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Wien | 8.11.2007 | 17:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW 45, Donnerstag.
 
 
 
 
Old Rave, New Rave, Rave Up.
 
Dass ein Tonträger-Shop heute sein 20-Jähriges Bestehen feiert, das ist womöglich nichts Ungewöhnliches (obwohl 20 Jahre Durchhalten eigentlich schon ganz beachtlich ist, aber bitte). Im Falle des Rave Up bedeutet das aber doch einiges mehr.
Schließlich ist das Rave Up ein Plattengeschäft im Nick Hornby'schen Sinn. Und das veritable Zentrum einer ins Diffuse auslappenden Welt - keine zentralkomiteemäßige Befehlsausgabestelle, aber ein fixer Anlaufpunkt für mehr als eine Szene in der Hauptstadt.

Wenn jemand nach einem Geschäft in Wien sucht, dass ihm/ihr Musik abseits der Media-Markt-Größenordnung besorgen kann, ist das Rave Up immer noch die erste Adresse. Und selbst die jüngeren Experten, die vielleicht schon über ein anderes Geschäft reingesogen und szenesozialisiert wurden, werden es in ihrer Short-List nicht auslassen können.
Das Rave Up ist also wichtig.
Das ist es auch deswegen, weil es zu einem richtigen Zeitpunkt in die Stadt kam. Vor 20 Jahren eben.

 
 
Ich will jetzt nicht
  das schöne Lied mit dem "Wir ham ja nix ghabt damals!" singen, auch wenn es wahr wäre. Denn auch vor 20 Jahren, als bereits die dritte jugendkulturelle Welle (nach dem verspäteten Polit-Hippietum der Arena ab 75, nach der wilden Neue-Welle-Zeit ab 80), die erstmals so etwas wie ein Indie-Ideal (gabs ja vorher nicht) etablierte, Einzug hielt, konnte man nicht davon ausgehen, dass es sich lohnen würde, für diese paar Hanseln, diese schmale Szene, ein zweites Plattengeschäft neben dem damals alles überragenden Why Not einzuführen.
In Wirklichkeit war das komplettes Harakiri.

Aber da kommt ein zweites, genauso wahres, aber seltener zitiertes Klischee ins Spiel: dass es nämlich oftmals die Zuagrasten sind, die in der Stadt was bewegen. Junge verrückte Menschen, die der Uni, der Liebe oder sonstwas wegen aus den Bundesländern nach Wien kommen und mit einer grundsätzlichen "Wieso denn nicht?"-Haltung an Herausforderungen herangehen, die der hier Geborene oder der schon länger Ansässige gar nicht mehr hat.

 
 
Daraus ist das
  Rave Up entstanden, aus diesem Warum-denn-nicht?, das die Doris und der Shorty, das Paar hinter dem Projekt, dir immer mit ziemlich starrsinniger Sicherheit ins Gesicht sagten, wenn man sie vorsichtig darauf ansprach.

Der Shorty und die Doris kamen aus der Mürzzuschlager Gegend nach Wien. Dort, in eine der vielen kulturellen Steppen des Landes, hatten sie auch schon versucht sowas wie Rock-Unkultur zu etablieren, und waren dabei natürlich auf einen getroffen, der sich schon ein paar Jahre früher als sie nach Wien aufmachte, um alles aufzumischen: Werner Geier. Wer da jetzt wen auf den Weg gebracht hatte, wie das genau war - ich kenne die alten Geschichten, hab' sie aber unter ein wenig Patina vergraben und teilvergessen. In jedem Fall waren ihre Umtriebe kein Zufall.

Werner begann ab Anfang der 80er in der Musicbox umzurühren, und seine alten Wegbegleiter kamen dann sieben Jahre später und gaben mit ihrem Shop, der inerhalb kürzester Zeit zum Szene-Treff wurde, wichtige Unterstützung.

 
 
Wie sowas ablief,
  dazu brauchten wir kein High Fidelity, da reichte das alte Ton um Ton, das Ende der 70er, Anfang der 80er die ersten Punk-Singles importierte und danach das Why Not, um zu zeigen wie es geht.
Alle, die sich in neuer Musik verloren hatten, standen da mindestens zweimal die Woche herum und verbrachten Stunden damit, sich die neuen Sachen anzusehen, die neuen Fanzines durchzublättern, Musik anzuhören und darüber zu reden, sehr schlau natürlich.
Mit der Zeit redete man dann auch über anderes, und es kamen Menschen extra nur deshalb auch dorthin, um - wie in einem Cafe, in einem Salon - Schmäh zu führen.

