Mitten in einer Geschichte über die scheinbare Rückläufigkeit des "Second Life" in der heutigen Ausgabe der deutschen Wochenzeitschrift Freitag stehen da ein paar scheinbar banale Sätze: "Weil wir uns Telefonhörer ans Ohr pressen, vor dem Fernseher sitzen, und das Buch in Händen halten, sind Telefongespräche, Fernsehen und Lektüre real, denn es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass wir real sind. Denn all diese Virtualitäten unseres Alltags haben den Vorteil, dass sie immer noch in irgendeinem sichtbaren Zusammenhang mit unserem Körper stehen und somit der realen Welt zugeordnet werden können. Die Navigation des Internet besaß bisher diese Verkörperung nicht."
Unlängst als genau das Thema eines Gesprächs über das Hinterherhinken des Menschen, was die Fähigkeiten der Anwendung seiner technischen Erfindungen betrifft war, ist mir diese so simple Analogie, sind mir diese handfesten Vergleiche mit den Vorgänger-Entwicklungen nicht eingefallen.
Für die Generation meiner Eltern ist schon die nicht stationäre Telephonie ein wenig virtuell. Weil für sie die Körperlichkeit fehlt. In etwa so, wie dann einigen aus meiner Generation auch bereits die Denk-Möglichkeit fehlt, dass Kommunikation via Web, egal ob spielerisch oder "seriös" genauso wertig sein kann wie das, was sie als Real-Kommunikation bezeichnen mögen.
Was fehlt ist nur diese simple Verständnis-Brücke: dass ja auch das Faktum ein Buch zu lesen ein Schritt ins Virtuelle ist, dass auch Kommunikation via Telefon eine als "unecht" bezeichnet werden kann - wir sie aber mittlerweile selbstverständlich als real akzeptieren.
Etwas, was die kommunikationstechnische Überwindung des alten Raum-Begriffs selbstverständlich auch ist - nur wird es ein paar Zeiteinheiten dauern, bis sich das mehrheitlich durchgesetzt haben wird.
Diese Geschichte,
die Mathias Mertens da über Second Life geschrieben hat, ist von angenehm unsarkastischer Süffisanz. Er beschreibt das vor kurzem erfolgte Hochschwatzen von Second Life ebenso wie das jetzt gerade envogue Niederlabern dieser virtuellen Welt, als das was es ist - ein reines Medien-Phänomen.
Es ist wie bei einem neuen Club, einem neuen public place, einem neuen Theater wie der heute eröffnenden Brut oder einer neuen Website: man schaut vorbei, checkt ab was los ist und macht sich ein Bild, in einer Momentaufnahme.
Wenn ein kleiner Hype alle ins Second Life treibt, dann wird man dort eben nur anderen Neugierdsnasen oder Marketingfritzen auf der Suche nach neuen Widerhaken-Festsetz-Ideen vorfinden - weil sich die Ureinwohner gegenüber solcher Fremdscharen natürlich unsichtbar machen oder gut (in Extraräumen) abschotten können.
Und schon ist die Neugierdsnasen-In-Crowd wieder weg und findet den Hype "total übertrieben", wiewohl sie bloß Opfer ihrer eigenen (Nicht-)Strategie geworden sind.
Wie Mertens das in einem anderen stoisch-banalem Satz sagt: "Eine Bühne ist kein Theater. Erst wenn auf einer Bühne Schauspieler im Sinn eines Regisseurs ein Theaterstück vor Publikum auffpühren, entsteht Theater."
Second Life ist eine Bühne, ebenso wie Myspace und andere. Die Spiele innendrin müssen erst gemacht, es muß also erst bespielt werden.
Und an dieser Hürde scheitern die, die sich eigentlich um die Entwicklung dieses virtuellen Raums in eine reale Kommunikationsfläche kümmern müßten - die Konsumanbieter des Kapitalismus.
Sie bieten Räume an, haben Ideen für immer neue Plattformen, erfinden neue Tools - dass es für ein Bespielen aber um etwas gehen muß, dass es inhaltliche Futter braucht, das ist nur den wenigsten klar.
Ihre Fantasielosigkeit
sorgt für ein einzigartiges Paradoxon: während sich überall sonst in allen Menschheitsentwicklungen die Zeit zwischen technischer Erfindung und Sinn-Belegung auf ein Minimum verkürzt, ist es just der virtuelle Bereich, in dem diese Zeit-Diskrepanz ansteigt. Es stehen also sehr sehr viele Bühnen herum, die von den (erstaunlich beratungsresistenten) Kapitänen der Konsum-Industrie mit Theatern verwechselt werden.
Simple Angebote wie das Handy oder die TV-Kiste oder der Computer haben unendlich lange gebraucht um aus ihrer starren, rein technoiden Behandlung als das angenommen zu werden, was sie tatsächlich zu leisten vermögen: Fenster zu sein, Verbreiterungen, Verdichtungen und Verengungen im neuen Raum, dritte und vierte Plätze, alles sehr virtuell und doch alles sehr sehr real, weil (Mertens) "dadurch Beziehungen zu anderen Menschen gestiftet werden, die wir als Raum verstehen und in unseren Alltag integrieren". Dass die Existenz der Internet-Telephonie eigentlich helfen müßte die aktuellen Entwicklungen schneller zu verstehen, ist nur ein Treppenwitz dieser Geschichte.
Denn das, was gestern noch als absurder Auswuchs einer überflüssigen Hinwendung in eine offenbar böse virtuelle Welt (im Gegensatz zu der "guten" der bereits kanonisierten Künste) gegolten hat, wird morgen so dastehen wie die früher als Teufelswerk geltenden Dampflok oder jedwede verdächtige Unterhaltungs-Elektronik seit dem Walkman.
Schwer wird es für die, die sich mit den herkömmlichen Kommunikationsformen so gut eingelebt haben, dass sie die neuen nicht brauchen. Und vor allem dann, wenn diese Menschen es sind, die sich dann weigern für die neuen Maßstäbe denkerische Gerechtigkeit geltend zu machen, egal ob sie da als Bremser und Schützer des Abendlandes oder als inhaltlich schwachbrüstige ideenlose Gesellen, die sich in die Entwicklung der Technik flüchten anstatt in die Entwicklung des Denkens und Handelns zu investieren, unterwegs sind.