Vor einigen Tagen hab ich einen kleinen Text für ein Zeitungs-Projekt abgegeben, das jetzt erschienen ist; wie alle, die da dran teilnehmen, unentgeltlich und für die Sache, die uns wichtig erscheint.
Dieses Projekt wird von Menschen angegangen, die von der seriösen Hochglanz-Zeitschriften-Produktion her kommen und also sehr genau arbeiten - quasi ein Gegenpol zur sehr schnellen Produktion etwa hier.
So kam ich dann auch kurz mit einem Lektor in Kontakt, der ein paar Anmerkungen zum Text zurückschrieb. Die meisten davon betrafen klarstellende Kleinigkeiten, Vorschläge Satzgruppen umzustellen etc., branchenübliches Zeug, alles höchst nützlich.
Zwei der acht Anmerkungen waren seltsam.
Die erste betraf die Erwähnung eines Woody-Allen-Klassikers, der ein bestimmtes Bild noch verstärken sollte. Da merkte der Lektor an, er würde befürchten, dass man diesen Film womöglich nicht kenne und das Bild deshalb nicht funktionieren würde.
Ich war deshalb überrascht über diese Anmerkung, weil ich mir über diese Art der Publikumsnähe heischenden Selbstzensur schon lange keine Gedanken mehr gemacht habe.
Hier
im Netz ist das sowieso obsolet.
Wenn ich das Gefühl habe, einen Hinweis geben zu müssen, weroderwas das jetzt ist, oder was diese Erwähnung bedeutet, dann kann ich gelb einfärben und verlinken. Ich denke auch, dass diese neue Art der potentiellen Vertiefung so weit ins heutige Lesegemüt übergegangen ist, dass man sich Begriffe, die man nicht kennt oder grad nicht zuordnen kann, sowieso auf seine tägliche Suchmaschinen-Liste setzt.
Untertags, in PC-Nähe kann man sich derlei eh immer abrufen - beim Zeitungs-Lesen am Klo oder beim Blöddaherreden im nächtlichen Lokal ergeben sich aber immer wieder assoziative Lücken, die man dann Stunden später mit einem nachcheckenden Blick in die Suchmaschine wieder schließen kann.
Mir geht das so und viele, die ich kenne, händeln das genauso.
Aus diesen beiden Gründen ist für mich die Zitierung eines Films, den nicht alle, die einen Text lesen, gesehen haben müssen, kein Problem.
Weitergedacht dürfte man nämlich letztlich maximal Worte oder Bilder aus Werken zitieren, die alle gesehen haben - denn überall sonst würde man Menschen ausschließen. Da ich aber z.B. weder weiß, wer Lindsay Lohan eigentlich genau ist (Sängerin, Schauspielerin, Model, ParisII?) und die Bibel nur sehr kursorisch kenne, müsste der Lektor dann eigentlich jedes Beispiel, jedes Bild, jeden Vergleich aus jedem Text rausstreichen.
In einer zunehmend referentiell vernetzten Welt jedoch, halte ich das für höchst überflüssig.
Die zweite
Anmerkung, die mich stutzen ließ, betraf ein in diesen Text bereits unauffällig eingeschmuggeltes Füllwort: eh.
Ich hab, schrieb der Lektor, nix gegen umgangssprachliche Wendungen, aber grad das "eh" muss es aus meiner Sicht nicht unbedingt sein.
Das sehe ich nicht so.
Im Gegenteil.
Grad das "eh" kann in einem österreichischem Text über ein österreichisches Thema derart präzise Nuancen ausloten wie sonst kein anderer durch Tausende Nestroy-Theater-Abende geschleifter Begriff.
Ein "eh" ist kein simples ohnehin.
Ein gesprochenes "Eh" kann, je nach Tonalität, je nach Einsatzort oder Einsatzzeit wesentlich mehr als das schwache Ohnehin oder das noch zumindest halbwegs brauchbare Sowieso.
Ein von Werner Geier oder Robert Rotifer verwendetes "Eh" beispielsweise bedeutet das genaue Gegenteil seiner ursprünglichen Zustimmung.
Sie fangen damit die Wortmeldung des Gegenübers auf, wiegen ihn kurz in der Sicherheit "eh" derselben Absicht zu sein und kehren den Ansatz dann in ein paar Sätzen um 180 Grad um, ohne die Eh-Ebene zu verlassen.
Das ist eine veritable Kunstform, die formal den Konflikt vermeidet, den man inhaltlich unbarmherzig austrägt.
Und selbst
das schriftliche "Eh", das viel weniger kann als das gesprochene, ist seinen Synonymen klar voraus.
Um bei meinem Beispiel zu bleiben: "alles andere sind geschummelte 20 angeblich eh brauchbare Minuten,..."
Das "eh" verstärkt die angeblich brauchbaren Minuten. Es ist auch wesentlich präziser als etwa angeblich ohnehin brauchbare Minuten, oder als angeblich sowieso brauchbare Minuten. In diesem "eh" wird die Wurschtigkeit und Dummheit, die in diesem angesprochenen Akt der Verschleierung und Beschönigung drinsteckt, automatisch gegen den gedreht, der es als Waffe benützt.
Mit diesem Einsatz macht der Satzteil letztlich dasselbe wie Werner und Robert: Er stellt formal eine Zustimmung dar, dreht die aber sofort um. Weil mittels "eh" die Täuschungsabsicht offensichtlich wird, mehr noch, weil man damit das Durchblicken dieser Absicht ausstellt und den Trick so besonders erbärmlich scheitern lässt.
Mittlerweile hat sich das an sich bairische "eh", das merke ich, in vielen Teilen des deutschsprachigen Raums ganz schön durchgesetzt. Wohl auch weil jeder, der mit Sprache engen Umgang pflegt, die Anwendungs-Überlegenheit des kleinen Unworts erkannt hat.
Das "eh" ist ein subversiver gerissener kleiner Teufel, ein wichtiger Peiniger im Kampf der Aufständler gegen die Mächtigen. Und eine Streichung aus Gründen einer falsch verstandenen Sprach-Ästhetik kommt nicht in Frage.