Ein Salon musste der führende der Stadt sein, und nach einem kurzen Kampf gab das an inhaltlicher Erschlaffung leidende Why Not die Fackel ab - was wirklich wichtig war, wurde hinkünftig im Rave Up verhandelt. Dem Why Not blieben die Gruftis und Metal-Typen, der Rest, vor allem die immer stärker werdende Indie-Szene, wanderte die drei Blocks weiter.

 
 
Dabei spielten die
  Gastgeber keine salondamenmäßige Rolle - weder der Doris noch dem Shorty ging oder geht es um Selbstdarstellung. Sie sind Zustande- und Zusammenbringer, Finisher.

Das ist womöglich auch der Punkt, wie sie mit dem Werner (damals) gut zurandekamen. Der ist ein Erfinder und Bastler, aber kein Finisher. Apropos: komischerweise ist das die bereits dritte Geschichte innerhalb kurzer Zeit, in der der große Autor, Produzent, Musicbox-Macher und FM4-Piepsen-Erfinder hier auftaucht.
Ich kann aber weder, wenn es um das Füllwort Eh geht an ihm vorbei, noch war das anlässlich dieser Kino-Rausgeh-Sache hier möglich. Und natürlich ist auch die Rave Up-Geschichte (für mich) untrennbar mit ihm verbunden. Und durch seine jetzt schon jahrelange krankheitsbedingte Abwesenheit aus der neueren Geschichte dieser Stadt haben die Geschichten, in denen er vorkommt, dann auch ein gefühlt schwereres Gewicht.

Aber das ist eine andere Geschichte.

 
 
Die des Rave Up
  manifestiert sich meiner Erinnerung nach am stärksten als die rund um 1990 wichtigste Indie-Band des Planeten, die Beasts of Bourbon aus Australien ihren Wien-Aufenthalt weitestgehend im Lokal bzw. mit deren Umfeld bestritten.

Die Beasts hätten auch zum 20-Jährigen Jubiläum kommen sollen, dürften aber - vorsichtig gesagt - körperlich nicht fit genug dafür gewesen sein. Denn im Gegensatz zu ihren australischen Verwandten, der Nick Cave & "Boys Next Door"-Posse, hatten Tex Perkins und Co ihre exstatischen Blues&Hardcore-Exzesse (die später von der Jon Spencer Blues Explosion und mittlerweile von Jack White weiterentwickelt und an eine Spitze getrieben wurden) körperlich nicht unversehrt überstanden.

So sind "Les Hommes Sauvages" aus Berlin die heutige Partyband. Zuerst bis 22 Uhr im Shop (1060, Hofmühlgasse 1) selber, danach dann bis zur Sperrstunde in der Philiale im Gartenbau-Kino.

 
 
"Ask for Beasts of Bourbon
  and you will be king ;-)
Also fine selection of electronica, experimental music, reggae and soul records."
steht nicht zu Unrecht in einer internationalen Beschreibung des Rave Up. Die Variätät ist keine Übertreibung, sie besteht seit Anbeginn an, auch zu Zeiten, als es einzelne puristische Gruppen lieber gesehen hätten, wenn man sich beschränkt hätte; keinen HipHop, keinen House, mehr neuseeländische Importe oder sonstwas geordert hätte.

Im Rave Up ist die Gefahr, alles finden zu können, hoch.
Das hat nicht nur mit dem immer glaubwürdigen "Bestellen wir dir!" von Shorty, sondern auch mit allen, fast durch die Bank legendären Verkäufern zu tun, die sich zwischen (auch wichtiger) Verächtlichmachung (siehe Jack Black in der Hornby-Verfilmung) und sanftem Empfehlungs-Druck einpendelten - wie etwa Herrn Plöckinger, den ich da hervorheben möchte, auch wenn der jetzt in einem anderen legendären Shop (dem Black Market) werkelt. Die Szene ist durchlässig, es ist Platz genug für mehr.

Denn das hat sich in den 20 Jahren, die das Rave Up jetzt seinen Platz hat, geändert. Drastisch. Dass viel, viel mehr möglich ist, als man glauben möchte. Und daran haben sie selber mitgewirkt; als richtiges Projekt zum richtigen Zeitpunkt.

 
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