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Wien | 29.10.2007 | 17:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW 44, Montag.
  Die NYT, der Emo-Raster beim Zeitung-Lesen und was das mit Woody Guthrie zu tun hat.
 
 
 
Die NYT...
 
Ich hab mich gestern ja selber unter Druck gesetzt: 15 Minuten zu spät gekommen bei der Abfahrt aus München, weil ich noch in der Stadt drin war, auch um am Bahnhof die nur dort am Kiosk erhältliche New York Times abzustauben, da gab es dann natürlich "Na hoffentlich ist es das wert!"-Witze.

Ist es normalerweise.
Beim letztenmal (hab vergessen zu welchem Anlass) konnte ich aus einer einzigen NYT-Ausgabe fünf oder sechs Geschichten, Anregungen, Weiterleitungen, Verknüpfungen etc. finden, die dann ihrerseits jeweils wieder eine Geschichte, einen Gedanken, eine Weiterleitung etc. erfuhren.

Das hat wohl damit zu tun, dass die NYT dann, wenn man sie selten in die Hände kriegt, allein schon durch ihren anderen Ansatz und Blick auf die Dinge automatisch höheres Gewicht hat, als das was man täglich vorgesetzt kriegt, dessen Blickwinkel man also schon internalisert hat.

 
 
... Ian Brown...
 
So eine point-of-view-Änderung kann fast alles neu ausleuchten. Ich erinnere mich, dass ich am Rückweg von Glasgow im mittlerweile von mir kaum noch gelesenem NME ein Interview mit dem von mir auch aufs geistige Altenteil geschobenem Ian Brown über seine aktuelle Single gelesen habe, die ihm und diesem Song plötzlich neuen Sinn verlieh.
Nicht weil das Stück plötzlich besser war, sondern weil mir aufgrund eines Blickwechsels klar wurde, woher dieses Lied kam. Denn auch ein ein wenig naiver und sehr später Anti-Kriegs-Protest erschließt sich jedem, der sich eben in einem Land, dessen Flughäfen sich in einem tatsächlich spürbaren Kriegszustand befinden, befunden hat.
Der Ortswechsel macht also Ian Brown nachvollziehbar.

So ähnlich funktioniert das mit US-Ansätzen via New York Times. Oft werden dort Dinge mit einer Selbstverständlichkeit oder mit einer scheinbaren Ignoranz behandelt, die den Europäer stutzen lassen. Da die NYT-Geschichten das diesbezüglich höchstmögliche Niveau haben, lässt sich der Grund für diese Position aber dann doch erspüren. Und das bringt einen tatsächlichen Erkenntnisgewinn.

 
 
... der Emo-Raster beim Zeitung-Lesen...
 
Deshalb hat der seltene Konsum der NYT für mich heute wohl so etwas unmittelbares, staunendes und direktes wie das, was "die Zeitung" in sehr viel früherer Zeit wohl für viele Menschen hatte.

Heute funktioniert Zeitungs-Konsum in erster Linie indirekt: Man filtert das heraus, was einem von Nutzen sein kann, und legt einen entsprechenden Raster darüber.

Dieser Raster an Voraberwartungen schaltet einerseits eine Ebene dazu, nämlich die "Was ist wirklich damit gemeint?"-Kontroll-Frage. Da kaum noch jemand den Medien traut, ist so etwas wie unmittelbares Lesen fast schon tot.

Die andere Ebene ist die des persönlichen Betroffenseins. Alles, was nicht mit einem selbst und unmittelbar Erlebtem zu tun hat, wird viel schneller als uninteressant weggefiltert, weil die Angebotslage einfach zuviel bereithält, was direkte Anmache und persönliche Ansprache, besser: Konsum-Versprechen, in sich trägt.

 
 
die freiwillige Bewusstlosigkeit...
 
