Mir fällt das in letzter Zeit verstärkt auf: wenn ich im Supermarkt Lebensmittel in den Einkaufskorb lege, gatschige Feigen wegklaube, bei den Joghurts abwäge, komplexe Käse- und Gebäck-Entscheidungen treffe, also eine gewisse Konzentration an den Tag lege (was man erst ab einem Selbstversorger-Status tut; davor visiert man recht geistlos seine Lieblings-Snacks und -Gags an und vertraut darauf, dass Mama die Notwendigkeiten eh erledigt), und somit den von der Konsum-Industrie gezielt gesetzten Reizen ausgeliefert bin, dann summe ich verstärkt bei der Riesel-Musik mit.
Früher, als sorgloser Spaß-Einkäufer wäre das sowieso unmöglich gewesen, da hat man sich über den akustischen Dreck, die Muzak-Brechmittel noch offensiv lustig gemacht. Später dann hat sich das Grauen in der Riesel-Auswahl nicht verbessert, es fand aber immer noch keinen Weg in die sensibilisierten Gehörgänge.
Jetzt wird diese Barriere gebrochen.
Ich dachte eigentlich, dass es hauptsächlich eine Frage des Alters wäre - auch unterstützt durch die Tatsache, dass sich die Muzak-Industrie auf geschmeidige Sixties-Hits einigt, von denen sie weiß, dass sie praktisch alle Hörer-Schichten gut erreicht, weil sie - vor allem für heutige Ohren - harmonisch so schön verträglich und eine Art kollektives Koalitions-Bewusstsein der Menschen anspricht.
Bloß: heute ist mir das anhand eines Beispiels aufgefallen, dass aus diesem Raster rausfällt.
Während
der ewigen Bananen-Entscheidung (die billigeren, die so super aussehen oder die fairgetradeten, die fast zweimal soviel kosten?) summe ich bei einem Stück mit, dass noch keine zehn Jahre alt ist und von einer Gruppe stammt, die in der FM4-Anfangszeit sowas wie eine Haus-Band war: Filter.
Richard Patrick, Filter-Mastermind, spielte bei Trent Reznors Nine Inch Nails ein bisschen Gitarre, um dann mit dem 95er-Album "Short Bus" eines der besten Rockalben des Jahres abzuliefern; mit durchaus NIN-mäßigen, verstörenden Elementen und einem großartigen Stück namens "Hey Man, Nice Shot", vom den es auch eine fantastische Remix-12 Inch gibt. Zu diesem Underground-Ruhm kam dann auch ein schneller Schritt an die Oberfläche, weil Filter eine der beliebstesten Soundtrack-Lieferer für eine damals gerade zwei Seasons laufende TV-Serie, die schnell auch hierzulande Geschichte schrieb: die X-Files.
Wenn Moulder und Scully ermittelten, war die Musik von Filter nicht weit.
Ich habe sogar heute, wo die Akte X längst ein angestaubtes Relikt einer vergangenen Ära ist (wiewohl sie in ihrer Dynamik, aber auch mit ihrem Guerilla-Marketing via Subkultur-Szenen, stilprägend für die Handlungs- und Herangehensweise der heutigen TV-Serien-Macher waren) noch Bilder der Folge im Kopf, in der Filter zum ersten Mal auftauchte - es war was mit mysteriösen Blitzen.
Filter
steuerten auch einen Track zum Soundtrack der X-Files bei - auch etwas damals Neues, dass eine TV-Reihe sich nicht mit hollywoodesker Klassik behalf, sondern seine Klänge aus der aktuellen Popmusik fischte. Und eine zeitlang waren Filter dann sowas wie die Vorzeige-Band für derartiges und wurden mit exklusiven Tracks für Filme gebucht (Spawn, The Crow).
Gut hat es Patrick nicht getan: das zweite Album war dann schon von der Glättung, zu der einem dieses aufsaugende Buisness verleitet, gezeichnet. "Take a Picture", der Hit, war zwar ein hübsches Stück, die Filter/NIN-typische Schreipassage am Ende ließ es auch aus den klassischen Hörgewohnheiten rauskippen, aber das wars dann. Danach kam das Projekt Filter nicht mehr wirklich in die Gänge.
Trotzdem hätten sich damals, 99, die Musik-Programmierer der weltweiten Mainstream-Radios eher einen Arm abgehackt, als auch die weicheren Filter-Stücke einzusetzen. Weil man Filter immer noch unter "Industrial" einreihte.
Und jetzt, 8 Jahre später, hör ich Take a Picture zwischen Kiwis und Schokomilch im Supermarkt. Weil diese 8 Jahre neue Hörgewohnheiten geschaffen haben, die das finale Geschrei, dass im 20. Jahrhundert noch eine ästhetische No-Go-Area für den Mainstream-Konsumenten war, mittlerweile freigegeben wurde. Und zwar von einer Generation, die damit aufgewachsen ist und diese Musik für ganz normal hält.
Euch
ist klar, was das heißt: der Obst-Stand im Supermarkt des Jahres 2015 spült euch mit Bright Eyes und QOTSA die Ohren aus, Bands, die die dann 16-jährigen nur verächtlich als die Lieblingsgruppen von euch alten Trotteln gerade so einmal am Rand akzeptieren.
Und in den spezielleren Läden werden Aphex Twin oder Venetian Snares uns die Gehörwindungen putzen - und niemandem wird's groß auffallen. Die Menschen, die da ihre Seeweed-Peeling-Sets in das Einkaufs-Wägelchen legen, die werden das mitsummen, ganz unbedacht.
Das war es aber ehrlich gesagt nicht, was mich wirklich zusammenzucken hat lassen - denn dieser Lauf der Dinge ist, bei näherem Nachdenken, ein selbstverständlicher. Es ist nur lustig, Projektions-Fantasien zu entwickeln, die die eigentliche Absurdität dessen, was da passiert, erst unterstreichen.
Meine erste Assoziation war nämlich eine andere. Sobald ich nämlich irgendwo Filter rausfiltere, seh und hör ich einen großen ungeschlachten Kerl vor mir, einen Typen, den ich damals kannte, mehr als flüchtig, aber auch weniger als gut. Ein paarmal länger reden, ein paar Gemeinsamkeiten, mal lustig, mal unangenehm. Ich hab' ihn sicher nur sechs, siebenmal in meinem Leben gesehen, bei der letzten Begegnung kam er zu Tode, er starb bei einem Badeunfall, einem unbedachten Sprung von einer zu hohen Brücke in zu tiefes Wasser.
Für
jemanden, der nicht direkt betroffen ist, aber trotzdem Betroffenheit verspürt, ist nicht viel möglich. Ich hab' für ihn posthum das gemacht, was ich auch davor getan habe: Stücke von Filter spielen, in der Wunschsendung. Eine zeitlang immer auch rund um den Todestag im Juni.
Irgendwann hört man dann auf mit so einer Routine, weil das Vergessen die Oberflächen glättet.
Und auch weil Filter in diesem Jahrtausend eben gar nicht mehr von Bedeutung sind, und die Assoziations-Dichte einfach geringer wurde.
All das war es, was mich heute beim Samstags-Einkauf aus der Konzentration gerissen hat. Ich könnte jetzt auch gar nicht sagen, welche Bananen ich nun genommen habe.