Wer wissen wollte, wie es ausschauen wird, wenn Österreichs Nationalteam mit dem bisherigen Konzept (also: Gottvertrauen auf ein Zufallstor und dann wehrhaft und spielkulturell inexistent erstarren) bei der Euro antritt, der bekam gestern ein veritables Musterspiel serviert: die Austria Wien imitierte die Nationalmannschaft vorbildlich, in jeder Hinsicht und verlor ihr UEFA-Cup-Heimspiel gegen Girondins Bordeaux (die dankenswerterweise eine technisch und taktisch vorbildlich eingestellte Mannschaft der 2. Qualitäts-Kategorie simulierte). Und zwar verdient.
Und es war, im Gegensatz zum hysterisch-patriotischen Währenddessen- und Nachhinein-Gekrähe auch in jeder Sekunde des Spiels klar, dass es verlorengehen würde (auch wenn Bordeaux ein Remis durchaus ebenso zufriedengestellt hätte).
Denn: eine derartige technische Überlegenheit, eine derartige spielerische Übermacht, ein derart subtil ausgeklügeltes System, eine derartige strategische Dominanz muss sich im Verlauf von 90 Minuten auswirken.
Und: die Limitiertheit eines angstvollen, sich von vornherein als deutlich unterlegen erachtenden Teams in punkto Tempo, Ballverlust/Ballereroberung, Passgenauigkeit und vor allem die erschreckende Einfallslosigkeit des Coaching Teams wurde selten so deutlich, wie gegen diesen geduldig seine Vorzüge ausspielenden Gegner.
roh und übermotiviert: kuljic
Zufällig
hat mir gestern ein Bekannter eine Pre-Match-Analyse, die Jose Mourinho vor einem x-beliebigen Premier League-Match (konkret: Steve Crilleys Newcastle) gefertigt hat, übersandt.
Das sind vier pickepackevolle Seiten mit jeder Menge Skizzen über die prinzipielle und die ganz konkrete Spielanlage des Gegners, mit jeder Menge Infos über die Organsiation in Defensive, Offensive, bei Standards etc, die die Match-Vorab-Analyse der Marke Hickersberger und Zellhofer sehr sehr alt aussehen lassen.
Die Skizzen betreffen spezielle Features der zu spielenden Mannschaft, Owens "attacking crosses", Solanos Züge nach Innen, Parkers Vorstöße, Boumsongs Schwäche sich ins Mittelfeld ziehen zu lassen uvam. Sogar die Aufstellung der gegnerischen Mannschaft bei Einwürfen wird skizziert.
Was ich damit sagen will: selbst ein Team wie Chelsea, das so wirkt, als würde es über seine Gegner drüberfahren, ist von seinem Coach über jeden Schas basisinformiert (und jemand wie Mourinho wird mittels seiner Autorität auch darauf bestehen, dass seine Kicker das verinnerlichen - sie haben schließlich nichts anderes zu tun, es ist ihr Job).
Hierzulande sehe ich vergleichsweise eher lächerlich aufgemalte (oft falsche) Charts und höre dann Sätze wie "nicht das Spiel des Gegners aufzwingen lassen", um damit zu kaschieren, dass man ihn halt nicht gut genug beobachtet hat um ihn im Detail zu kennen.
Und ich will jetzt nicht Sun Tsu zitieren müssen, um zu belegen wie wichtig genau das ist.
überfordert: gercaliu
Wenn
ein Team schon im Vorhinein weiß, dass es rein technisch und spielerisch klar unterlegen sein wird, dann ist die einzige Chance zu bestehen, extreme taktische Cleverness und hohe strategische Rafinesse.
Dazu bedarf es aber zumindest eines Plans B.
Dass der Zellhofer (ebenso wie Hickersberger, die beiden legen ihr Spiel seit Jahren - ebenso wie Schachner - mehr oder weniger gleich, also sehr leicht auszurechnend, an) fehlt, bedeutet mehr oder minder sich kampflos zu ergeben bzw eben darauf zu hoffen, dass ein gottergebenes Augen-zu-und-durch eine Zufalls-Chance erwischt.
