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Wien | 30.11.2007 | 11:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
EM-Journal '08. Sechsundneunzigster Eintrag.
  Warum die armen überspielten österreichischen Kicker in der grauenhaften Falle einer viel zu langen Meisterschaft verharren müssen.
 
 
 
Gestern hat die Austria Wien,
  der einzige für den internationalen Hauptbewerb qualfizierte österreichische Verein, die zweite hochverdiente Niederlage eingesteckt und damit ein Weiterkommen schon so gut wie verwirkt.
Über die Gründe gibt es nichts Neues zu sagen: zu klar und deutlich ist und war die Unterlegenheit in technischer, strategischer, systemischer und taktischer Hinsicht, zu deutlich auch der Klasse-Unterschied in individueller Hinsicht.

Wie man gegen einen überlegenen Gegner spielt, zeigte kurz zeitversetzt später die portugiesische B-Mannschaft von Braga, die die Bayern ernsthaft fordern konnte: nämlich mit Hirn, guter strategischer Vorbereitung und mit Spielern die sich was trauen und nicht beleidigt sind wie Diva Acimovic, wenn ihnen ein Pass nicht gelingt.
Im Übrigen war Roland Linz als einzige Braga-Spitze in seiner Rolle hervorragend - auch weil er von einem intelligent spielenden Mittelfeld unterstützt wurde; etwas, was die Austria nicht kann.

Denn da verflüchtigte sich der Angriff, weil ihn ein inkompetentes Mittelfeld im Stich ließ, das wiederum von einer unsicheren Abwehr unterlaufen wurde (einzig Gercaliu zeigte sowas wie Willen mitspielen zu wollen). Und das gegen ein Team, das jetzt nicht unbedingt zur Creme des europäischen Fußballs gehört.

 
 
Um nicht nur alles immer
  am Coaching-Team festzumachen: Ich glaube, dass eine internationale Karriere wie sie dem Ex-Austrianer Rachimov und seinem Co, Fredl Tatar gerade droht in Österreich nicht möglich gewesen wäre.
Genauso wie die Liga etwa einen David Lafata auf ein erschreckendes Niveau runternivelliert hat, wäre es hierzulande auch Rachimov als Coach ergangen: nicht viel leisten müssen, weil schwaches Niveau, wenig internationaler Einfluss, wenig Wissen und kein seriöser Anspruch - schon dreht sich die Todesspirale nach unten.
Und da sind Umfeld, Strukturen, Verband, Liga, Sponsoren und Medien allesamt mitschuld.

Glücklicherweise gibt es aber ein Mittel, mit dessen Einnahme man aus diesen peinlichen und die wirklichen Kraftverhältnisse widerspiegelnden Auftritten problemlos in die bunte Welt der heimischen Meisterschaft zurückkehren kann, die unter völliger Außerachtlassung von Substanz und Niveau dann wieder bejubelt werden muss.

Diese Substanz, das E, oder besser das LSD der heimischen Fußball-Macher, der professionellen Hochjubler, Abwiegler und Wegschauer, hat einen lustigen Namen.
Es heißt: die dümmstmögliche Ausrede.
Die funktioniert oft allein aufgrund ihrer grotesken Unwahrscheinlichkeit beim schon halbverblödeten Publikum nämlich recht gut.

 
 
Die dümmstmögliche Ausrede
  die diesmal angewandt wurde lautet: Die Austria ist chancenlos, weil ganz arm, weil ja überspielt und das ist gemein und eigentlich wär ja alles eh ganz anders, wenn, ja wenn.

Die Rechnung lautet: Wenn ein Austrianer auch noch im Team spielt, dann kommt er in dieser Saison auf über 30 Pflichtspiele, und das ist viel mehr als alle anderen. Und das ist gemein und deshalb sind alle krank und verletzt und überspielt und überhaupt und eigentlich wär ja alles eh ganz anders, wenn, ja wenn.

Das Perfide ist: statistisch ist das ja richtig.
Bloß: Zwingt irgendwer das arme Österreich mit vorgehaltener Pumpgun zu dieser Masse an Pflichtspielen?
Hm?
Eigentlich nicht? Nein?
Aha.

Das lustige an der dümmstmöglichen Ausrede ist nämlich, dass man, wenn man sie fest schüttelt, meist die Wahrheit dahinter erkennen kann. Die Dummköpfe, die die dümmstmögliche Ausrede nämlich vor sich her tragen, sind meistens nicht schlau genug die tatsächlichen Missstände aus ihrer dümmstmöglichen Ausrede draußen zu lassen.

 
 
Also:
  kein Mensch, keine UEFA, kein Platini oder Blatter, auch kein ÖFB, rein niemand zwingt die Liga dazu eine Meisterschaft anzusetzen die 36 Runden lang ist.

36 Runden, die in einem alpinen Land, in dem ab November gern Schnee-Chaos einiges lahmlegt, in dem Juli und August dagegen tropische Bedingungen herrschen, ein wenig gar viel schwieriger unterzubringen sind als z.B. in Spanien oder Italien oder Frankreich, wo 20 Teams problemlos 38 Runden ausspielen können. Selbst im rauhen England, wo in den Weihnachtsferien traditionell vier oder fünf (höchst populäre!) Runden weggespielt werden, stellt das kein Problem dar.

Nun hat man den ÖFB-Cup in den letzten Jahren bereits entwertet, indem die Top-Vereine erst im Frühjahr (wenn sichergestellt ist, dass auch der letzte nicht mehr im EC mitspielt) einsteigen müssen. Heuer hat man ihn komplett ausgesetzt.
Die Wirkung dieser Maßnahme geht gegen Null - denn die gegenläufige Ausrede ist jetzt schon da.

Ich will nun nicht das böse Wort in den Mund nehmen, weil einige Menschen, die was davon verstehen, glaubhaft vorrechnen können, dass sich das wirtschaftlich und sportlich nicht ausgeht.
Gut.

 
 
Der Teufel in Gestalt der 16er-Liga
 
Die Strategie deshalb nichts gegen die Misere der vielzuvielen Pflichtspiele zu unternehmen, weil man sich die 16er-Liga ökonomisch nicht zutraut, ist aber etwas gar simpel. Wobei das wiederum an einiges anschließen würde, was die Liga in den letzten Jahren getan, oder besser: eben nicht getan hat. Das war auch allzu simpel.

Kurz zusammengefasst: Für eine 16er-Liga gibt es im derzeitigen, völlig zusammenkaputtetetn heimischen Fußball (der in den letzten Tagen endgültig sowohl den GAK als auch die Admira verlor; der sich auf die Retorten-Sternschnuppen der Marke Trenkwalder, Kärnten und Co nicht einmal ansatzweise verlassen kann) nicht genug Substanz. Gerade einmal zwei bis drei Vereine der jetzigen 2. Spielklasse haben überhaupt die Chance mittelfristig eine Etablierung vorzunehmen.

Deshalb ist eine 16er (oder gar 18er-)Liga, wie sie weltweit mehrheitsfähig sind, nicht machbar. Eine 16er-Liga, das bedeutet aber nur 30 Spiele, keine irrwitzigen 36. Immerhin.

Dass sich die Liga nicht um Alternativen zur derzeitigen Katastrophen-Situation umschaut, zeigt nur, dass ihr lemminghafter Charakter, gepaart mit der oligarchisch anmutenden Struktur (da führen die Dorf-Präsidenten selber die Geschäfte, anstatt an der Spitze Profis zu installieren) untergangsorientiert ist.

 
 
Wie das Amen im Gebet
  folgt der Hinweis auf die Schweiz, die (als einzige europäische Nation von Belang) dasselbe System aufzuweisen hat. Und weil es dort (eh nur mehr schlecht als recht; die Nati lebt auch von den Legionären; hinter Basel und Zürich klafft derzeit eine große Lücke) klappt, werden Alternativ-Modelle abgeblockt.

Interessanterweise haben über ein halbes Dutzend europäische Ligen derzeit ein 12er-Modell und fahren damit halbwegs okay. Einige spielen (wie in unserer 2. Pimperl-Liga) 3 Durchläufe (kommen so auf 33 Spiele), andere teilen nach einem Durchlauf in zwei 6er-Playoffs und kommen so auf 32 Spiele.
Alles besser als die mörderischen 36.

Die wirklich radikale Variante traut sich natürlich keiner anzugehen, weil sie ein Eingeständnis dessen wäre, was durch die schon erwähnte dümmstmögliche Ausrede so verzweifelt versteckt werden muss: dass die Liga ein nicht konkurrenzfähiger und aufgeblasener Witz ist, der längst von großmannssüchtigem Operettenformat auf ein gesundes Maß zurückgestutzt gehört, ehe die Blase wirklich brutal platzt.

Für mehr als eine 8er-Liga reicht es nicht.
Punktum.
Mit den dann auszuspielenden 28 Runden hätte man endlich Luft, würde nicht mehr der Skisaison im Weg stehen, könnte eine sinnvolle Aufbau-Arbeit im Sommer machen (die derzeit, mit einem Meisterschaftsbeginn Anfang Juli!) und würde sich endlich an die geopolitischen Gegebenheiten anpassen.

 
 
Die Einnahmen
  die durch die jeweils vier Heimspiele wegfallen, sind durch den Verzicht auf jeweils einen Querpass-Bak, Schönwetter-Boskovic, Ersatzbank-Kovrig, Schneckentempo-Rzasa, Mitläufer-Lamotte, Dengibtsauchnoch?-Riedl, Flankenvorbeiflieger Cavlina, Dauerverletz-Imhoff, Leberwurst-Ilic oder Trainer-Blender wie Manni Bender (statt dem man sich wohl zwei Omotoyossis hätte leisten können) problemlos zu kompensieren.

Wie etwas hierzulande entweder Unbekanntes oder Unterentwickeltes wie "Scouting" (das genau solche Fehler verhindert) funktioniert, konnte man gestern anhand der Afrika-Connection von Helsingborg eh super studieren.

Wenn die Struktur des heimischen Fußballs in vielleicht fünf oder acht Jahren eine Gesündere ist, weil die sinnlose Geldverbrennung, das mafiöse Zuschieben von Provisionen und Vermittlungsgebühren für unbeobachtete Legionäre und anderer auszehrender Dreck dann der Vergangheit angehören, sollte der Umstieg auf eine 16er-Liga, wie sie unsere Ost-Nachbarn oder die vorhin angesprochenen Portugiesen pflegen, kein Problem sein.

Dass das allein nicht hilft, sich mutig zu stellen, wie es Braga (samt Linz) gestern gegen die Bayern taten, anstatt sich angstvoll zu verkriechen, wie es die wenig standfesten Holzbeine gestern vorführten, ist auch klar.
Aber ein professionellerer Umgang des Umfelds mit dem Sport befördert dann genau das, was eben den Unterschied macht, zwischen dem echten Rachimov und dem Sumperer, der aus ihm geworden wäre, wenn er in Österreich geblieben wäre.

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