Geschichten aus fremden Welten kommen nur noch dann durch, wenn sie einen entweder irgendwo zufällig erwischen, an einer persönlichen Achillesferse, oder wenn sie anhand eines klar verständlichen Grundmusters hochgezogen werden.

Birma/Myanmar z.B.: Ganz Österreich ist letztlich ohne Ahnung was da warum passiert, erstaunlich viele aber haben dazu eine Meinung, weil die Berichterstattung da richtige Knöpfe gedrückt hat.
Wobei das dann allerdings eher über die Bilder passiert, als über "die Zeitung", deren außenpolitischen Teil eh keiner liest.

Das führt mich zum nächsten Punkt: Die Zeitung hat ihre emotionale Kompetenz verloren. Historisch gesehen zuerst ans Radio, diese wilde und direkteste aller Emo-Schleudern und später ans Fernsehen, den betrügerischen Bilder-Lieferanten.

Der "alte" Ansatz "die Zeitung" zu konsumieren, der aus der Prä-TV-Ära stammt, der hat noch sehr viel mit diesem Willen zu tun, sich jetzt bewusst von einem Medium emotionalisieren zu lassen, hatte also was von dem, wie wir heute TV konsumieren, von dieser freiwilligen Bewusstlosigkeit, in die wir uns angesichts der Bilder begeben.

 
 
... was das mit Woody Guthrie zu tun hat...
 
Und irgendwas von genau dem, von dieser gefühlsmäßig stärkeren Medien-Rezeption spür ich bei diesen seltenen Gelegenheiten, die diese Fernbeziehung zur New York Times ausmacht.

Natürlich ist das jetzt eine etwas verkürzte Version der Wirklichkeit. Denn natürlich gab es immer schon auch eine kritische Rezeption, die genau die Emotionalität der alten Print-Medien, der "Zeitung" eben hinterfragt (so wie es heute ja genauso mit den TV-Bildern stattfindet).

Ich habe das von meinem Vorbild für dieses Journal-Projekt gelernt, von Woody Guthrie, der es sich zu seiner Aufgabe gesetzt hat, jeden Tag einen Song zu schreiben, und der dabei mehr als einmal einfach "die Zeitung" des Tages hernahm, um sich ein dort verhandeltes Thema herauszugreifen, manchmal eine ganz simple Chronik-Geschichte über Mord, Unfälle und andere Verderben, wahre Geschichten über Ausbeutung, Betrug und Gängelei.

Guthrie brauchte dazu beides: die direkte Emotion, die beim Lesen des Textes (das damals so funktionierte wie heute das Betrachten der Bilder) hochkommt, und genauso die "Was ist wirklich damit gemeint?"-Frage, die Neugier, auf das, was dahintersteckt zu kommen.

 
 
... und was nicht.
 
Das, was Guthrie immer vermieden hat (und nur so konnte er zu einem Volkssänger, einem Folksinger werden) ist der "Was nützt es mir?"-Filter. Damit hüpft man, wenn man sich bewusst öffentlich bewegt, wenn man aufregen, austeilen, anmachen will, nicht weit.
Da heißt es die Person hintanzustellen und zulassen, dass ein Teil des Publikums nicht zwischen Singer und Song (so wie gestern hier geschehen) unterscheiden kann.
Da heißt es aber auch klassischen Konsum-Versprechen nicht auf den Leim zu gehen und nicht den bequemsten Weg vorzustellen.

Insofern ist der Guthriesche Ansatz immer noch so heutig wie wenig anderes, was aktuell ähnlich wichtige Ziele verfolgt.

Ja, übrigens: Die Ausgabe der NYT (Donnerstag 25.10.), die ich vom Münchner Bahnhofs-kiosk entführt habe, hat mir zwar ein paar Lese-Geschichten geschenkt, aber es gab nichts, was die befruchtende Weiterführung, die mich da sonst überkommt, ausgelöst hatte. Manchmal hat das Jahr solche Tage. Meine Fernbeziehung wird darunter nicht leiden.

 
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