Das ist zuwenig. Auch wenn eine bewusst dumm gehaltene Öffentlichkeit und ein leider wieder in Richtung Hurra-Patriotismus gehender Journalismus ernsthaft versuchen, aus einem Spiel mit einem Torschuss sowas wie Hoffnung zu konstruieren.
Es wird vor allem für das unrunde und uneingespielte Nationalteam noch weniger funktionieren als für die ein wenig runder laufende Austria.
Abhilfe leisten kann eben nur ein Mourinho.
bei ballverlusten persönlich beleidigt: acimovic
Fingerzeig 2.
Wer ist eigentlich Bordeaux, dass dieses Team den heimischen Herbstmeister so an die Wand spielen kann? Kein Schachtor Donezk (das Salzburg letztlich ebenso demütigte, spielerisch), weil man keine Multi-Millionen hinter sich hat, sondern ein Traditions-Klub aus Frankreich, einem Land mit einer gesunden Liga und einem hervorragenden Nachwuchs- und Förderungs-System.
Bei Bordeaux spielten gestern 7 Franzosen, von denen man mindestens 5 vorher nicht kennen musste. Die anderen beiden sind der 3. oder 4. französische Team-Tormann und ein ehemaliges schlampiges Mittelfeld-Genie, das deshalb auf nicht so viele Teameinsätze kam.
Dazu vier Legionäre: ein Stürmer aus Marokko, ein Verteidiger aus dem Senegal und zwei Brasilianer, von denen einer an den Teamkader ranschnuppern durfte.
Nominell ist diese Mannschaft also lange nicht so gut besetzt wie zb Salzburg. Und letztlich ist auch die Austria, wenn man europäische Teamspieler wie Bak, Lafata oder Acimovic heranzieht nicht wirklich entscheidend schwächer besetzt.
dauerzweiter: metz
Entscheidend
ist etwas anderes: die einfach ums vielfache bessere Ausbildung dieser uns vorher namentlich kaum bekannten Mannschaft.
Die verliert zwar jedes Jahr einige ihrer aus dem Nachwuchs herangezogenen Spieler (heuer waren das Mavuba oder auch Cid) an Vereine in den großen Ligen, holen aber immer neue Spieler, wie die gestern gesehenen Obertan oder Trémoulinas, hoch, die recht problemlos einsteigen können.
Alles Dinge, die der Austria, trotz FSA, eben nicht gelingen.
Das hat etwas mit der grundsätzlichen Ausrichtung zu tun. Die französischen Clubs der zweiten Kategorie (also alle hinter OL, OM und vielleicht noch den großmannssüchtigen PSG) sind sich bewusst, dass sie in der zweiten europäischen Reihe stehen, dass sie also Ausbildungs-Vereine im besten Sinne sind; nämlich Clubs, die Spieler heranbilden und sich über deren Erfolg und Verkauf dann einerseits die Infrastruktur für die Nachwuchs-Pflege aber auch den einen oder anderen guten Brasilianer leisten können. Damit sind sie in der Liga vorne dabei und können manchmal auch um die Champions League-Plätze mitspielen.
Das ist eine gesunde, weil realistische Einstellung.
überall, aber überhart: sariyar
Genau
das fehlt der Austria.
Die glaubt, wiewohl deutlichst in der dritten europäischen Kategorie verortet (der, die sich eben schon gegen Jablonec wirklich schwertut), dass es möglich ist sich durch großmannssüchtige Einkäufe und eine Kader-Verstopfung mittels Mittelmaß, dem scheinbar als schandhaft empfundenen Ziel, eben ein Ausbildungsverein zu sein, entkommen zu können.
Das ist leider komplett hirnverbrannt.
Auf der Basis einer in einer absurden Blase der unteren Mittelmäßigkeit verharrenden Operettenliga ist diese Flucht vor der Verantwortung (für die Zukunft des heimischen Fußballs) sogar fahrlässig.
Angesichts der gestern so brutal klar zutagetretenden Unterlegenheit in allen Kriterien, die durch eine nur halbherzig betriebene Ausbildung (in allen Bereichen, vom Coaching, über das Scouting bis hin zu einer gesunden Grund-Technik) zustandekommt, sind alle aufgerufen sich von den kindlich anmutenden Träumerein zu verabschieden und sich der Zukunft zu stellen.