevere lebt im Glauben, dass er im Dezember auf einen Winterschlaf gehen kann, der so wirkt, dass nach dem Aufwachen alles plötzlich rosarot und wie von selber funktioniert.

Alles, was ich hier und hier gesagt habe, gilt noch.
Es geht darum dass der, der in der aktuellen Lage klüger ist als der, der sich selber als einer, dem die Cleverness fehlt, geoutet hat, so einbezogen wird, dass die jetzt sofort nötigen Maßnahmen greifen. Diese Personen sind im ÖFB-Trainerstab, so denke ich, vorhanden.

Möglicherweise nützt auch das nichts, weil die Wunden schon zu tief sind. Aber probieren muss mans, für diese erste und letzte Euro im eigenen Land - für die man alles, bis zur letzten Sekunde, probieren muss.

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