Eine stufenförmige Antwort auf die Faulsack-Nachfrage über intensive Beschäftigung mit ihnen unerklärlichen Themen.
Der Tag
war anstrengend.
Das lag nicht am intensiven und fordernden Vortrag samt anschließender Diskussion zum Thema Digitales Radio, das den heutigen Vormittag bestimmte.
Das hat nichts damit zu tun, dass ich heute nach einer langen Sommerpause wieder mitternächtlich tätig sein werde.
Das lag auch nicht an den vielen Gesprächen, Diskussionen, Statements und Abwimmelungen zum Thema Nationalteam, die mich heute verfolgt haben als wären sie ein rotes Super-Tau.
Das liegt und lag einzig an der Intensität, mit der mich dieses Euro-Thema umfasst.
Das ist für etliche Menschen nicht nachvollziehbar. Die brauchen eine Erklärung dafür. Sollen sie kriegen.
Der erste Grund
ist ein ganz prinzipieller.
Natürlich kann sich jeder aus jedem Thema der Welt ganz bequem zurückziehen und raushalten. "Ich habs mir ja gar nicht mehr angeschaut", meinten einige (und zwar solche, die das prinzipiell sogar interessiert) zum gestrigen Wappler-Kick und glauben damit die Coolness auf ihrer Seite zu haben.
Das ist ein fataler Irrtum.
Denn die Absicht, mittels Wegschauen und Ignoranz etwas auch wirklich wegzukriegen, ist für den Vogel Strauß und das Kleinkind per se zwar irgendwie süß, für den sogenannten mündigen Bürger aber eine offensive Peinlichkeit.
Ein Problem (wie auch immer es geartet ist) lässt sich nur aus der Welt schaffen, wenn man sich stellt, es ausmacht und analysiert und dann bekämpft.
Jeder, der sich da in die zweite, dritte oder zehnte Reihe zurückzieht, hat diesen Kampf schon von vorherein verloren und ist ein Mitglied der dümmsten Armee der Welt, der Hättiwari-Raunzer.
Interessanterweise ist dieser Typus (mutlos, inaktiv, nur von hinter der Hecke vorlaut) der, der am meisten mault, wenn sich etwas zu langsam bewegt. Die Inaktivität korreliert mit der Nörglerei.
Der Beitrag, den man mittels Aktivität dazu leisten kann, dass ein Problem zumindest einmal angegangen wird, führt, selbst wenn er ein vergleichsweise geringer ist, automatisch zu einer besseren Selbstsicht und einer intensiveren Einschätzungs-Fähigkeit.
Weil nur der, der etwas unternimmt, auch Fehler macht, ist diese Schwelle für alle, die panische Angst vor Fehlern haben (also ganz vielen), schwer zu überwinden, ich weiß.
Ist aber keine Ausrede für schnarchige Passivität.
Der zweite Grund
packt schon ein bissl konkreter zu.
Natürlich ist ein sehr vages und sehr allgemeines Ziel schwerer anzugehen, als ein ganz konkretes. Deshalb ist mein Ziel auch nicht wirklich die Verbesserung der Situation des österreichischen Fußballs im Hinblick auf die nächstjährige Euro (wiewohl dieses größere Motto natürlich dahintersteht), sondern etwas viel Eingeschränkteres, das man von mir aus "Die Verbesserung der Analyse-Kultur der heimischen Fußballberichterstattung" nennen kann.
Viele kleine konkrete Ziele wie diese führen nämlich ganz automatisch zum großen Ziel.
Und wer einmal Schwelle eins überwunden hat und sich aus seiner schwachen Negationshaltung rausbewegt hat, wird schnell erkennen, dass in jedem Bereich (also auch in diesem) ganz viele Menschen unterwegs sind, die allesamt konkrete Ziele wie diese angehen.
Natürlich gibt es in diesem Segment derer, die sich trauen Stellung zu beziehen, einen Haufen Blender und Bluffer, denen einzig das persönliche Vorwärtskommen wichtig ist. Aber auch die lassen sich für Teilziele einspannen, sofern man ihnen klarmachen kann, dass ein sattes konkretes Ziel besser vermarktbar ist als ein banales vages. Man muss diese Ausnutzer nur an der eigenen Achillesferse packen und selber ausnutzen.
Selbst die Mauler, die die erste Stufe schon nicht geschafft haben, die zwar versuchen auch diese Teil-Ziele schlecht zu reden, sind, wenn man dort weit fortgeschritten ist, durchaus auch bereit mitzuhelfen, um Druck aufzubauen.
Der dritte Grund:
Sich zu engagieren, sich anzustrengen, sich was zuzumuten, sich auseinanderzusetzen, sich dann auch Qualvolles zu Ende anzutun und in weiterer Folge viele qualvolle Diskussionen immer wieder zu führen, hat was von der chinesischen Wassertropfen-Methode.
Irgendwann, wenn man selber sein Anliegen schon im Offline-Modus ausführen kann und trotzdem überzeugend rüberkommt, knackt dieses Wasser auch den härtesten Stein.
