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Wien | 24.10.2007 | 17:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW 43, Mittwoch.
 
 
 
 
Über Glanz und Elend der Kommerzkultur.
 
Der Kollege Robert Misik, den ich als Blogger ebenso wie als Autor und darüberhinaus auch noch als guten Typen und Diskussionspartner schätze, hat ein neues Buch veröffentlicht: es heißt, mehr als ironisch verbrämt, Das Kult-Buch (Aufbau-Verlag) und befasst sich nicht nur mit dem im Untertitel avisierten "Glanz und Elend der Kommerzkultur", sondern versucht den Wertewandel, den Begriffe wie Kultur bzw. Kreativität in den letzten Jahren vollzogen haben, in einen erklärenden Zusammenhang mit der aktuellen "Totalkulturalisierung der Ökonomie" zu stellen.

Das klingt ganz schön wild und anstrengend und diederichsenesk, und das war es gestern Abend, anlässlich der Präsentation, als just jener (der Diederichsen, der Diedrich) für eine kleine Diskussion eingeflogen wurde, natürlich auch.

Das Buch selber hantiert zwar auch mit schwerwiegenden Begriffen, erklärt seine Grundthese dann aber auch durchaus handfest und anschaulich.

 
 
Kreativität
 
Dadurch dass sich der Begriff der Kreativität von einem künstlerischen Mythos zu einem Imperativ und zuletzt zu einem Lifestyle gewandelt hat (wie das Doris Rothauer, die dritte Diskutantin von gestern, schön zusammengefasst hat), hat sich auch die Wertigkeit gedreht. Wo früher sowas wie beamtische Beständigkeit die Arbeitswelt definiert hat, wohingegen alles "Kreative" dem ein wenig abfällig behandelten künstlerischen Sektor zugeschrieben wurde, ist es heute eine neu geformte Version von "Kreativität", die nicht nur Management und Marketing, sondern mittlerweile jedem Arbeiter und Angestellten abverlangt wird.
Etwas, was sich auch in der Verlagerung der Bedeutungen bei Produkten äußert: Nicht die reine Produktion zählt, wirklich wichtig ist der Arbeitsschritt, in dem aus einem Produkt eine Marke, ein Brand wird.
Was dann wiederum dazu führt, dass die Kunst ihre früher (zumindest ideell) vorhandene Autonomie verliert.
Dieser vergleichsweise neue Kulturkapitalismus ist uns zwar praktisch allen klar - mit der Verinnerlichung klappt es aber noch nicht so recht.

Die Ware, das Produkt, egal ob der Turnschuh oder eine Information (der vielbeschworene Content) ist via seines Images von Bedeutung. Da eine simple Konsumkritik anzusetzen, die sich im Gejammer über Manipulation durch Werbung erschöpft, das reicht, so meint Misik, heute nicht mehr aus. Weil der Stil- und Kultur-Konsum mittlerweile auch bereits eine Form der Produktion seien.

 
 
Die Kulturalisierung der Ökonomie
 
Diese Identitäts-Findung, die übers Gewinnen oder Shoppen von Konsum-Gütern oder Kultur gelingt, trägt akut zu einer zunehmend unauflöslichen Vermengung von früher (scheinbar) gegnerischen Positionen wie Kommerz und Kultur bei.

Misik erklärt das anhand eines anschaulichen Bespiels, dem gern als veritablen Gegenteil zur kalten Rationalität der Wirtschaftswelt dargestellten "Modell der romantischen Liebe", die aus wilden Zutaten wie unerklärlicher erotischer Anziehung und kopflosem "dem Anderen verfallen" besteht.
In Wahrheit bestehen die Rituale der romantischen Liebe aus fabriksmäßig angefertigten kommerzialisierten Bildern, der roten Rose, dem Candle-Light-Dinner, dem Trip nach Venedig, alles Produkte einer ganzen Industrie, die (mit den Mitteln der Folklore) Erwartungshaltungen schürt, anbietet und auch bedient.

Genauso funktioniert unser gesamtes Leben fast flächendeckend in höchst kalkulierbarem Terrain. Im Kleinen (z.B. beim fair getradeten Bio-Produkt) ist uns das klar, im größeren Zusammenhang jedoch tun wir gern so, als wären wir Einsiedler; als würde unser täglicher kreativer Input da nicht die angepasste Vermassung unterstützen, virtuelle Grenzen zwischen "echt" und "künstlich", zwischen "authentisch" und "kommerziell" nicht ununterbrochen verrücken.

 
 
Der Brand als Leitmotiv
 
Der Unterschied zur Klassengesellschaft alter Prägung ist der, dass man früher trotz materiellen Mangels einer kulturellen Leistung für fähig gehalten wurde, während das heute dem abgehängten Präkariat niemand mehr zutraut.
Aus der kulturellen Mangelernähung dieser Unterklasse kommt man - auch durch die riesenhafte Vergrößerung der Mittelklasse begründet - nur noch schwer raus.
Im Gegenteil.
Denn das mit der neuen Kreativität einhergehende Freiheits-Versprechen, das auch Teile der Mittelschicht zu prekären Kleinunternehmern macht, sorgt dafür, dass sich substanziell nicht viel verbessern kann.

Der mittlerweile selbstverständliche Einsatz von Brands, um Marken, Nationen aber auch Künstler herauszuheben, spiegelt ein Veränderungs-Potential vor (weil sowas theoretisch jeder schaffen kann), das es nicht wirklich gibt: Der Pool kann nicht größer werden als 100% und es sind immer noch die altbackenen ökonomischen Mechanismen, die die Welt regieren; selbst wenn die Firmenstrukturen innerhalb dieser Regenten sich mittlerweile den creative industries anzunähern beginnen.

 
 
Der bunte Kulturkapitalismus
 
Misik hält das Glas interessanterweise für eher halbvoll.

Er sagt: "Der Kulturkapitalismus macht die Welt in vieler Hinsicht bunter und lebenswerter, ja in mancher Hinsicht auch gerechter. Die Auflösung fester sozialer Milieus und hart voneinander abgegrenzter Schichten in fluide Lifestyle-Communities ist auch wohl dann noch als Freiheitsgewinn und Zuwachs an Ausdrucksmöglichkeiten, aber auch als Entschärfung von Kassendünkeln zu bilanzieren, wenn man die neuen Ungleichheiten, die er einzieht, nicht übersieht. Dass die Codes und Stile der Unterschichten und Beherrschten in den modischen Fundus der Massenkultur aufzusteigen vermögen, gehört ebenso in dieses Bild. Auch der Aufstieg der Künstlertugenden zum Leitbild für die neuen Arbeitnehmer und die Creative Classes gibt vielen Menschen die Möglichkeit zu einem erfüllteren, kreativeren Erwerbsleben. Der Zuwachs an Erlebnisangeboten erweitert den Radius unserer Lebenswelten. Dass man für diese Erlebnisse mit barer Münze bezahlen muss, ist zwar eine Tatsache, die Ungleichheiten nicht abbaut, aber auch nicht notwendigerweise verschärft."

Mehr schlaue und gut ausgeführte Gedanken dazu in Misiks Blog.

 
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