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Wien | 27.9.2007 | 17:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW 39, Donnerstag.
 
 
 
 
Drei kleine Medien-Possen.
 
Weil es gestern hier ja um Qualitäts-Journalismus ging und die vorurteilsschwangeren Dünkel der älteren noch mit Standebewusstsein verbrämten Generation, welche einem genaueren Blick auf dieses Feld und sich selber dann gehörig (und für Außenstehende fast ein wenig drollig) im Weg stehen, drängen sich einige anschließende Beobachtungen geradezu auf.

Vor allem weil diese Woche im Medienmarkt Österreich eine überquellende ist, wie der Referent der besten Medien-Berichterstattung Österreichs in seiner sämstäglichen Wochenvorschau ankündigte.
Fürwahr: da prügelt sich die neue Madonna mit dem neuen First, da erfährt der Trend ein optisches Re-Design, da kündigt Puls TV an, bald Puls 4 und somit flächendeckender Abspielkanal für die deutsche Sat1/Pro7-Gruppe zu werden, da gibt es Gerüchte um ATV und da laufen auch noch die österreichischen Medientage samt Messe.

Alles Dinge, die eine ganz spezielle Szene, die sich zwischen Medien- und Society-Berichterstattung pendelt, in hoch vibrierende Aufregung versetzt.
 
 
 
Posse 1.
 
Dass Society-Berichterstattung, egal ob es sich dabei um Frau Hilton, Herrn Grasser, Frau Kampusch oder den Herrn Papst handelt, eine augenauswischende populistische Personalisierung vorantreibt, die ein seriöses Medium seinem Publikum nur dann zumuten kann, wenn sich der Betreffende auch durch News-Wert, Interessantheit oder gar Genie hervorhebt (weshalb ich dei Grenze hier bei Pete Doherty anlegen würde).
Dass diese Art der Yellow-Press-Brangelina-Berichterstattung zunehmend auch bei sogenannten seriösen Qualitäts-Medien Einzug hält, wird ohnehin beklagt.
Die Gegenmaßnahme, nämlich ein intelligentes Hinterfragen, eine subersive Umkehrung dieser Mechanismen, gibt es im deutschen Sprachraum noch nicht. Wir befinden uns noch, recht hilflos in der Geiselhaft derer, die hier in einem Interessensaustausch ihr gemeinschaftliches Süppchen kochen.

Manche unterstellen meinem alten Kollegen Dominik Heinzl hierbei ein Händchen: seine Socieyty-Berichte würden mit soviel Bosheit angelegt sein und (fast unabsichtlich) soviel subversives Potential enthalten, dass man sie fast als Anti-Society-Berichterstatte definieren kann.
 
 
 
  Weil der Heinzl ein schlaues Bürschchen ist, füttert er diese Erwartungen, indem er sich und seine Arbeit zur Königs-Disziplin erklärt. Und zwar einfach deshalb, weil er sich in jedem Element (von Politik bis Kultur, von Wirtschaft bis Sport) sehr gut auskennen müsse, um seine kleinen Gemeinheiten und Aufblattelungen anbringen zu können.

Das ist in sich richtig, übersieht aber, (und da unterstell ich dem Karl-Dominik gar nichts, das zieht seine ausschließliche Innensicht auf die Dinge einfach nach sich) dass die sogenannte Gesellschaft, die er porträtiert, ja nur aus ein paar Prozenten der jeweiligen Gruppen besteht, die halt eine krankhafte (meist unheilbare) Rampenlichtgeilheit in sich tragen und somit auch ein wenig gar leicht auszurechnen sind.
Die vielen, vielen anderen, die bei den Events, die Heinzl und die anderen Society-Fritzen besuchen, nicht dabei sind, von denen hat er nicht die geringste Ahnung.

Und manchmal sieht man ihn, der von sich selber angibt die bestmögliche Allgemeinbildung zu haben, so erbarmungswürdig straucheln, dass es mir sogar ein bisserl weh tut.
 
 
 
  Anlass: die Präsentation des High-Gloss-Heftes First aus dem News-Verlag. Ein Produkt, dass sich zwischen Fashion-Magazinen (a la Vogue) und Lifestyle-Heften (wie Esquire, Vanity Fair) bewegt. Ein Produkt, das optisch und inhaltlich die Oberfläche und die Hohlheit derer, die sich in der angesprochenen Gesellschaft bewegen und vor allem derer, die da zur Präsentation geladen waren, perfekt widerspiegelt.
Dominiks Ansatz seiner Geschichte war (neben Seitenhiebereien zwischen den Verlagen) ua die Tatsache, dass man irrsinnig lange blättern müsse, um zur ersten Geschichte vorzustoßen. Das fand er schon irgendwie arg.
Dazu ließ er sich das Heft von der einen oder anderen in Abendrobe geworfenen Dame (Plus1en von wichtigen Geschäftsführern) durchblättern und die Anzeigen ansagen.

Nun: dass es bei Vogue, Esquire und Co zum guten (sogar zum besten) Ton gehört, dass man auf so viele Werbeseiten wie möglich kommt, ehe dann auf Seite 80 ein Editorial auftaucht, das weiß auch jemand wie ich, der diese Hefte tendenziell auf dem Klo bei der Freundin durchblättert.

Dass diese simple Business-Tatsache weder den geladenen Kundinnen noch dem allgemeingebildeten Berichterstatter (also Berufs- und Neigungs-Gruppen die nicht anderes als genau das zu tun haben) sowas von nicht geläufig war, das strahlt in seiner Lächerlichkeit allerfeinst in den Wiener Präsentations-Party-Nachthimmel.

 
 
Posse 2
 
Im Verlauf des AufdenMarktwerfens von First und dem Fellerschen Gegenschuss Madonna gab es diversen internen Ballyhoo zwischen den beiden Verlagshäusern, das von anderen Verlagshäusern genussvoll vorgekaut wurde. Heute lese ich da die Meldung, dass der News-Verlag sieben Ex-Redakteure, die zuvor zu Fellners Österreich gewechselt waren, quasi gnadenhalber zurückgenommen hätten.
News-Herausgeber Voigt, ein Deutscher, der in recht kurzer Zeit so intensiv österreich-sozialisiert wurde, dass er damit die üblichen Verdächtigen bereits eingeholt hat, stellt die Aktion als Gnadenakt dar, spricht von einer "zweiten Chance", die man diesen Renegaten geben würde.
Interessanterweise finde ich auf dieser Liste auch den Namen einer Ex-Freundin von mir, die nie im Leben beim News-Verlag war. Sie hatte vielmehr, nach einer kurzen Probe-Phase bei Madonna (eine Woche, um genau zu sein) das Handtuch geworfen und nunmehr als CvD bei 1st angeheuert. Auf einer Liste von abtrünnigen Ehemaligen hat sie also genau gar nichts zu suchen.

Was sagt uns das?
Dass Verlag A um Verlag B eins auszuwischen ein paar Übertritte so zusammenfasst, dass sich daraus eine Tendenz ablesen läßt - die im Einzelfall nicht standhält.
Dass dieser Verlag seine Mitarbeiter tendenziell als Spieleinlage ansieht, mit dem man Kleingeld gewinnen kann.
Und dass die beste Medien-Seite Österreichs diese Meldung einszueins copypastet und ungeprüft übernimmt, obwohl die Meldung als Geschichte des zuständigen Redakteurs gezeichnet ist.
Sollte ich hier wieder einen Link zum Thema Qualitäts-Journalismus legen?
 
 
 
Posse 3
 
Ich gebe zu, dass ich in den letzten Monaten wirklich körperlich gelitten habe, weil sich die Vertrags-Verhandlungen rund um die Rechte für die Euro-Übertragungen zwischen ORF und UEFA so gezogen haben.
Nicht wegen der Tatsache, wo die Spiele dann zu sehen sein würden, sondern wegen der fatalen Konsequenz dieses Verhandlungs-Patts, der kompletten Lähmung des gesamten Umfelds. Wie schlimm es darum aber wirklich bestellt ist, hat sich erst jetzt gezeigt, wo die Rechte endlich unter Dach und Fach sind.

Mir ist schon klar, dass sich Verhandlungen zwischen der UEFA, die so etwas wie Gegenrede oder Widerstand nicht gewohnt ist und dem ORF-Chef-Unterhändler Elmar Oberhauser, der auch keine Gefangenen macht, fatal festfahren können. Mir ist auch klar, dass ein durch einen fakemäßig mitbietenden Konkurrenten aufs Doppelte hinaufgetriebener Preis nicht akzeptabel ist.
Was ich allerdings nicht nachvollziehen kann ist, dass die Initiativen, Medienpartner und Regierungsstellen glauben, auf dem Rücken dieses Problems einen Lenz machen zu können und genau nichts zu tun.
 
 
 
  Der wichtigste Medien- und Werbe-Partner für die Image-Kampagne, die die Euro in den heimischen Köpfen so verankern soll, wie es einer derart großen Veranstaltung würdig ist, die Kronen-Zeitung, startete ihre Kampagne exakt am Tag nach der Verkündung des Vertrags-Erfolgs.
Und gestern hab ich dann den ersten Werbe-Spot der Aktion Österreich am Ball (der offiziellen Plattform von ÖFB, Regierung etc) gesehen. Dort hat man also tatsächlich auch erst die Verträge abgewartet ehe man Spots gebucht hat.

Ich verstehe natürlich, dass sich zuständige Werber anläßlich des bis über den Sommer andauernden Steh-Versuchs von UEFA und ORF in tiefem und traurigem Gejammer ergingen und jeden Versuch schon im Früh-Herbst entsprechende Akzente zu setzen, für sinnlos erklärten.
Wer von oben nur Resignation und Verzögerung signalisiert bekommt, der wird entsprechend umsetzen; wer fatale Resultate, eine lasche Vorbereitung und keinen Sinn für positives Branding vermittelt bekommt, wird keine Euphorie entfachen können.

Der Wiener Flughafen, die erste Visitkarte für Ankommende, ist übrigens immer noch komplett Euro-freie Zone. Und da sich im Oktober eh bereits sowas wie eine Art Winter im Kopf breitmacht, wird heuer wohl auch genau gar nichts mehr passieren. Und die bequeme Ausrede mit der man dann den Scherbenhaufen im März, wenn die erste Sonne durchkommt, schönreden wird, die kann ich jetzt schon aufschreiben und beim Notar hinterlegen.

Gültiger wird sie dadurch aber nicht.
 
 
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