Wer lang, intensiv und klar genug für eine (ihm/ihr) wichtige Sache auftritt, dabei nicht stehenbleibt, sondern die Grund-Postulate weiterentwickelt, Anregungen aufnimmt und einbaut und so ein organisch gewachsenes Biotop aus Argumenten vor sich her trägt, wird irgendwann wie ein Sieger aussehen und deshalb auch gewinnen.
Für die Erststufen-Scheiterer und Resignatoren ist sowas unvorstellbar, für die Laberanten, die nur eine vage These nachbrabbeln können, zu hoch gegriffen und manchmal geht sich sowas auch für die Teil-Ziel-Anstreber einfach nicht aus, weil ihnen der lange Atem abhanden gekommen ist (wofür es ja gute Gründe geben kann).
Möglich, realistisch und umsetzbar ist das allemal.
Außerdem wird die Anstrengung ab einem gewissen Punkt auch zum Lust-Faktor. Das ist wie bei einem Marathon-Läufer, der sich in langen Trainings-Sessions zuerst unendlich quält, ehe er dann irgendwann Automatismen entwickelt hat, die ihn dort einfach rübertragen.
Der vierte Grund
ist dann das in der vorigen Stufe erworbene Wissen, dass die klug gewählten Teilziele einen gesamten Bereich so verändern können, dass auch ein einmal im Hinterkopf mitgeschlepptes Gesamtziel zumindest anvisierbar ist. Oder: zumindest ein Annäherungswert daran ist machbar.
Ich hab heute lang mit einem jungen Tiroler Journalisten zum Thema Euro-Krise telefoniert und war (wieder einmal) erstaunt, wie düster man die Chancen auf eine mittelfristige Verbesserung der Strukturen vor allem in den Ländern sieht. Die dortigen Stammtisch- und Lokalkaiser-Strukturen (wurscht in welchem Bereich) sind, das hat er wieder einmal bestätigt, so stark, so populistisch angelegt, so hoffnungslos verhabert und verschränkt, dass sie jedem Veränderungs-Potential früh den Nerv ziehen können.
Die Änderungen sind da nicht von unten, sondern nur von oben möglich, im konkreten Fall nur via Wacker Innsbruck, dem leidgeprüften Großverein des Landes. Die dort agierenden, das bestätigte mein Gesprächspartner, sind durchaus guten Willens und wohl auch partiell imstande etwas zu bewegen.
Wenn es nun gelingt, die guten Kräfte (auch mit Hilfe von Vorbildwirkung von außen) so zu vernetzen, dass ihr Glaube an eine sinnmachende Entwicklung ihre Zweifel am regionalen Filz (der als Parallelstruktur nicht vermieden werden kann) zu überwiegen, dann ist eine Menge erreicht.
Es ist also jeder,
der die unüberlegte und pur-populistische "Warum tust dir das denn an?"-Sinnfrage stellt, ein Energie-Abzieher ersten Ranges und ein Denkfaulsack Homer Simpsonschen Ausmaßes.
Denn eigentlich sollte jedem, der ein klitzekleinwenig abstrakt denken kann, klar sein, dass dieses Modell für jegliche Bewegung gilt, auf jeden Kampf für Weiterentwicklung passt, ganz egal ob es um eine anständige Euro, um ein Label oder um ein Jugendkulturradio geht.
In Wahrheit sind die, die allen Ernstes bei dir nachfragen, warum man denn sich mit einer Sache intensiv beschäftigt, man solle es doch bleiben lassen, es stehe nicht dafür, bringe eh nichts, sei doch nur eine trickreiche Ablenkung in diesem unweigerlich mit dem Tode endenden Leben, ganz arme Schweine, die ihre ideellen Laufmuskel nie im Leben auch nur versuchsweise bewegt haben und deshalb an die Macht des Stillstands glauben; sich einem scheinbar Unweigerlichen ergebende Fatalisten, die ihre einzige Rechtfertigung aus der Offensivität ihrer Fragestellung beziehen.
Und viele, die sich darin versuchen etwas zu versuchen, lassen sich durch solche Luschen in die Defensive drängen, in der sie sich dann mehr und mehr unwohl fühlen, was dann ein Ausscheiden in Phase eins oder zwei wahrscheinlich macht.
Die richtige Reaktion ist die sofortige Gegenfrage. Die nach der glühenden Intensität nämlich, die umgekehrt die Nichtstuer auszeichnet. Da hier außer dem großen Nada, einer schwammigen Ausrede oder der Peinlichkeit des cocoonenden Rückzugs ins scheinbar Private nichts daherkommen wird, fällt diese Offensive der Nichtigkeit, diese Versicherungs-Frage der Hände-in-den-Schoß-Leger, sofort in sich zusammen.
Und das ist wichtig, will man hier nicht sinnlos Energie verschwenden. Und das ist dann für alle, die das Gefühl haben auf einer Mission zu sein (und sei sie noch so klein, blöd oder unverständlich) ein großer Gewinn.