fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 10.11.2007 | 11:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW 45, Samstag
 
 
 
 
Die Sache mit der Blogosphere.
 
Irgendwann in den letzten Tagen ist im Forum zu einem Journal in dem es um gänzlich anderes ging, eine Frage aufgetaucht, die sich auf die kleine Vorstellungszeile bezog, mit der ich bei allfälligen Fremd-Print-Publikationen in ein paar Worten sowas wie eine schnell verfangende Selbstdarstellung versuche.
Da stand nämlich u.a. "Web-Journal-Autor" und die Frage dazu lautete in etwa: Warum vermeidest du den Begriff des Bloggens so hartnäckig, jetzt, wo der Terminus doch angekommen wäre in Österreich.

Darauf gibt es ein paar Antworten.
Zum einen war das Anfang 2003, als ich hier mit dem Projekt des täglichen Eintrags in ungeraden Jahren begonnen hatte, noch nicht wirklich so.
Zum zweiten hat sich, zumindest intern (und auch im Umfeld der Begriff des "Journals" so sehr mit dem verbunden, was ich da mache, dass ich diesen eigenbesetzten Begriff ungern gegen einen fremddeterminierten eintauschen möchte.
Zum dritten ist der Blog-Begriff in Windeseile auch schon wieder entwertet worden, eh nur ungeschickt durch Marketing- und Polit-Strategen, die ihn nur in seiner Oberfläche erkannt haben, aber trotzdem.
Und zum vierten glaube ich nicht, dass das, was ich da mache, klassisches "bloggen" ist.

 
 
Der Blog,
  so wie ich ihn verstehe, der findet eher z.B. hier oder hier statt, in den Blogs, die sich heute bei einer Veranstaltung im Haller Stromboli präsentieren.

Da geht es - wie auch in den vielen anderen privaten Blogs, auf die ich im Laufe der Zeit immer wieder stoße - darum sich als Privat-Person, als vereinzeltes Individuum aus der Masse herauszuschälen und, im wahrsten Wortsinn, ein Profil zuzulegen. Dass da - als Begleiterscheinung - die eigenen Aktivitäten, die persönlichen Geschmäcker und die individuelle Weltsicht nicht zu kurz kommen, eh klar.

Da sich in Österreich die gesellschaftspolitischen Nöte in einem Luxus-Rahmen bewegen, da es hierzulande nicht (oder nur höchst selten) um Leben-oder-Tod-Fragen geht, da es kaum sowas wie der Öffentlichkeit vorenthaltene Grassroots-Info-Lücken gibt und da der Diskurs an sich hierzulande immer noch durch ererbtes obrigkeitshöriges Denken ziemlich unterentwickelt ist, sind auch die Blogs, die anderswo in Krisen-Zeiten eine wichtige Funktion haben (zuletzt Burma oder Irak, immer wieder China etc.) in Österreich inexistent.

 
 
Mit beiden
  tatsächlich existenten Blog-Formaten nun habe ich, hat dieses Journal hier eigentlich wenig zu tun. Es gibt nicht das eine konkrete Ziel und Anliegen, das ein Vertreter einer politischen Opposition in einer Diktatur oder ein Beobachter in einer Krisenregion hat. Und es geht hier/mir auch nicht um einen privatistischen Outlet eines klassischen Privat-Blogs.

Der große Unterschied: mein Ansatz ist im Wesentlichen ein journalistischer. Und zwar eindeutig nicht im Sinne des von einigen bewusst missverstandenen Pseudo-Objektivitäts-Journalismus, der nichts als einen Markt bedient und integrativer Teil der Konsumgesellschaft ist, sondern die Art von Journalismus, die Geschichten erzählen und Fragen stellen will; manchmal auch muss.

Dass das im Rahmen eines Mediums (besser: der Erweiterung eines Mediums), das ich und andere genau zu diesem Zwecke (zum Erzählen von Geschichten, zum Stellen von Fragen, die die Kultur in der wir uns bewegen, betreffen) erfunden haben, stattfindet, das hat eine gewisse Logik. Daraus resultiert wiederum ein grundsätzlich öffentlich-rechtlicher Ansatz, ein Nähr- und Mehrwert, der über komplett Privatistisches hinausgeht. Nicht weil er muss, sondern weil das für uns/mich hier selbstverständlich ist (weil wir's ja genau deshalb gemacht haben - siehe oben).
 
 
 
Ich habe vor
  nicht allzu langer Zeit länger mit einem österreichischen Blog-Pionier gesprochen, der sich mittlerweile intensiv mit der Sache selbst befasst. Da ist mir der Gegensatz besonders aufgefallen. Der einzig mögliche direkte Weg des privatistischen Blogs ist nämlich der direkt in die Privatwirtschaft. Eine quasi öffentliche Wertschöpfung gibt es da nicht.

Nun ist es zwar durchaus legitim, aus dem, was man tut, Nutzen zu ziehen (schließlich hat einem ja niemand was geschenkt, wie die, die die Bühne mit dem Theater verwechseln, weil sie Probleme mit der Kreation von Inhalten haben, den Naiven oft glauben machen wollen), mir ist es (aus biographischen und auch historischen Gründen) lieber, wenn das im Rahmen einer gesamtjournalistischen Beschäftigung stattfindet, die mir wenigstens zu einem gewissen Grad garantiert, dass ich jetzt eben nicht in das Land des verordneten Lächelns, wie das der Kollege Rotiferunlängst genannt hat, eintreten muss.

Und dorthin zerrt der Trend: zu verfälscht grinsenden Politiker-Blogs, zu aufgesetzten Lonelygirl15-Marketing-Maschinen. Da können die Blogger, die im Stil der alten Fanzines einfach weiterschnoddern, gar nicht so viel machen.
 
 
 
Unlängst
  habe ich in einem anderen Zusammenhang den Ansatz eines meiner realen Vorbilder für diese tägliche Reihe, den großen Folksong-Autor und Interpreten Woody Guthrie zitiert, der sich - wenn man so will - in genau dieser Mitte zwischen privater Kundmachung und professioneller Ausbeutung bewegt hat.

Sein Credo (jeden Tag einen Song, jede Beobachtung, jede Geschichte ist nur dann etwas wert, wenn man sie mit einer Moral oder einer anderen Beobachtung dahinter veknüpfen kann) stellt den "public value" über das rein Private. Ohne das deswegen auszusparen oder gar zu verbiegen - im Gegenteil. Dadurch, dass da einer eine Geschichte erzählt und ganz bewusst seine diesbezügliche Gedankenwelt einfließen lässt, macht ihn das zur orientalischen Großmutter, die Geschichten aus 1001 TagenundNächten erzählt, unerhörte Wahrheiten voller Metaphern-Lüsternheit und leiser Didaktik.

Nicht dass ich mir anmaße, das in seiner Dichte erreichen zu können - aber als Zielvorstellung ist dieses Bild da. Vielleicht mag ich auch deswegen kein Blogger sein. Weil ich - um beim Bild mit Woody Guthrie zu bleiben - eben keine Einkaufsliste oder einen Tagebucheintrag zum gestrigen Abend schreiben will, sondern täglich einen Song.



Mehr dazu heute Abend im Stromboli (Hall/Tirol).

 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick