fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 17.12.2007 | 17:00 
Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Rotifer, Andreas

 
 
Journal '07: KW 51, Montag.
 
 
 
 
Abschied.
 
Natürlich waren die ersten Reaktionen auf die heute verteilte Nachricht vom Konkurs des Musik-Labels/Vertriebs/Shops Soul Seduction/Black Market (Detail-Infos dazu hier) der leisen Tragik des Falles angemessen. Soul Seduction, das ist nicht irgendwas, sondern steht für einen historisch und aktuell ganz wichtigen Verteiler im eh schmalen Bereich alternativer Musik in diesem Lande. Und während die einen versuchen herauszufinden, was das für den Shop, was das für das Label oder das Netz-Label bedeutet und die anderen darum ringen das Ende einer wichtigen Marke, die für sowas wie Aufbruch in den davor sträflich unterschätzten welten der avancierten Tanz- und Club-Musik stand, würdig zu beschreiben, möchte ich da nicht auch mit der 1000sten Geschichte zur Soul Seduction im Volksgarten, der 100sten Würdigung des Plattengeschäfts/Vertriebs oder zur zigten Hirschenhauser-Anekdote greifen, sondern das behandeln, was mein zweiter Gedanke nach dem "Ojeh, das wird viele Folgeschäden haben!" war.

Dass ich nämlich immer mehr zu einer Philosophie tendiere, die das Ende von wichtigen, richtigen, guten, anständigen und nichtmehr wiederholbaren, niemehr wiederherzustellenden Dingen, Projekten, Szenen etc. nicht als Fanal betrachtet, als Zeichen an der Wand, das gern so tut, als würde es eine Verschwörung des Üblen gegen das Gute geben.

 
 
Als würde uns jemand absichtlich um etwas bringen wollen.
  Auf dieser ein wenig einfältigen Basis surfen genug Bauernfänger, die etwa via SF- oder Fantasy-Medien eine grandiose Koatlition von Gläubigen abzocken.

Ich will damit keinem schulterzuckenden Fatalismus das Wort reden - das ist auch nicht mehr als der blöde Bruder der eben angesprochenen Kassandra, sondern einer größeren Sicht auf die Dinge.

All die Projekte, die irgendwann das Zeitliche segnen, versacken oder verblasen werden, haben nämlich gar nicht als diese Projekte begonnen, sondern waren zuallermeist zufällige Provisorien, die versehentlich eine Konstanz entwickelten. Sie waren allesamt nicht drauf angelegt ewig zu existieren.

Nahezu jeder Mensch in so einem Projekt, das dann Jahre später unter den Tränen vieler zu Ende geht, wird dir heimlich gestehen, dass er/sie zu Beginn nicht geglaubt hätte, mehr als ein halbes Jahr zu überstehen, auch weil dann der Lebensplan etwas anderes vorgesehen hatte.
Was dann vom Erfolg des jeweiligen Dings weggewischt wurde.
 
 
 
Letztlich kommt alles,
  was später einmal wieder vergehen wird, ein wenig aus einem diffusen Nirgendwo, bleibt dann eher zufällig stehen, erhält Konturen, wird provisorisch installiert, quält sich dann durch die Mühen der Ebenen, kämpft gegen die Entwertung für selbstverständlich genommen zu werden und ist irgendwann im Sektor 'Unantastbar' daheim.

Und egal ob es sich dabei um ein Medium, ein Label, ein Produkt, eine TV-Serie oder eine Kolumne handelt, letztlich verhalten wir uns dabei wie bei dieser einen tollen Süßigkeit, die es plötzlich nicht mehr gab, als wir sieben waren, die Betthupferl-Reihe, die wir nachdem wir ihr jahrelang hinterhergeweint haben, jetzt, Jahrzehnte später auf DVD entdecken oder nach der Absetzung dieser tollen Comic-Strip-Reihe in der Tageszeitung: Wir trauern unseren Gewohnheiten nach.

Es geht also, denke ich, keineswegs oder gar nicht so sehr, darum, was jetzt wirklich passiert, wenn etwas Wichtiges, das es jahrelang wie selbstverständlich gegeben hat, verschwindet, welche Folgen es für die quasi Hinterbliebenen haben wird, sondern darum, wie wir dadurch in rituellen Gewohnheiten gestört werden.

 
 
Wenn also etwas verschwindet,
  ein Andockpunkt aus unserer Umgebung, dann mag das in seinen direkten Auswirkungen enger an uns dran sein als etwa die Tierart, die täglich von unserem Planeten verschwindet. Trotzdem kommt es, was dieses unser seltsame Verlust-Bewußtsein betrifft, aufs ziemlich gleiche raus.
Mit jedem dieser kleinen Abschiede glauben wir wohl ein bisschen selber mitzusterben. So benehmen wir uns zumindest; und ich weiß wovon ich rede, ich hab das auch so betrieben.

Bloß: mittlerweile, seit sicher bereits einigen Jahren hat sich meine Wahrnehmung da massiv gedreht. Dinge, die ein Ablaufdatum haben, Projekte, die einer bestimmten Zeit- oder Interessensblase entstiegen sind, Freundschaften, die an Projekte geknüpft sind, oder auch einfach Orte sollten als das behandelt werden, was sie sind: im Zeitfluß, als nicht linear zu definierende oder gar abgeschlossene Einheiten, mit privaten Erwartungshaltungen aufgeladen.
 
 
 
In diesem Zusammenhang ist mir
  die letzte Ausgabe einer durchaus interessanten Zeitschrift eingefallen: Bob hat seine letzte Ausgabe nämlich unter genau dieses Motto gestellt, "Abschied".
Und da es sich dabei nicht um selbstrefentielles Gejeiere handelt, sondern einfach um eine finale Ausgabe eines auf Zeit angelegten Projekts, fühle ich mich diesem Ansatz recht verwandt.

Wie in jedem der Themenhefte von Bob (die ihren lustigsten Moment in ihrem Kampf mit der Billig-Telefonmarke hatten, die nach ihnen daherkam und den Brand also kaputtmachte) sammeln sich da Beiträge an, die viel oder wenig mit der Vorgabe zu tun haben - und das ist im Abschiedsfall besonders wertvoll, weil eben nie diese Alles-ist-ganz-furchtbar-Stimmung aufkommt.
Selbst die in sich depressivste Geschichte, die von einem Reporter erzählt, der vor elf Tagen von seiner Freundin verlassen wurde und vor neun Tagen erfahren hat, dass seine Zeitschrift eingestellt wird, für die er jetzt, pro forma, noch ein Interview mit einem Superstar macht.

Und nicht einmal das kommt prätentiös daher.
Die Bob-Menschen haben im Übrigen schon neue Pläne und neue Projekte, auch wieder provisorisches Zeug ganz ohne Aussicht auf längeres Überleben. Die besten Vorraussetzungen also für hohe Langlebigkeit.

 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick